Für die Jungen nur das Beste – ein Revival für Heinz Spoerlis grosse Ballettkunst
Um das Schaffen des Schweizer Choreografen ist es in Zürich irritierend still geworden. Nun studieren junge Tänzerinnen und Tänzer des Förderprogramms «Mind the Gap» Spoerlis grossartige «Goldberg-Variationen» neu ein.
Lilo Weber 4 Leseminuten

Die jungen Tänzerinnen und Tänzer von «Mind the Gap – Edition II» bei der Probenarbeit für ihren mehrteiligen Ballettabend mit Heinz Spoerlis «Goldberg-Variationen».
Carlos Quezada
«Das ist das grösste Meisterwerk, das ich je kennengelernt habe.» Arman Grigoryan ist sich ganz sicher. Der armenische Tänzer hat während seiner Karriere im Zürcher Ballett von Heinz Spoerli und im Staatsballett Berlin viel Hochklassiges getanzt. Spoerlis «Goldberg-Variationen» aber überragen für ihn alles: «Diese Musikalität, diese Transformation des klassischen Balletts ins Zeitgenössische, diese scheinbar einfache, doch sehr ausgeklügelte Form» – das alles findet er einmalig. Die «Goldberg-Variationen», gewissermassen das Kondensat von Heinz Spoerlis grosser Kunst, waren für Grigoryan wie ein Initiationsritual: «Wenn man das geschafft hatte, konnte man alles tanzen.»
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Der Schweizer Choreograf hatte das knapp neunzigminütige Meisterstück neoklassischer Ballettkunst zu Johann Sebastian Bachs berühmtem Variationszyklus 1993 in seiner Zeit in Düsseldorf erarbeitet und sich 1996 damit in Zürich als Ballettdirektor vorgestellt. Sechzehn Jahre lang war es das Signaturstück des Zürcher Balletts, reiste mit der Kompanie durch die Welt – und verschwand jäh mit der Pensionierung des Direktors aus dem Repertoire. Spoerli wollte seinem Nachfolger Christian Spuck die Rechte dafür nicht geben.
Nun aber hat er eine konzentrierte Version ganz jungen Tänzerinnen und Tänzern überlassen, und Arman Grigoryan studiert es mit den Nachwuchstalenten aus dem Förderprogramm «Mind The Gap» von Tanz und Kunst Königsfelden ein. Die Kurzversion aus der Aria, die das Werk einrahmt, und acht Variationen hatte Spoerli seinerzeit selbst für das von ihm ins Leben gerufene Junior Ballett geschaffen. Die Tänzer von «Mind the Gap» werden das Ballett nun zusammen mit zwei Uraufführungen von Filipe Portugal und der britischen Choreografin Caroline Finn am 21. August ins Kurtheater Baden bringen. Und sie werden dabei, wie früher das Zürcher Ballett, vom feinen ukrainischen Pianisten Alexei Botvinov live unterstützt.

Bei «Mind the Gap» finden jeweils zehn Nachwuchstalente zum Abschluss ihrer Ausbildung zu einer temporären Kompanie zusammen und erarbeiten drei Stücke.
Carlos Quezada
«Musikalität, Leute!»
Noch ist indes die für Spoerli typische Eleganz fern und der Schweiss nah an diesem heissen Tag bei einem Besuch im Tanzstudio in Brugg, wo die jungen Leute arbeiten. Was als filigranes Gewebe daherkommen soll, ist recht eigentlich ein Kraftakt – für den Körper, und mehr noch für den Kopf. Die «Goldberg-Variationen» stellen technisch höchste Ansprüche, die verschiedenen Parts sind so raffiniert zusammengefügt, dass das Timing schwierig durchzuhalten ist.
Im Kanon der Variation 3 etwa folgen die Einsätze der Tanzenden rasend schnell aufeinander – damit keiner verpasst wird, muss eisern gezählt werden. Und trotzdem getanzt. «Musikalität, Leute!», ruft Arman Grigoryan und macht die Sequenz vor: «Seht ihr die Leichtigkeit, das Spielerische? Da steckt zwar viel Arbeit drin, aber das braucht ihr nicht zu zeigen.» Dann entlässt er die Gruppe in die Mittagspause. «Das muss jetzt erst einmal einsinken», erklärt er ihnen. Der Körper muss sich die Bewegungsfolgen zu eigen machen. «Wenn ihr denkt, braucht ihr viel mehr Energie. Filipe sagt das auch immer.»
Filipe Portugal schaut zu und nickt. Davor hat er mit einer Gruppe nebenan an seinem eigenen Stück gearbeitet. Die beiden Künstler kennen sich aus ihrer Zeit am Opernhaus Zürich; beide waren profilierte Solisten in Spoerlis Kompanie. Grigoryan ging 2015 ans Staatsballett Berlin und gründete zusammen mit armenischen Kollegen die Kompanie Forceful Feelings.
Portugal blieb bis 2020 als Erster Solist bei Christian Spuck und wurde von ihm kontinuierlich als Choreograf gefördert. Nach seiner Tänzerkarriere absolvierte er einen Masterstudiengang in Choreografie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und arbeitete als freischaffender Choreograf. 2024 übernahm er von der Aargauer Tänzerin und Choreografin Brigitta Luisa Merki die Kulturinstitution Kunst und Tanz Königsfelden. Hier rief er für die Jahre zwischen den Festivals das Förderprogramm «Mind the Gap» ins Leben.
Während fünf Wochen finden jeweils zehn Nachwuchstalente aus internationalen Ballettschulen zum Abschluss ihrer Ausbildung zu einer temporären Kompanie zusammen und erarbeiten drei Stücke. Die Arbeit folgt dem harten Stundenplan einer Tanzkompanie und soll den Sprung von der Ausbildung ins Berufsleben erleichtern.
Arman Grigoryan ist mit der Materie tief vertraut: Er hat nach seiner Tänzerlaufbahn ebenfalls einen Master Dance an der ZHdK absolviert, sich aber auf Trainings- und Probenleitung konzentriert. Er unterrichtet an der Zürcher Kunsthochschule zeitgenössische Tänzerinnen und Tänzer in Ballett und studiert seit einiger Zeit Stücke von Heinz Spoerli ein. 2018 erarbeitete er zusammen mit dem ehemaligen Zürcher Ballettmeister Chris Jensen die «Goldberg-Variationen» an der Mailänder Scala, 2023 am Wiener Staatsballett von Martin Schläpfer. Und jetzt also die Version mit ganz jungen Tänzerinnen und Tänzern.

Die gerade für Heinz Spoerlis Choreografien typische Eleganz muss Schritt für Schritt, Bewegung für Bewegung hart erarbeitet werden.
Carlos Quezada
Im Körpergedächtnis bewahrt
Ein schwieriges Ballett, «eines, in dem man gar nichts verstecken kann», sagt Filipe Portugal, der wie Grigoryan immer wieder selbst in den «Goldberg-Variationen» aufgetreten ist. Grigoryan hat über die Jahre die meisten der Variationen getanzt und sie in seinem Körpergedächtnis bewahrt. «Aber das sagt mir immer noch nicht, wie mein Nachbar zu tanzen hat.»
Also hat er sich das Ballett für seine Arbeit als Probenleiter noch einmal einverleibt: mithilfe von Aufzeichnungen aus den Jahren 1999 bis 2011. «Wichtig ist, die Musikalität zu finden. Jedes Adagio ist wieder anders. Zählen ist jeweils anders.» Zählen? «Wir haben immer alles durchgezählt, sonst schafft man das nicht.» Und Heinz Spoerli – hat der auch gezählt, um die choreografischen Abläufe zu koordinieren? «Weiss ich nicht», sagt Grigoryan. «Glaube nicht. Ich habe ihn jedenfalls nie zählen gehört.»
Das war und ist das Geniale an Heinz Spoerlis Schaffen: Man hatte den Eindruck, er habe die Musik aufgesaugt und sie dann einfach aus dem Körper heraus sichtbar gemacht. Jammerschade, dass seine Ballette nicht mehr im Opernhaus Zürich aufgeführt werden. Der Leitungswechsel zu Cathy Marston hatte diesbezüglich Hoffnungen geweckt. Derzeit ist jedoch nach Auskunft der Ballettdirektion kein Spoerli-Werk geplant.
Aufführungen: 21. August, Kurtheater Baden; 22. August, Stadttheater Sursee.




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