Dies ist Teil 5 in der Reihe über Kontenmodelle: Im Fokus das 2+1-Modell und verschiedene Logiken, um die Kostenbelastung fair zu teilen. Den Überblick über alle vier Modelle gibt es in Teil 1, die Deep Dives zum Ein-Konto-Modell, zum 1+1-Modell und zum 1+2-Modell findet ihr ebenfalls hier.
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Das 2+1-Modell ist das Modell, für das mein Mann und ich uns am Ende entschieden haben. Dabei war ich eigentlich vom 1+2-Modell überzeugt (siehe Teil 4) und als sich die Frage nach der Neu-Organisation unserer Finanzen stellte, pitchte ich es selbstbewusst meinem Mann. Aber der reagierte nicht, wie ich mir das vorgestellt hatte – sondern mit einem tiefen Seufzer.
Wir durchdachten das Ganze dann einmal gründlich, wogen für und wider ab und kamen zum Schluss: Wir beide, ich Mitte 30, er Anfang 50, schleppen beide einfach schon zu viel “Leben” mit uns rum, als dass eine Komplett-Konsolidierung der Finanzen einfach sein würde. Wir waren keine ungescholtenen Anfang-20-er mehr, ohne Vermögen und ohne Ballast, sondern hatten in den Jahrzehnten, bevor wir uns kennenlernten, schon so manches an Pflichten und Verbindlichkeiten eingesammelt.
Patchwork: Mein Mann trägt zum Beispiel Verantwortung für zwei Töchter aus erster Ehe. Wie würden wir mit ihrem Unterhalt umgehen? Mit Geschenken für sie? Mein Mann wollte (verständlicherweise!) nicht, dass ich mich da irgendwie einmische.
Eigentum: Wir beide hatten vor unserem Kennenlernen Eigentumswohnungen gekauft. Wie ließen sich unsere individuellen Kredite im 1+2-Modell abbilden, wenn monatlich unterschiedliche Zinsen bedient und Tilgungen gezahlt werden mussten, beide Wohnungen aber nur im Namen von je einem von uns liefen?
Hobbies: Wir haben unsere eigenen Hobbies, die uns wichtig sind und das wir autonom pflegen und finanzieren möchten. Bei mir sind es teure Laufschuhe, von denen ich alle vier Monate ein neues Paar brauche. Bei meinem Mann ist es sein kleines Segelboot, das in seinem mittelprächtigen Zustand laufend Geld verschlingt. Für beides wollten wir uns nicht ständig Rechenschaft ablegen müssen.
Wäre es wirklich denkbar, all diese laufenden Zahlungen und Verpflichtungen zu solidarisieren? Oder würde genau das nicht ständig zu Diskussionen und Konflikten führen?
Wir entschieden uns deshalb für das 2+1-Modell. Wir behielten beide unser eigenes Konto und führten zusätzlich ein Gemeinschaftskonto, auf das jede:r monatlich eine festgelegte Summe überwies. Von diesem “Budget” zahlen wir unsere gemeinsamen Kosten für Wohnen und Alltag. Für Urlaube und Sonderanschaffungen überweisen wir oft zusätzliche Beträge. Alles andere, also unsere individuellen Immobilienkredite, Unterhaltspflichten, Geschenke für Freunde, für Hobbies und Freizeit, und für unsere freiwillige Vorsorge, läuft weiter über unsere individuellen Konten.
Am Ende war es das richtige Modell, weil es auf unsere “Leben davor” Rücksicht nimmt. Was mir außerdem am 2+1-Modell gefällt, ist die Flexibilität, wenn sich etwas ändert. Wir sind z.B. mit einem 50:50-Split unserer Beiträge zum Gemeinschaftsbudget gestartet, weil wir beide gut und annäherend ähnlich verdienten. Während unserer Elternzeiten und anschließenden Teilzeit, sowie jetzt in meinem ersten Jahr der Selbstständigkeit haben wir diesen Beitragssplit immer mal wieder angepasst. Aktuell überweist mein Mann etwa 60%, ich 40% unseres Familienbudgets jeden Monat aufs gemeinsame Konto.
Denn, das ist wichtig: Es gibt verschiedene Berechnungsansätze, um die Anteile an den gemeinsamen Kosten zu übersetzen: Die Ausgaben zu teilen (I), die Belastung zu teilen (II), das gemeinsam verfügbare Geld zu teilen (III). Mehr dazu weiter unten.
Beim 2+1-Modell behält jede:r das eigene Gehaltskonto, daneben gibt es ein zusätzliches Gemeinschaftskonto. Jede:r überweist monatlich einen festgelegten Betrag auf dieses gemeinsame Konto, und davon werden die vereinbarten gemeinsamen Kosten bezahlt. Alles andere bleibt auf den individuellen Konten.
Es ist das Spiegelbild des 1+2-Modells. Beim 1+2 fließt alles Einkommen ins Gemeinsame, und ein kleiner Teil kommt als Taschengeld zurück. Beim 2+1 ist es umgekehrt: Das Einkommen bleibt bei jeder Person, und nur ein definierter Anteil fließt ins Gemeinsame. Das Gemeinsame ist hier die kleinere, bewusst umrissene Zone, nicht der große Topf.
Exkurs: Kostenteilungsansätze
Spannend wird die Frage, wie hoch die Beiträge sind, also wie ihr die gemeinsame Kostenbelastung aufteilt. Darauf gibt es nicht eine richtige Antwort, sondern mehrere Fairness-Ansätze:
I. Ausgaben teilen. Hier werden die Gemeinschaftsausgaben durch zwei geteilt, das passt gut bei ähnlichen Einkommen.
II. Belastung teilen: Hier werden die Anteile an den Kosten in der Regel proportional zum Einkommen festgelegt. Wer mehr verdient, zahlt einen größeren Anteil (zum Beispiel 60:40). So wird das Einkommensgefälle ausgeglichen.
III. Cash teilen und Ausgleich optimieren: Hier werden zunächst alle gemeinsamen Kosten beglichen. Was dann noch übrig bleibt, steht beiden Partner:innen zu je gleichen Teilen zur Verfügung (es entspricht der Logik des 1+2-Modells, ließe sich aber auch im 2+1-Modell mit ein wenig mehr Aufwand abbilden).
Das 2+1-Modell ist die Pragmatikerin unter den Kontenmodellen. Es ist perfekt für Paare, die schon lange mit eigenen Konten agieren und darüber verschiedenste Verpflichtungen und Verbindlichkeiten abwickeln, die aber auch ein gewisses Grundbedürfnis an Autonomie und Eigenständigkeit haben.
Seine erste Stärke ist der Umgang mit „Baggage”, also Verbindlichkeiten und Themen, die nur eine Person von beiden betreffen. Diese bleiben dann einfach da, wo sie sind - bei der Einzelperson. Unterhalt gegenüber Kindern aus einer früheren Beziehung oder pflegebedürftigen Angehörigen sind solche Verpflichtungen, genauso wie Immobilien, laufende Kosten einer Freiberuflichkeit (z.B. durch Angestellte, Büromieten), Hobbies o.ä.
Seine zweite Stärke ist die Flexibilität in der Teilung von Kostenbelastung. Weil die Beiträge, die beide zum Gemeinschaftskonto leisten, frei festgelegt werden, lassen sie sich anpassen, sobald sich etwas ändert: Elternzeit, Teilzeit, ein Jobwechsel, der Sprung in die Selbstständigkeit. All dies sind Anlässe, die sich mit einer zeitweisen Anpassung der Beiträge zum Gemeinschaftskonto meist gut abfangen lassen.
Und drittens macht das Modell Fairness und Ausgleich gestaltbar. Statt alles (1-Konto-Modell) oder nichts (1+1-Modell) zu teilen, entscheidet ihr bewusst, wie viel Ausgleich ihr untereinander wollt (siehe oben: I. Ausgaben teilen, II. Belastung teilen, III. Cash teilen).
Das 2+1-Modell ist sehr wendig und mächtig, aber es verlangt auch durchaus “Zuwendung”, Aufmerksamkeit und:
Nach dem 1+1-Modell hat dieses Modell den höchsten laufenden Abstimmungsbedarf. Ihr müsst zunächst die Beiträge zum Gemeinschaftskonto festlegen, außerdem die Regeln im Umgang mit “gemeinsamem” und “eigenem” Geld. Reicht der Gesamtbetrag einen Monat mal nicht, müsst ihr beide nachschießen. Ihr müsst, in Summe, viel rund um Geldthemen kommunizieren und kooperieren. Wer Geldgespräche lieber meidet, kann mit anderen Modellen weniger Transaktionsaufwand haben.
50:50, proportional oder auf Ausgleich optimiert: Eure Wahl der Logik, mit der ihr eure Kosten teilt, solltet ihr möglichst bewusst fällen, zusammen mit einer Vereinbarung darüber, in welchen Situationen ihr über eine Anpassung sprechen solltet. Ein schnelles und achselzuckendes “Ok” passiert oft zu schnell und fällt einem Paar dann später auf die Füße, weil sich einer mit dem Kostensplit dann doch nicht fair behandelt gefühlt hat. Denn 50:50 ist in vielen Fällen eben nicht fair: Zum Beispiel dann,
wenn beide Partner sehr unterschiedlich verdienen,
eine:r deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit trägt und dafür auf bezahlte Erwerbsarbeit verzichtet.
Was zahlt das Gemeinschaftskonto, und was bleibt individuell? Je klarer das ist, desto weniger führen Einzelausgaben zu Ad-hoc-Diskussionen beim Abendessen.
! Merke !
Im 2+1-Modell wird Care-Arbeit nicht automatisch aufgefangen, anders als beim Ein-Konto- und beim 1+2-Modell. Sie wird nur in dem Maß kompensiert, in dem ihr das in die Kostenteilungslogik einbaut. Wenn eine Person z.B. beruflich zurücktritt und ihr trotzdem stur bei 50:50 bleibt, wird aus dem 2+1-Modell schleichend die Abhängigkeitsfalle des 1+1-Modells.
Das 2+1-Modell funktioniert gut, wenn
ihr schon einen Sack „Leben” mit in die Beziehung bringt: Kinder aus früheren Beziehungen, Unterhaltspflichten, Kredite oder andere ungleich verteilte Alt-“Lasten”,
sich eure Situation absehbar dynamisch verändert (Elternzeit, Teilzeit, Selbstständigkeit, schwankende Einkommen),
ihr nicht verheiratet seid, aber eure Kosten solidarisieren möchtet,
ihr euer “Eigenes” pflegen möchtet, über das ihr euch gegenseitig keine Rechenschaft ablegen möchtet (Hobbies sind das beste Beispiel);
euch finanzielle Autonomie wichtig ist, aber auch ein Minimum an Stabilität im Finanziellen miteinander, Chaos- und “krisenfest” ist (wenn z.B. eine:r von euch deutlich chaotischer mit seinen bzw. ihren Finanzen ist, kann das eine Konfliktquelle sein - siehe auch 1+1-Modell),
ihr bereit seid, regelmäßig immer wieder den Abgleich zu machen und womöglich Anpassungen an Euren Beiträgen vorzunehmen,
Es ist kein Zufall, dass viele Paare ab einem gewissen Alter bei diesem Modell landen. Ab Mitte/Ende 30 - manchmal früher, manchmal später - ist einfach oft schon zu viel passiert, als dass die Komplett-Konsolidierung der Finanzen so einfach wäre. Das Kontenmodell schafft die Basis für Solidarität unter sich wandelnden Umständen, lässt Raum für Autonomie und individuelle Verpflichtungen. Es ist das Modell, das ungleiche Vorgeschichten und sich wandelnde Verhältnisse womöglich am flexibelsten abbildet.
Übung
Rechnet einmal aus, was jeder und jedem von euch nach Abzug der Beiträge zum Gemeinschaftskonto und weiterer Verpflichtungen (Unterhalt, Zinsen, …) frei übrig bleibt. Liegt das weit auseinander? Fühlt sich diese Differenz für euch beide fair an?
Der laufende Abstimmungsbedarf ist deutlich höher, als zum Beispiel beim 1-Konto- oder 1+2-Modell, weil Veränderungen in den Rahmenbedingungen (Veränderungen im Einkommen, bei den Kosten, …) eben nicht automatisch vom Modell aufgefangen werden. Ihr müsst stattdessen aktiv miteinander einchecken, um über Anpassungen zu sprechen und zu entscheiden - bevor sich stiller Groll bei einem von Euch aufbaut.
Die Grenze zwischen „gemeinsam” und „individuell” muss verhandelt werden. Ist Fitnessstudio Privatsache oder gemeinsame Gesundheitsvorsorge? Ist Lunch mit Kollegen eine “Ausgabe des täglichen Bedarfs” oder euer individuelles Vergnügen? Bei ungleichen Altlasten kann das Unmut auslösen („Warum muss ich die Hälfte der Miete zahlen, wenn ich doch schon so von meinen Unterhaltspflichten belastet bin”).
Care-Arbeit wird nicht automatisch ausgeglichen. Bleibt ihr aus Bequemlichkeit bei 50:50, während sich die Lasten verschieben, entstehen schnell Schieflagen, die mindestens eine:r von euch als unfair empfindet oder sie langfristig stark benachteiligen.
Apropos “aktiver Ausgleich”: Hierzu arbeite ich gerade an einem weiteren Mehrteiler. Wenn dich das Thema Ausgleich also interessiert, abonniere UnFairTeilt am besten und verpasse die Ausgaben dazu in den kommenden Wochen nicht.
Die rote Linie des 2+1-Modells ist ähnlich wie die des 1+1-Modells: Ein starrer 50:50-Kostensplit, obwohl Einkommen, Erwerbs- und Care-Arbeit stark ungleich verteilt sind. Das sieht auf den ersten Blick nach “Augenhöhe” aus, ist es aber nicht, weil es den oder die Geringerverdienende ungleich mehr belastet und finanzielle Freiräume (für Vorsorge, persönliche Bedürfnisse) nimmt.
Wenn das 2+1-Modell für euch eine Option ist, sind das die Fragen, die ihr vorher klären solltet:
Nach welcher Logik legt ihr die Beiträge zum Gemeinschaftskonto fest: 50:50, proportional zum Einkommen oder auf Ausgleich optimiert? Wieso ist ein Modell wirklich fair - und warum womöglich nicht?
Was genau zahlt das Gemeinschaftskonto, und was bleibt strikt individuelles Privatvergnügen?
Wie geht ihr mit “Altlasten” um, also mit Krediten, Unterhalt und ähnlichen Verpflichtungen, die nur eine Person betreffen? Berücksichtigt ihr es beim Kostensplit, wenn eine:r von Euch dadurch unverhältnismäßig mehr belastet ist?
Wann und wie passt ihr die Beiträge an, wenn sich Einkommen oder Care-Verteilung verschieben? Was sind “Auslöser” für ein Geldgespräch dazu?
Wie stellt ihr bestmöglich sicher, dass ihr beide genügend Freiraum für eure individuellen Bedürfnisse und Hobbies, aber auch für Vorsorge habt?
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