Der spirituelle Philosoph Ken Wilber bezieht sich in seinem Buch “One Taste” (“Ein Geschmack”) an vielen Stellen eine einfache, fast nüchterne Form spiritueller Anleitung: die sogenannten pointing-out instructions. (“Fingerzeige”)
Sie zielen nicht darauf ab, einen besonderen Zustand herzustellen, sondern lassen erkennen, was bereits da ist und gewöhnlich übersehen wird. Wilber beginnt oft mit einem unspektakulären Hinweis: Achte auf die Inhalte deiner Erfahrung - Geräusche, Körperempfindungen, Gedanken.
Alles ist in Bewegung, alles entsteht und vergeht: “Alles, was gesehen werden kann, entsteht und vergeht. Also bist du nichts von dem, was gesehen werden kann.“
Der Wechsel der Inhalte führt zu einer Beobachtung, die sich nicht mehr überlisten lässt: Nichts davon ist stabil genug, um Ich zu sein.
Der entscheidende Schritt ist der Schwenk vom Inhalt zur Weite, in der alles auftaucht. Wilber nennt sie schlicht das offene Feld des Bewusstseins. Kein Ding, kein Objekt, sondern die stille Klarheit, in der jedes Erlebnis erscheint.
Er fragt: “Was ist sich dieses Moments bewusst? Nicht als Gedanke, sondern unmittelbar.” Dieser Satz ist weniger Frage als unmittelbarer Hinweis - ein Zeigegestus zurück zur Quelle des Erlebens. Und genau dort beginnt für Wilber die Einsicht, die den ganzen Text durchzieht: “Du schaust nicht auf die Bewusstheit. Du schaust als Bewusstheit.“
Wenn sich dieser Blick verlagert, bekommt das Alltägliche einen eigenartigen Akzent. Regen, Stimmen im Nebenzimmer, der Druck des Stuhls - alles trägt denselben ‘Geschmack’, weil alles im selben offenen Raum erscheint. Daher der Titel des Buches. “Wenn alle Dinge im selben klaren Licht auftauchen, teilen sie einen einzigen Geschmack.“
Es ist kein romantischer Zustand, kein spiritueller Nebel, sondern eine intensive Ernüchterung:
Das Drama der Identifikation verliert seine Schwere, ohne dass die menschlichen Konflikte verschwinden. Wilber betont wieder und wieder, dass Befreiung nicht heißt, psychologische Arbeit zu umgehen, sondern sie aus einer anderen Perspektive zu führen. Das Ego mit seinen Dramen bleibt, aber es verliert seine Alleinherrschaft.
Die Wirkung dieser “pointing-out instructions” liegt in ihrer Schlichtheit. Sie versprechen nichts und zeigen doch auf etwas, das sich nicht widerlegen lässt:
Die Bewusstheit, in der unser Leben stattfindet, ist nicht erzeugt, sondern grundlegend. Und wenn man dieser Tatsache einmal direkt begegnet, sie nicht nur denkt, sondern selbst erlebt - wird es merkwürdig schwieriger, sich vollständig im Sturm der eigenen Gedanken, Gefühle und Geschichten zu verlieren.
Alles erscheint, alles verschwindet - und etwas bleibt unverändert: das, was schaut. Und dieses Schauen war immer frei, ist immer frei, und wird immer frei sein.
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Niels Koschoreck
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