Die Jugend in Vietnam begehrt auf. Warum gerade jetzt?
Die Generation Z protestierte in vielen Ländern Südostasiens, aber in Vietnam blieb es auffällig ruhig. Bis zu diesem Sommer. Auslöser war die Zensur gegen einen beliebten Rapper – die Wut entlud sich am Kulturministerium.
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Vor über einem Jahr verursachte ein ehemaliger Parlamentarier in Vietnam einen tödlichen Verkehrsunfall, zu einer strafrechtlichen Verfolgung kam es jedoch nie. Pikant: Es ist der Ehemann der neuen Kulturministerin.
Universal Images Group / Getty
Der Streit zwischen Vietnams junger Generation und dem Staat begann mit einem Rapper. MCK heisst er, geboren 1999, er ist einer der grössten Stars der Jugend. Sein neustes Album veröffentlichte er im Juni, es wurde ein Hit. Die Ballade «Neu Nhu Ta Chang Con» erzielte auf Youtube 12 Millionen Aufrufe. Aber das Album enthält nicht nur Liebeslieder, sondern auch Songs mit deutlich härteren Inhalten: Drogen, Sex, Beleidigungen.
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Ende Juli wurde MCK vom Kulturamt in Ho-Chi-Minh-Stadt einbestellt. Dort hiess es: Künstlerische Freiheit hin oder her – er müsse die Gesetze respektieren und zu den traditionellen moralischen Werten Vietnams beitragen. Der Rapper entschuldigte sich nach dem Gespräch öffentlich. Er entfernte 19 der 30 Titel und versprach, sie zu überarbeiten.
Das war der Moment, in dem sich der Zorn der Jugend in Vietnam im Internet entlud. Fan-Kultur ist gross in Vietnam. Junge Vietnamesen organisieren sich zu Hunderttausenden auf Telegram, Facebook oder Threads, um ihre Stars zu unterstützen. Aber Jugendproteste sind in Vietnam selten. In Ländern wie Thailand, Myanmar, Indonesien oder Malaysia gingen junge Menschen in den vergangenen Jahren gegen ihre Regierungen auf die Strasse. In Vietnam blieb es dagegen auffällig ruhig.
Den Grund dafür hat Dien Nguyen An Luong vom Iseas – Yusof Ishak Institute in Singapur untersucht. In seiner neusten wissenschaftlichen Arbeit schreibt er: «Der Staat bestraft gezielt einzelne Kritiker, lässt bewusst unklar, was erlaubt ist. Gleichzeitig vermittelt er, dass Protest wenig bringt: Er betont wirtschaftlichen Wohlstand, politische Stabilität und lenkt patriotische Gefühle in staatlich kontrollierte Bahnen.»
Die Unzufriedenheit der Jugend bricht sich Bahn
Aber bei der Zensur von MCK schien ein Kipppunkt erreicht zu sein. Seine Fanbasis richtete ihre Wut gegen die neue Kulturministerin. Sie war früher Parteichefin einer Provinz und jahrelang Mitglied des Zentralkomitees. Sie ist also eine mächtige Funktionärin der Kommunistischen Partei, die im Einparteistaat Vietnam allein regiert. Der Sohn der Kulturministerin ist ebenfalls Sänger, aber ein weniger erfolgreicher. 2023 hat er bei der Fernsehsendung «Vietnam Idol» den zweiten Platz belegt.
Viele MCK-Fans machten nun die Kulturministerin persönlich für das Vorgehen gegen ihr Idol verantwortlich. Mehr noch: Die Fans holten einen Skandal um den Ehemann der Kulturministerin hervor, den ehemaligen Abgeordneten des nationalen Parlaments Nguyen Sy Cuong.
Am 30. Mai 2025 war Nguyen Sy Cuong mit einem BMW auf die falsche Fahrspur gefahren und mit einem Motorrad kollidiert. Auf dem Motorrad sassen ein Vater und seine 18-jährige Tochter. Die junge Frau verlor bei dem Unfall ein Bein und starb gut eine Woche später im Spital. Damals wurde bereits spekuliert, dass es sich bei dem Fahrer um Nguyen Sy Cuong gehandelt haben muss. Die Staatsmedien nannten nur die Initialen, N. S. C., und das Alter, 64 Jahre. Beides stimmte überein.
Mitte August bestätigte die Polizei in Hanoi aufgrund des wachsenden öffentlichen Drucks, dass es sich beim Fahrer um Nguyen Sy Cuong, den früheren Abgeordneten, handelte. Cuong habe sein Fehlverhalten eingeräumt, kooperiert und die Familie entschädigt. Die Angehörigen hätten die Behörden gebeten, von einer Strafverfolgung abzusehen. In einem staatlichen TV-Beitrag war der Vater, der seine Tochter bei dem Unfall verloren hatte, von hinten zu sehen. Nüchtern erklärte er, die Behörden hätten alles aufgeklärt, er sei restlos zufrieden mit deren Arbeit.
Der «Baum der Gerechtigkeit»
Die Botschaft des Beitrags war klar: Für die Familie und die Behörden sei die Sache abgeschlossen. Die aufgebrachte Jugend beruhigte das jedoch nicht. Ein Gefühl der Ungerechtigkeit und der Ohnmacht gegenüber einer mächtigen Elite, die über dem Gesetz steht, zementierte sich – während die Sprache und Pop-Kultur der Jugend bis ins Detail kontrolliert und zensiert wird.
Für die Regierung liegt das Problem dagegen nicht bei der Elite, sondern bei ihren Gegnern. Staatsmedien warnten vor «terroristischen Organisationen» und «subversiven Elementen», die den Fall nutzten, um die Jugend aufzustacheln und die öffentliche Ordnung zu stören.
Der Protest zeigte sich jedoch friedlich. Die Jugend ging nicht auf die Strasse, um zu demonstrieren, sondern sie setzte ein Zeichen. An dem Baum, an dem sich der Unfall vor über einem Jahr ereignet hatte, platzierten sie Blumensträusse. Im Internet wurde der Baum, der die Nummer 55 trug, «Baum der Gerechtigkeit» getauft. Die Polizei liess die Gedenkstätte räumen.
Also verlagerten die Aktivisten ihren Protest ins Internet. Dort richteten sie einen Online-Baum ein. Tausende Nutzerinnen und Nutzer hätten Briefe zum Gedenken an die 18-Jährige geschrieben, sagte der Betreiber dem unabhängigen vietnamesischen Magazin «Luat Khoa». «Ich hoffe, in deinem nächsten Leben wirst du nicht in Vietnam wiedergeboren», steht da zum Beispiel. «Die Realität ist zu harsch hier.» Am Freitag tagsüber war die Seite noch abrufbar, ab dem Abend war sie blockiert.
Auch auf der Plattform Threads erschienen mehr als eine Million Beiträge zum Fall, aber viele wurden nach der Veröffentlichung gesperrt. Threads teilte betroffenen Nutzern mit, das Kulturministerium habe das verlangt.




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