Bevor ich anfange, eine kleine Vorwarnung an alle, die es mit Fußball nicht so am Hut haben: Ich fange zwar an damit, über Fußball zu reden. Aber das mache ich nur, damit wir am Ende an einem Punkt ankommen, der wirklich gar nichts mehr mit Fußball zu tun hat.
In der Nacht von Montag auf Dienstag ist Deutschland bei der Weltmeisterschaft ausgeschieden. Gegen Paraguay, das als das eines der schwächsten Länder in dieser WM galt. Das dritte Mal in Folge, dass Deutschland bei einer Weltmeisterschaft nicht ins Achtelfinale vorgestoßen ist. Eine Blamage historischen Ausmaßes. Eine Niederlage, die Julian Nagelsmann das Amt gekostet hat. Denn wenn man genauer hinschaut, dann lag es nicht an zweifelhaften Entscheidungen des Schiedsrichters, an Undavs Chancenverwertung oder anderen Zufällen. Es liegt daran, dass beim Deutschen Fußballbund seit Jahren niemand mehr Risiko eingeht. Das sah man schon daran, als Rudi Völler der neue starke Mann beim DFB wurde: Klar, es gibt nur einen Rudi Völler. Und ein schlagkräftiger Sprücheklopfer ist er auch. Aber als jemand, der Risiken eingeht, Neues wagt, war er nicht bekannt. Und als er Nagelsmann zum Trainer machte, da war das auch keine sonderlich inspirierte Idee: Nagelsmann war der bekannteste Name, man wusste, was man bekommt. Und so nominierte Nagelsmann auch Spieler für den WM-Kader: Die alten Bekannten. Leute, die er kennt. Und so fuhr der große Tanker Deutscher Fußball durch das Meer, bis er – mal wieder – auf Grund lief. Weil keiner etwas wagte. Weil Risiko gescheut wurde.
Aber Jesus sagt zu Petrus: Fahr raus, wo es tief ist.
Doch es gab mal eine Zeit, in der war man risikofreudiger: Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2004? Deutschland hatte auch da sich fußballerisch blamiert, war bei der Europameisterschaft in der Vorrunde ausgeschieden. Spielte Rumpelfußball. Der damalige Teamchef Rudi Völler musste seinen Hut nehmen. Und es kam: Jürgen Klinsmann. Legende, Welt- und Europameister. Scheinbar auch keine sonderlich kreative Wahl.
Aber Klinsmann war kein Denker nach Schema F. Er öffnete die geheime Box des deutschen Fußballs und warf alles raus, was ihm nicht gefiel: Er heuerte einen amerikanischen Fitnesstrainer an, weil er fand, dass die Mannschaft athletisch völlig katastrophal war. Er warf Bernd Pfaff als DFB-Direktor raus und trennte sich von Sepp Maier, als dieser seine Arbeit öffentlich in Frage stellte. Er holte einen Sportpsychologen, der mit den Spielern jedes Spiel durchging. Im Training wurde jetzt viel weniger stumpf gekickt, sondern über Seile gesprungen und mit verbundenen Beinen die Hüfte trainiert. Dann sägte er auch noch Oliver Kahn als Nummer 1 ab. Und zu allem Überfluss blieb er einfach in Kalifornien leben und zog nicht dauerhaft zurück nach Deutschland.
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass Klinsmann für all das teilweise sehr kritisch gesehen wurde. Auf einem Familiengrillen, es muss kurz vor der WM 2006 gewesen sein, sagte jemand zu mir, zwischen zwei Rippchen: „Ein deutscher Nationaltrainer, der im Ausland lebt? Na, das kann ja gar nichts werden!“
Und was geschah? Ein Sommermärchen. Lahm, der gegen Costa Rica ein Traumtor schoß. Deutschlandfahnen an Autos, in Gärten, an öffentlichen Plätzen. Lehmann, der zwei Elfmeter gegen Argentinien hält. Zwar kein Titel, aber ein respektabler Platz 3. Und ein Land, das nach langem zum ersten Mal mit sich selbst im Reinen scheint.
Und das, weil da jemand rausgefahren ist, wo es tief ist.
Ja, genau das sagt Jesus zu Petrus. Petrus, der die ganze Nacht gefischt hat. Das Ergebnis: Nichts. Rein gar nichts. So lange zu arbeiten und nichts zu fangen? Das muss frustrierend sein, müde ist er sicherlich ohnehin bereits. Er ist fertig mit diesem Tag, will sich wahrscheinlich einfach nur noch hinlegen.
Aber Jesus sagt: Fisch noch einmal. Und fahr dieses mal raus, wo es tief ist. Nicht: „Fahr ins seichte Wasser.“ Auch nicht: „Machs doch noch eine Nacht genauso.“ Sondern: Wag dich dahin, wo du es noch nicht probiert hast, wo es unbekannt ist, wo du ein Risiko eingehst. Und Petrus, der wirklich jedes Recht der Welt gehabt hätte, sich nicht von einem Zimmermann aus Nazareth Empfehlungen zu seinem Handwerk geben zu lassen, der sagt: „Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ Und kaum tut er es, zerreißen sie fast vor lauter Fischen.
Und das ist erst der Anfang: Denn Petrus steigt später aus dem Boot aus, geht den Weg mit Jesus mit. Er fährt wieder raus, wo es tief ist – zwar nicht sprichwörtlich, aber metaphorisch: Er riskiert etwas, wagt den Aufbruch ins Unbekannte, lässt sich herausfordern. Er wird Jesus verleugnen, drei mal. Ist dann von seiner Scham am Boden zerstört. Aber Jesus ruft ihn wieder – und er, so erfreut, den Auferstandenen zu sehen, wirft sich vor Freude aus dem Boot ins Wasser, um irgendwie schneller wieder bei ihm zu sein. Er predigt an Pfingsten in Jerusalem – und 3000 Leute wollen sich taufen lassen. Er wird ins Gefängnis geworfen, reist quer durch das Römische Reich. Ihm werden Briefe zugeschrieben. Und am Ende, so erzählt es die Tradition, stirbt er in Rom genau deshalb, weil er an den Mann glaubt, der einst zu ihm sagte: „Fahr raus, wo es tief ist.“ Ein Leben lang draußen im tiefen Wasser. Ein Leben, das sich nicht zu bequem war, im Seichten zu bleiben.
Und jetzt stellen Sie sich vor, eben dieser Petrus würde jetzt bei uns hier im Gottesdienst sitzen. In diesem Dom, in dieser Stadt, von der er sicherlich zu seinen Lebzeiten nichts gehört hat. Ein Fischer vom See Genezareth, der über das Mittelmeer nie hinauskam – und jetzt wir, die hier seine Geschichte hören, seine Treue, seinen Wagemut. 2000 Jahre später. Er müsste sich wahrscheinlich ungläubig die Augen reiben, was aus der Kirche geworden ist, zu deren Fels Jesus ihn einst machte. Wie viele Menschen, wie viele Gemeinden hier und weltweit begeistert wurden von der Geschichte, die er einst live miterlebte. Und das alles ist aus einem Satz passiert: „Fahr raus, wo es tief ist.“
Viele Menschen werden durch das Hochstapler-Syndrom gebremst – das ständige Gefühl, Erfolge im eigenen Leben nicht zu verdienen. Es gibt vieles, was sie gerne tun würden, aber sie kommen gar nicht erst auf die Idee, es anzugehen, bevor sie es als ein unerreichbares Ziel abtun.
Doch wenn wer wie Petrus anfängt, diese vorgefassten Meinungen loszulassen, wer anfängt, seinem Herzen zu vertrauen, wer anfängt, da raus zu fahren, wo es tief ist – der beginnt das Leben vielleicht erst richtig. Schließlich ist ein lebenswertes Leben ein Leben, an das man wirklich glauben kann. So wie Petrus, der Fischer, der zum Felsen des Christentums wurde.
Ich glaube, das ist die große Einladung, die Jesus auch heute noch für uns bereit hält. Nicht bloß für den DFB, der hoffentlich bald wieder mehr unkonventionell und mutig ausprobieren wird. Sondern auch für uns, für unsere Gemeinden, für jeden einzelnen hier in diesem Raum und darüber hinaus. Wo bleiben wir im Flachen, obwohl die Netze leer bleiben? Wo würde Jesus uns heute sagen: „Fahr raus, wo es tief ist.“
Petrus hat diese Einladung angenommen – weil er nicht darauf vertrauen musste, dass er klug und weise ist.
Sondern weil er vielleicht ahnte, dass Jesus, der in sein Boot stieg, wusste, was ihn im tiefen Wasser erwarten wird.
Und weil er ahnte, dass mit Jesus sein echtes Leben gerade erst begonnen hatte.
Amen.
(Gehalten am 05.07.2026 im Schweriner Dom.)
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