RSS Amplifier

Feuilleton – News und Hintergründe zu Kunst und Kultur | NZZ · Aug 20, 2026

Der gebrochene Mann: Christopher Nolan macht aus Odysseus einen modernen Menschen, der selbst nicht mehr an sein Heldentum glaubt

0
Sign in to vote or save

Thomas Ribi · Neue Zürcher Zeitung

Der gebrochene Mann: Christopher Nolan macht aus Odysseus einen modernen Menschen, der selbst nicht mehr an sein Heldentum glaubt

Bedrückt, mürrisch, depressiv: Die neue Verfilmung der «Odyssee» zeigt Odysseus als Mann, der sich schuldig fühlt – ein Gefühl, das der Antike fremd war.

7 Leseminuten


Ein Held, der an einer Schuld zerbricht, für die er sich selbst verantwortlich macht: Matt Damon als Odysseus in Christopher Nolans «Odyssey».

Ein Held, der an einer Schuld zerbricht, für die er sich selbst verantwortlich macht: Matt Damon als Odysseus in Christopher Nolans «Odyssey».

LMK/Imago

Er lacht nie. Wirkt bedrückt, reagiert manchmal mürrisch. Verständlich. Es ist nicht leicht, Odysseus zu sein. In Christopher Nolans neuer Verfilmung erst recht nicht. Matt Damon spielt jede Szene, als ob er die Last der ganzen Menschheit auf seinen Schultern tragen würde. Oder zumindest die Schuld an der Zerstörung Trojas. Das ist genug für ihn und womöglich mehr, als er erträgt. Auch wenn ihm die Schutzgöttin Athene persönlich beisteht.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Seit einem Monat ist Nolans «Odyssey» in den Kinos und hat bereits über eine Milliarde Dollar eingespielt. Mehr als jeder andere der Filme des Starregisseurs. Ein Riesenerfolg, mit den Nebengeräuschen, die es bei Literaturverfilmungen immer gibt. Dass Helena mit der schwarzen Schauspielerin Lupita Nyong’o besetzt wurde, stiess auf Kritik. Beflissene Altertumswissenschafter monieren, welche Fehler sich das Ausstattungsteam bei den Requisiten zuschulden kommen liess: Die Form der Helme sei historisch so wenig korrekt wie die Bauart der Schiffe oder die Rüstungen der Krieger. Und in den mykenischen Palästen habe es keine Schiebetüren gegeben.

Der Tech-Gigant Elon Musk wusste, schon bevor er den Film gesehen hatte, was er von ihm zu halten hat: nichts. «Ein wokes Stück, historisch verfälschend», schrieb er auf X. Eine nach den Diversity-Vorgaben der Filmindustrie besetzte schwarze Helena, ein zaudernder Odysseus statt eines Helden, an dem man sich ein Beispiel nehmen könnte. Nolan missbrauche den antiken Stoff für einen linken Kulturkampf. Nach allem, was man weiss, hat Musk den Film noch immer nicht gesehen. Aber er kündigte einen eigenen, KI-generierten Odysseus-Film an. Historisch korrekt und vor allem: heroisch.

Emily Wilson, die britische Altphilologin, findet Nolans Odysseus platt, langweilig, dümmlich. In ihrer «Odyssee»-Übersetzung bezeichnete sie Odysseus als «complicated man» – ganz am Anfang des Epos, wo Odysseus mit dem Adjektiv «polýtropos» charakterisiert wird. Das kann man so übersetzen. «Polýtropos» heisst so viel wie «vielgewandt», «viel herumgekommen» oder «wandlungsfähig, geschickt». Vielleicht tatsächlich auch «kompliziert, schwierig». Wilson liest Homer sprachlich präzis und mit dem Blick einer Frau des 21. Jahrhunderts. Nüchtern, ohne dem heroischen Pathos zu erliegen. Die fragwürdigen Seiten des Helden beschönigt sie nicht: ein schwieriger Mann eben.

Ein bisschen Roman, ein bisschen Märchen

Christopher Nolan beruft sich ausdrücklich auf Wilsons Übersetzung. Wilson konterte in einem Interview, davon sei nichts zu spüren. Viel mehr als den ersten Satz ihrer Übersetzung habe Nolan wahrscheinlich gar nicht gelesen. In einem Essay in der «London Review of Books» kritisiert sie, Nolans Version der Erzählung ziele an den zentralen Aspekten des antiken Epos vorbei. Sie sage nichts über Zeit, Erinnerung, Krieg. Nichts darüber, was es heisse, als Held nach Hause zu kommen. Zu Familie, Nachbarn, Feinden und Neidern. Diese «Odyssee», schloss Wilson, sei ein effekthascherisches Spektakel. So familienfreundlich wie ein Feuerwerk – und von der gleichen emotionalen Tiefe.

Eine schwarze Helena, die falschen Waffen, zu wenig Gehalt: die üblichen Nörgeleien eben. Dabei ist die entscheidende Frage nicht, ob die Verfilmung die Vorlage korrekt wiedergibt. Das kann sie gar nicht. Das 8. Jahrhundert v. Chr., in dem die «Odyssee» entstand, ist zu weit weg, als dass man sich eine klare Vorstellung von den politischen und sozialen Bedingungen machen könnte, unter denen die Menschen damals lebten. Die Welt des späten 2. Jahrtausends v. Chr., das sich in den Erzählungen über den Kampf um Troja spiegelt, ist noch viel schwerer greifbar.

Und vor allem ist die «Odyssee» kein Geschichtsbuch, sondern eine Mischung aus Roman und Märchen, in der sich die Lebensverhältnisse verschiedener historischer Epochen vermischen. Die mythische Welt der Helden, Paläste und Kriege ist in der Erzählung von der Heimkehr aus Troja nur noch eine ferne Erinnerung. In Odysseus’ Reisen in unbekannte Länder, zu fremden Menschen spiegelt sich die Gegenwart des «Odyssee»-Dichters: die Kolonisationszeit, in der junge Griechen aus dem Mutterland auswanderten, um in Sizilien, am Schwarzen Meer, in Libyen neue Städte zu gründen, und in der von Griechenland aus Handelsbeziehungen bis nach Asien und Afrika gepflegt wurden.

Eine Zeit des Aufbruchs. Vielleicht deshalb ist die «Odyssee» ein Buch, das heute noch von Interesse ist, obwohl es vor zweieinhalbtausend Jahren verfasst wurde. Um es zu verfilmen, braucht es weder historisch korrektes Dekor noch griechische Hauptdarsteller, wie einige griechische Politiker verlangten. Man muss die Geschichte nicht historisierend erzählen. Aber so, dass sie verstanden wird. Und die Figuren so zeichnen, dass sich Menschen von heute in ihnen erkennen können.

Kein Held wie jeder andere

Da liegt das Problem. Achilles, Agamemnon, Ajax, Menelaos und seine Gefährten, die Troja zehn Jahre lang belagerten und schliesslich zerstörten – sie sind uns heute fremd. Ihr Verständnis von Ruhm, das sich nach Mut und der Zahl getöteter Feinde bemisst, hat in unseren postheroischen Zeiten ausgedient. Im Westen ist ihr Heldentum, das den Kampf bis zum Tod als Ideal verherrlicht, in den Trümmern zweier Weltkriege untergegangen.

Nur, Odysseus ist kein Held wie die anderen, die vor Troja kämpften. «Immer der Beste sein und die anderen übertreffen»: So definiert der Dichter der «Ilias» das Selbstverständnis des adligen Kriegers. Das trifft auf Odysseus zu. Er ist der Beste. Aber auf ganz besondere Weise. In der «Ilias» wird er als Mann geschildert, der auf den ersten Blick unscheinbar schien: «Er stand da, mit zum Boden gesenktem Blick, seinen Stab hielt er fest in den Händen, ohne ihn zu bewegen, wie einer, der es nicht gewohnt ist, vor anderen aufzutreten», heisst es an einer Stelle: «Aber sobald er zu sprechen begann, flogen die Worte aus seinem Mund, wie Schneeflocken im Winter vom Himmel fallen, und niemand hätte es mit ihm aufnehmen können.»

Odysseus steht auf der Schwelle zwischen der untergegangenen heroischen Epoche und einer neuen Zeit, in der sich Machtverhältnisse und Lebensformen in Griechenland grundlegend veränderten. Die Seefahrt entwickelte sich, der Handel blühte, die östliche Mittelmeerwelt erlebte einen Boom. Nicht militärische Eroberung, sondern Handel war der Motor der Entwicklung. Und das heisst: Das Ideal des klassischen homerischen Helden hatte ausgedient. Um in der neuen Welt zu bestehen, reichte es nicht aus, tapfer zu kämpfen. Man musste wendig sein, sich anpassen, verhandeln. Gewalt brachte keinen Erfolg, es brauchte Klugheit, Raffinement, um ans Ziel zu gelangen.

Genau diese Fähigkeiten schreiben die Homerischen Epen dem Odysseus zu. In der «Odyssee» wird er mit verschiedenen festen Beiwörtern charakterisiert. Er wird als «erfindungsreich», «listenreich» oder «standhaft» bezeichnet. Manchmal auch als «vielduldend» – oder eben «vielgewandt». Dass er besonders gerecht oder tugendhaft sei, wird nie gesagt. Er weiss sich immer zu helfen, aber betrachtet den Ehrenkodex der adligen Krieger als Richtschnur, von der man auch abweichen darf, wenn die Verhältnisse es verlangen. Das macht ihn zum Prototyp einer Zeit des Umbruchs. Aber es macht ihn nicht unbedingt sympathisch.

Hüter der Gerechtigkeit

Odysseus ist kein strahlender Held, sondern ein Überlebenskünstler, der in jeder Situation einen Ausweg findet. Er ist auf den eigenen Vorteil bedacht, trickst Gewalt mit List aus, lügt, wenn es ihm geraten scheint, und ist bereit, das Leben von Gefährten aufs Spiel zu setzen. Auch ohne Not. Beispielsweise weil er die Insel des Kyklopen Polyphem inspizieren will. Aus reiner Neugier, ohne dass es dafür eine Notwendigkeit gegeben hätte.

Gewissensbisse hat er keine. Davon ist in der «Odyssee» nie die Rede. Im Gegenteil. Odysseus freut sich, wenn er Erfolg hat und seinen Feinden schaden kann. Wenn etwas schiefgeht, beklagt er das Schicksal, aber ohne sich zu fragen, ob er selbst einen Anteil daran haben könnte. Es ist ihm wichtig, von anderen geschätzt zu werden und nicht als Verlierer dazustehen. Sich selbst stellt er nie infrage. Moralisch zu denken, liegt ihm fern. In dieser Hinsicht ist er noch der archaische Held.

Ganz im Gegenteil zu Christopher Nolans Odysseus. Nolan zeichnet Odysseus als gebrochenen Mann, der die Last dessen, was er getan hat, kaum tragen kann. Er macht sich Vorwürfe, kämpft mit seinem Gewissen. Mit der Idee, eine Vorhut von Soldaten im Bauch eines hölzernen Pferdes in die Stadt zu schleusen, um die schlafenden Trojaner zu überfallen, hat er die Zerstörung der Stadt ermöglicht. Und gegen das «Gesetz des Zeus» verstossen, das festschreibt, dass Gastfreundschaft unter allen Umständen respektiert werden muss. Auch am Tod der Gefährten gibt er sich die Schuld.

Da liest Nolan die «Odyssee» genial gegen den Strich. Gastfreundschaft war im antiken Griechenland heilig. Aber auf die Idee, dass die List des Odysseus gegen das Gesetz der Gastfreundschaft verstiesse, wäre niemand gekommen, und der Vorstellung, Zeus sei Hüter der Gerechtigkeit, hätte der «Odyssee»-Dichter wohl kaum zugestimmt. Der Feldzug gegen Troja war legitime Vergeltung. Darin sind sich die «Ilias» und die «Odyssee» einig. Dass Odysseus sich deswegen Vorwürfe machen muss, hätte erst recht niemand verstanden. «Schuld» als psychische Disposition, als Lebensgefühl war noch nicht erfunden. Das kam erst mit den Christen in die Welt.

Tun, was man tun muss

Ein schuldiger Held. Ein Held, der an einer Schuld zerbricht, für die er sich selbst verantwortlich macht – das war in der Antike undenkbar. Ödipus, der seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet, Orestes, der seine Mutter ermordet, um den Tod seines Vaters zu rächen – das waren Beispiele für die unerforschlichen Ratschlüsse der Götter, unter denen die Menschen zu leiden haben. Sie waren unwissend schuldig geworden und wurden auf die eine oder andere Weise erlöst. Schuld wären allenfalls die Götter. Wenn es damals schon ein Wort für Schuld gegeben hätte, das über die Regelung von einfachen Verbindlichkeiten und Geldschulden hinausgeht.

Christopher Nolans Odysseus ist eine Figur des 20. Jahrhunderts. Ein Mann, der unter dem leidet, was er getan hat. Ein Held, der selbst nicht mehr an sein Heldentum glaubt – aber trotzdem die Freier tötet, die sich in seinem Palast eingenistet haben. In einem brutalen, völlig unverhältnismässigen Akt, nach dem nur der Göttervater Zeus wieder geordnete Verhältnisse schaffen kann. Odysseus ist überzeugt, zu tun, was er tun muss, auch wenn er am Ende von Nolans Film dafür ins Exil muss.

Passend zum Artikel

Um das bekannteste Epos des Abendlandes, mit einem 250-Millionen-Dollar-Budget komplett im Imax-Format gedreht, entbrannte ein hämisch geführter Kulturkampf. Doch was Nolan mit seinem Odysseus gemacht hat, ist so eigenwillig wie finster.

Bald kommt Christopher Nolans «Odyssey» in die Kinos. Aber wer ist Odysseus eigentlich? Der Historiker Raimund Schulz hat ihm ein faszinierendes Buch gewidmet.

Nach «Oppenheimer» widmet sich der Oscar-Preisträger Homers «Odyssee» – seinem bisher grössten Abenteuer. Im Gespräch erzählt der Regisseur von der zeitlosen Kraft des Epos und davon, was er von seinem Kollegen Guillermo del Toro gelernt hat.

Read the original on nzz.ch

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.