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Neueste Artikel - NZZ Nachrichten · Aug 21, 2026

Rassismus gegen Weisse? Drei Jahre nach der Messerattacke von Crépol streitet Frankreich weiter über das Tatmotiv

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Daniel Steinvorth · Neue Zürcher Zeitung

Rassismus gegen Weisse? Drei Jahre nach der Messerattacke von Crépol streitet Frankreich weiter über das Tatmotiv

Nach dem tödlichen Messerangriff auf einen 16-Jährigen bei einem Dorffest prüfen französische Richter ein rassistisches Tatmotiv. Zeugenaussagen über Gewalt gegen «Weisse» und «Franzosen» haben die Debatte entfacht. Doch die Staatsanwaltschaft widerspricht.

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Ortseingang von Crépol im südostfranzösischen Département Drôme.

Ortseingang von Crépol im südostfranzösischen Département Drôme.

Reynaud Julien / Imago

Es war in der Nacht vom 18. auf den 19. November 2023, als bei einem Dorffest im südostfranzösischen Crépol ein Streit eskalierte. Rund vierhundert Besucher feierten im Gemeindesaal den traditionellen Winterball. Gegen zwei Uhr morgens tauchte eine Gruppe junger Männer überwiegend nordafrikanischer Herkunft auf. Mehrere von ihnen kamen aus einem Sozialbauviertel im nahe gelegenen Romans-sur-Isère. Am Eingang kam es zum Streit mit anderen Besuchern. Dann zogen die Angreifer Messer.

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Auch Thomas Perotto, ein 16-jähriger Schüler und Rugbyspieler, eilte herbei. Er wurde während des Handgemenges niedergestochen und erlag wenig später auf dem Weg ins Spital seinen Verletzungen. Drei weitere Besucher wurden schwer verletzt.

«Gekommen, um Weisse abzustechen»

Schon kurz nach der Tat stellte sich die Frage nach einem rassistischen Motiv. Mehrere Zeugen berichteten, dass die Angreifer Sätze wie «Wir sind gekommen, um Weisse abzustechen» oder «Wir sind hier, um Franzosen zu töten» gerufen hätten. Im weiteren Verlauf der Ermittlungen kamen ähnliche Aussagen hinzu. Im Juli dieses Jahres zogen die Untersuchungsrichter daraus Konsequenzen: Sie nahmen Rassismus als strafverschärfenden Umstand in das Verfahren auf.

Die Entscheidung sorgte für Aufsehen, weil die Ermittlungen zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits abgeschlossen waren. Die Richter begründeten ihre Neubewertung damit, dass sich die Gewalt gegen Personen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie, Nation oder Religion gerichtet haben könnte – wörtlich nannten sie die «weisse Rasse» und die «französische Nation».

Vor allem auf der rechten Seite stiess die Entscheidung auf Zustimmung. Laurent Wauquiez, der Fraktionschef der bürgerlichen Républicains, schrieb, die Justiz erinnere an eine Wahrheit: «Der Rassismus gegen Franzosen existiert und muss bekämpft werden.» Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin des rechtsnationalen Rassemblement national, hatte Crépol bereits unmittelbar nach der Tat als Beleg für Gewalt aus den Problemquartieren dargestellt, die zunehmend auch das ländliche Frankreich erfasse.

Noch weiter ging Éric Zemmour, Chef der rechtsradikalen Partei Reconquête, mit seiner Rede von einem «Frankozid», der gezielten Tötung «alteingesessener» Franzosen. Nach der Entscheidung der Untersuchungsrichter schrieb er: «Nach und nach setzt sich die Realität des Rassismus gegen Weisse durch.»

Auf der Linken fiel die Reaktion gegenteilig aus. Vor allem bei der linksradikalen Partei La France insoumise (LFI) stösst bereits der Begriff «Rassismus gegen Weisse» auf grundsätzliche Ablehnung. Der LFI-Abgeordnete Thomas Portes schrieb noch im April in Grossbuchstaben auf X: «Rassismus gegen Weisse existiert nicht!»

Auch Frankreichs bekannteste Antirassismusorganisation, SOS Racisme, schaltete sich ein. Deren Präsident Dominique Sopo sagte, er schliesse zwar nicht aus, dass rassistische Äusserungen in Crépol bei der juristischen Bewertung eine Rolle spielen können. Zugleich bezeichnete er den Begriff «Rassismus gegen Weisse» als eine «Kriegswaffe der extremen Rechten». Dahinter stehe die Erzählung, dass nicht der Rassismus gegen Schwarze und Araber das eigentliche Problem in Frankreich sei, sondern jener, den diese gegen Weisse ausübten.

Gedenkveranstaltung für Thomas Perotto, wenige Tage nach dessen Tod während der Messerattacke in Crépol.

Gedenkveranstaltung für Thomas Perotto, wenige Tage nach dessen Tod während der Messerattacke in Crépol.

Imago

Juristisch ist die Sache ohnehin noch nicht entschieden. Am 17. August beantragte die Staatsanwaltschaft von Valence, den von den Untersuchungsrichtern aufgenommenen erschwerenden Umstand des Rassismus wieder fallenzulassen. Ein rassistisches Tatmotiv sei nicht hinreichend nachgewiesen. Die entsprechenden Zeugenaussagen seien in der Minderheit, teilweise ungenau oder widersprüchlich. Vor allem aber könne keiner der berichteten Rufe einem bestimmten Beschuldigten zugeordnet werden.

Antirassismusorganisationen uneins

Anders argumentiert die Antirassismusorganisation Léa («Lutte pour l’Égalité dans l’Antiracisme»), die auf die gleiche Behandlung unterschiedlicher Formen von Rassismus pocht. Ihre Anwältin Lara Fatimi, die zugleich eines der Opfer vertritt, kritisierte das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Die Frage des rassistischen Tatmotivs müsse «bis zum Ende geprüft und im Prozess debattiert werden».

Nun muss die Justiz entscheiden, welche Vorwürfe vor Gericht verhandelt werden. Die Staatsanwaltschaft will elf der vierzehn beschuldigten Männer wegen Mordes beziehungsweise versuchten Mordes vor ein Schwurgericht stellen. Als mögliche Auslöser der Auseinandersetzung nennen die Ermittlungen Alkohol, das Verhalten einiger Männer gegenüber Mädchen sowie rassistische Beschimpfungen gegen «Araber» wie gegen «Weisse». Der Prozess dürfte frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2027 beginnen.

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