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Neueste Artikel - NZZ Nachrichten · Aug 22, 2026

Bundesliga in Elversberg: Ein Dorf stösst an seine Grenzen

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Stefan Osterhaus · Neue Zürcher Zeitung

In vier Jahren ist der Klub aus dem Saarland von der vierten deutschen Fussball-Liga in die höchste aufgestiegen. Der rasante Aufstieg hat nicht nur positive Folgen für die Gemeinde. Auch Hooligans aus Saarbrücken haben dem Rivalen schon einen Besuch abgestattet.

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Nur 7500 Menschen leben Elversberg - das Dorf liegt in einer strukturschwachen Region im Saarland.

Nur 7500 Menschen leben Elversberg - das Dorf liegt in einer strukturschwachen Region im Saarland.

BeckerBredel / Imago

«Aliens exist.» Dieser Botschaft kann sich niemand entziehen, der vom Parkplatz auf das «Waldstadion an der Kaiserlinde» blickt, in dem der SV 07 Elversberg spielt. Wobei Stadion im Sinne einer modernen Arena ein wenig geschmeichelt ist, denn es wirkt eher wie ein eilig aus dem Baukasten zusammengesetztes Provisorium, dessen Tribüne nicht einmal hoch hinausragt. Wenig mehr als 10 000 Anhänger finden hier ihren Platz, viel weniger als an jedem anderen Ort in der Bundesliga. Dort spielt Elversberg ab dem kommenden Wochenende: in der höchsten Klasse des deutschen Fussballs.

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Ein Dorfverein ist kein Einzelfall

Über den Dorfverein ist viel geredet worden. Dass ein Klub aus einer kleinen Gemeinde mit 7500 Einwohnern einen solchen Weg zurücklegt, innert vier Jahren von der vierten in die Bundesliga, ist zwar aussergewöhnlich. Aber es ist kein Einzelfall. Dörfer gibt es in der Bundesliga auch anderswo: Hoffenheim etwa, der Klub des SAP-Mitbegründers Dietmar Hopp, der im Laufe der Jahre eine gewaltige Infrastruktur geschaffen und eine Arena von rund 30 000 Plätzen hochgezogen hat.

Es sind die Umstände, die den Höhenflug herausheben. Denn die Voraussetzungen sind nahe der französischen Grenze im Saarland ganz andere. Man braucht nur durch den Ort zu laufen, um diesen Eindruck zu gewinnen: Häuschen reiht sich an Häuschen. Schmale Fassaden lassen erahnen, dass die Grundfläche selten viel grösser als 100 Quadratmeter ist. Eine typische Arbeitersiedlung aus einer Zeit, als an der Saar noch Kohle gefördert und Stahl produziert wurde – eine einstige Hochburg der Montanindustrie.

Aber heute? Es ist eine Region mit immer weniger Arbeit, der Druck auf den Arbeitsmarkt ist spürbar. Jeder Zwölfte ist im Landkreis Neunkirchen ohne Arbeit, das ist selbst für das krisengeschüttelte Saarland viel und deutlich mehr als der bundesdeutsche Schnitt von 6,3 Prozent. «Das Saarland», sagt der Philosoph Markus Rothhaar, der aus einem Nachbarort Elversbergs stammt, «ähnelt dem Ruhrgebiet – mit dem Unterschied, dass es dort nie einen auch nur ansatzweise erfolgreichen Strukturwandel gab.»

Wenn solche Startbedingungen vorliegen, erscheint ein solcher Aufstieg sensationell. Das Wunder hat jedoch handfeste, ökonomische Gründe. Sie verbergen sich in der Gestalt eines rührigen Mäzens: Frank Holzer, ehemaliger Bundesliga-Profi und CEO des Pharmaunternehmens Ursapharm, das nicht in Elversberg, sondern in Saarbrücken Wertschöpfung betreibt. Holzer hat den Weg an die Spitze überhaupt erst möglich gemacht.

Nun gibt es Orte, in denen Phänomene erstaunliche Wirkung entfalten können. San Giovanni Rotondo, ein Bergdorf im Gargano, lebt prächtig vom Vermächtnis des wundertätigen Padre Pio, und wer in die Lausitz nach Weisswasser zum Eishockey fährt, begreift schnell, was für ein Wirtschaftsfaktor der heimische Eishockeyklub ist, obwohl der nur in der zweiten Liga spielt. Insofern müsste Elversberg ein Geschenk für die Region sein – für Spiesen-Elversberg, die Gemeinde, erst recht.

Im Prinzip schon, sagt Bernd Huf, der Bürgermeister der Gemeinde Spiesen-Elversberg, in deren Elversberger Teil das Stadion beheimatet ist. Huf, ein gross gewachsener, athletischer Mann, empfängt bereits am frühen Morgen und nimmt sich viel Zeit. Sicher, sagt er, der Stolz der Elversberger darauf, dass man es in die Bundesliga geschafft habe, sei gross. Auch helfe es, die Ortschaft weit über die Grenzen des Saarlandes hinaus bekannt zu machen.

Der Trainer Vincent Wagner hat Elversberg in die Bundesliga geführt.

Der Trainer Vincent Wagner hat Elversberg in die Bundesliga geführt.

Ralf Brueck / Imago

Allerdings, so schränkt das parteilose Stadtoberhaupt ein: «Was wir haben, ist ein bisschen Berühmtheit. Aber wirtschaftlich haben wir nichts davon.» Er erzählt von einem Artikel einer Wirtschaftszeitung, in dem ausgerechnet wurde, dass jeder Euro, der im Elversberger Fussball umgesetzt werde, eine enorme Wirtschaftskraft entfalte. Allerdings: «Uns hier in Elversberg betrifft das überhaupt nicht.»

Wirtschaftlich schwach, aber viele Spitzenrestaurants

Die Gastronomie profitiert nur am Rande, ohnehin ist sie am Ort selbst nur schwerlich vorhanden. Wer zum Spiel reist und übernachten will, wird eher in den umliegenden Orten fündig, und wer sein Geld in der Gastronomie lassen möchte, der findet im Umkreis von 20 Kilometern zahlreiche Spitzenrestaurants. Ein eigentümlicher Widerspruch in dieser Region, sagt auch Huf. Aber das, so der Bürgermeister, liege daran, dass der Saarländer an sich eine ganz eigene Priorität habe: «Hauptsach, gudd gess – geschafft hämmer schnell.»

Die ausbleibenden ökonomischen Effekte sind das eine. Damit, so Huf, könne man klarkommen, es sei vorher ja auch nicht anders gewesen. Was die Stadt allerdings vor ganz andere Probleme stellt, sind die Anforderungen, die sich aus dem Bundesliga-Aufstieg ergeben. «Gemeinden unserer Grössenordnung haben eine Ordnungskraft – nun müssen wir aufstocken auf fünf Personen», sagt der Bürgermeister. Für die Stadt bedeute das allein an Personalkosten 300 000 Euro zusätzlich.

Herausforderungen stellt die Bundesliga auch an die Infrastruktur. Bundesligafussball in Elversberg, so hat es den Anschein, findet unter dem Vorbehalt der Vorläufigkeit statt. Geschäftsstelle und Trainingsplatz liegen ein paar Autominuten voneinander entfernt im benachbarten St. Ingbert; im Ort selbst befindet sich lediglich das Stadion. Diese Dezentralität hat durchaus ihren Charme, aber sie beschreibt zugleich das Elversberger Problem: Was tun, wenn der Klub wächst, das Areal um ihn herum aber nicht beliebig erweitert werden kann? Das gilt auch für die Parkflächen, für die Wald gerodet werden muss. Anklang bei Naturschützern findet dies nicht; aber es ist für den Klub billiger, als ein Parkhaus zu bauen.

Der Verein, sagt Huf, sei zurückhaltend, wenn es um die Beteiligung an Infrastruktur gehe, die nicht unmittelbar das Stadion an der Kaiserlinde betreffe. Das befindet sich im Besitz der klubeigenen Stadiongesellschaft und soll demnächst für 13 Millionen Euro ausgebaut werden, um die Bundesliga-Auflagen zu erfüllen. Nicht immer sei es einfach, mit dem Mäzen, mit Frank Holzer, in Kontakt zu treten. Aber es ist notwendig.

Den Versuch, mit einem der Verantwortlichen zu sprechen, unternahm auch die NZZ, doch trotz mehrfacher Nachfrage ist ein Termin bis heute nicht zustande gekommen. Gutdünken oder Überforderung? Der Effekt ist in jedem Fall derselbe.

Der Mäzen war Fussballprofi

Wenn der Wunsch nach Kommunikation ins Leere läuft, kommt schnell der Gedanke auf, dass die Infrastruktur mit dem Erfolg nicht mitgewachsen ist. Dabei wäre die Sicht des Unternehmers auf Elversberg hochinteressant, zumal das Movens Holzers ein genuin fussballerisches ist. Einst war er ein äusserst robuster Stürmer in der Bundesliga; er spielte in Saarbrücken, beim Nachbarn, aber auch bei Eintracht Braunschweig in der grossen Zeit der Niedersachsen, als Günter Mast mit dem Jägermeister-Konzern Braunschweig ständig mit frischem Geld versorgte. Der prominenteste Mitspieler aus dieser Zeit war Paul Breitner. Bis 2011 stand Frank Holzer Elversberg als Präsident vor, inzwischen ist er in den Aufsichtsrat gerückt; sein Sohn Dominic hat die Funktion des Vereinspräsidenten übernommen.

Und doch ist der Einfluss des Impresarios gewaltig. Das hat Gründe. Einem Mann, der 100 Bundesligaspiele absolviert hat, macht man so leicht nichts vor, wenn es um Fussballfragen geht. Auch das ist gewiss ein Grund für den Aufstieg von Elversberg. Noch seltener aber kommen kaufmännisches Kalkül und Fussball-Kenntnis zusammen. Häufig sind die Fälle, in denen Klubchefs geradezu in Abhängigkeit von externen Beratern geraten. Bis jetzt hat Holzer einen guten Blick für das Personal bewiesen. Ole Book, der langjährige Sportchef, der für den Aufstieg verantwortlich zeichnete, wurde von Borussia Dortmund abgeworben.

Nach der Aufstiegssaison feiern die Anhänger in Elversberg auf dem Rasen.

Nach der Aufstiegssaison feiern die Anhänger in Elversberg auf dem Rasen.

An Effizienz war die Arbeit des Sportdirektors nicht zu überbieten: Mit nur 10 Millionen Euro formte er eines der schlagkräftigsten Kader der zweiten Bundesliga. Solche Dinge machen aus Elversberg mehr als ein Mäzenatenprojekt. Wird Geld klug investiert und nicht einfach ausgegeben, dann ist das in dieser Branche durchaus bemerkenswert. Das hebt Elversberg aus dem Durchschnitt heraus.

Allerdings ruft der Erfolg auch Neider auf den Plan. Bernd Huf erzählt von einem Vorfall, der für grosse Irritation in Elversberg sorgte. «Fahren Sie mal zum Lidl-Parkplatz und schauen sich die Schmierereien der Saarbrücker Fans an.» Anfang August, so erzählt Huf, kam es auf dem Lidl-Parkplatz zu einer heftigen Auseinandersetzung von Elversberger Anhängern und denen des 1. FC Saarbrücken. Kein Konflikt mit langer Geschichte, eher ein neuer, denn der 1. FC Saarbrücken war über Jahrzehnte der tonangebende Klub im Saarland. Wer von Elversberg nach Saarbrücken fährt, der kommt zwangsläufig am alten Ludwigsparkstadion vorbei, dessen grosszügige Architektur aus der Zeit der Mehrzweckarenen stammt. Zweitligatauglich? Ganz sicher. Bloss ist Saarbrücken drittklassig.

«Letzte Warnung – bleibt im Dorf!» – lautete die Botschaft der Saarbrücker an die Elversberger. Wer mit wachem Blick zu den Spielstätten der SV Elversberg fährt, der erblickt gleich mehrfach den Schriftzug «FCS» – 1. FC Saarbrücken. Am Parkplatz des Supermarktes gegenüber dem Stadion, aber auch in der Nähe des Trainingsplatzes sind Telegrafenkästen damit beschmiert – Insignien eines Revierkampfes.

50 Hooligans prügeln sich auf dem Parkplatz

50 Leute, die aufeinander einprügeln: Das ist für Elversberg eine neue Erfahrung, und es zeigt, wie stark sich die Dinge geändert haben. «Was meinen Sie», sagt Bernd Huf, «was es für eine Gemeinde wie Elversberg bedeutet, wenn nun auch noch solche Probleme zu bewältigen sind?» Immerhin musste einer der Kombattanten im Krankenhaus behandelt werden.

Die Bedenken des Bürgermeisters kreisen nicht bloss um mögliche Randale. Auch das Areal um das Stadion herum bereitet ihm Sorgen. Mit 10 000 Zuschauern, sagt Bernd Huf, stosse man bereits an eine Grenze, welche die Routen während der An- und Abreise schon jetzt überlastet. Die Strasse ist sehr schmal, der Bürgersteig ebenso. Huf greift zu einem drastischen Bild: «Stellen Sie sich mal vor, ein Islamist fährt da über den Bürgersteig.» Er schränkt sofort ein: Es müsste gar kein Anschlag sein, schon ein Kreislaufzusammenbruch wäre auf diesem engen Raum problematisch, wenn sich die Rettungskräfte ihren Weg bahnen müssten.

Nach dem Bundesliga-Aufstieg tragen sich die Fussballer des SV Elversberg ins Goldene Buch der Gemeinde ein - zur Freude von Philipp Huf, dem Bürgermeister (rechts).

Nach dem Bundesliga-Aufstieg tragen sich die Fussballer des SV Elversberg ins Goldene Buch der Gemeinde ein - zur Freude von Philipp Huf, dem Bürgermeister (rechts).

Fabian Kleer / Imago

Seine Bedenken hat Huf gegenüber dem Landkreis und der Landesregierung in Saarbrücken formuliert. Ihm geht es auch darum, seine Behörde abzusichern. Eine auf das öffentliche Recht spezialisierte Kanzlei aus Potsdam habe sich der Angelegenheit im Auftrag der Gemeinde angenommen.

Bis zum ersten Heimspiel wird bestimmt nichts geschehen. Das ist am 29. August. Dann empfängt Elversberg, der unwahrscheinliche Bundesligist, Bayer Leverkusen. Bernd Huf ist von einem Sieg an diesem für seinen Ort so bedeutsamen Tag überzeugt. Schliesslich steht der Stürmer Luca Schnellbacher, der Leverkusen 2022 aus dem Cup warf, immer noch im Kader.

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