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Wissenschaft - News und Hintergründe zu Wissen & Forschung | NZZ · Aug 20, 2026

Temperaturrekorde und Dürre: Warum dieser Sommer in Europa so heiss ist

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Sven Titz · Neue Zürcher Zeitung

Temperaturrekorde und Dürre: Warum dieser Sommer in Europa so heiss ist

Durch den Klimawandel sind die Häufigkeit und die Intensität von Hitzewellen gestiegen. Doch er ist nicht der einzige Grund für das extreme Wetter.

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Durch Trockenheit freigelegte Uferzone am Bodensee bei Wasserburg.

Durch Trockenheit freigelegte Uferzone am Bodensee bei Wasserburg.

Wolfgang Maria Weber / Imago

Dieser Sommer wirkte wie ein Blick in die ferne Zukunft. Seit Mai folgte in der Schweiz und Deutschland eine Hitzewelle auf die nächste; an vielen Orten gab es mehr Tage mit Höchsttemperaturen über 30 Grad Celsius als je zuvor. Reihenweise fielen Rekorde: 39,7 Grad in Basel ist die neue Rekordtemperatur auf der Alpennordseite der Schweiz, 39,9 Grad lautet die neue Höchstmarke für Berlin, und 41,8 Grad in Möckern-Drewitz in Sachsen ist die neue Rekordmarke für Deutschland.

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Auch die Trockenheit hat historische Ausmasse angenommen. Viele Gemeinden riefen zum Wassersparen auf, viele Bäche sind ausgetrocknet, und die Flusspegel sind extrem stark gefallen: Frachtschiffe auf dem Rhein erreichen Basel darum nur noch mit deutlich verringerter Ladung.

Dabei lagen die Schweiz und Deutschland nicht einmal im Zentrum der grössten Hitze und Trockenheit in diesem Sommer: Noch stärker war Frankreich betroffen. Im Juni und Juli kletterte das Thermometer dort immer wieder weit über 40 Grad. Nachts kühlte sich die Luft oft nicht unter 25 Grad ab, manchmal nicht einmal unter 30 Grad. Extreme Trockenheit bereitete den Boden für katastrophale Waldbrände bei Bordeaux und in anderen Gebieten. Mehrere grosse Feuer loderten auch in Belgien und Deutschland.

Wie viele Menschen der Hitze in Europa zum Opfer fielen, lässt sich noch nicht abschliessend sagen, denn die Analysemethoden in verschiedenen Ländern unterscheiden sich. Allein in Deutschland sollen es laut einer Analyse des Robert-Koch-Instituts in Berlin mehr als 10 000 vorzeitige Todesfälle gewesen sein.

Wer nach Gründen für die enorme Hitze und Trockenheit dieses Sommers in weiten Teilen Europas sucht, erhält von Fachleuten typischerweise zwei sich ergänzende Antworten: Zum Teil liegt es am Zufall des Wetters, aber auch der Einfluss des Klimawandels ist unübersehbar. Unklar ist noch, welche Rolle das Pazifikphänomen El Niño gespielt hat.

Hitzewellen: heute 3 bis 4 Grad heisser

Um den Einfluss des Klimawandels zu beziffern, muss man sich zunächst die globale Entwicklung anschauen: Im weltweiten Durchschnitt ist die Lufttemperatur seit der vorindustriellen Zeit um rund 1,4 Grad gestiegen. Dies wurde durch die Nutzung fossiler Brennstoffe verursacht, denn dabei gelangen Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan in die Luft.

Die Schweiz hat sich aber stärker erwärmt – um rund 3 Grad. Der Unterschied zum globalen Durchschnitt ist damit zu erklären, dass das Land weitab vom kühlenden Meer liegt, das anderswo einen Teil der Wärme aufnimmt.

Wegen des Klimawandels können Höchsttemperaturen in Hitzewellen in der Schweiz heute 3 bis 4 Grad höher werden, als dies im 18. oder 19. Jahrhundert zu erwarten gewesen wäre. Das heisst konkret: Wurde früher mehrere Tage hintereinander eine Höchsttemperatur von 32 Grad erreicht, sind es heute 35 oder 36 Grad. Der Sommer 2026 bietet für diese Entwicklung eine Menge Anschauungsmaterial.

Von daher überrascht es nicht, dass zwei internationale Forschungsinitiativen – Climameter und World Weather Attribution – den Einfluss des Klimawandels auf die Hitzewelle Ende Juni bereits klar nachgewiesen haben wollen. Es handelt sich um vorläufige, noch nicht durch Fachleute begutachtete Analysen. Aber grundsätzlich wirken die Resultate plausibel.

Das Wetter in diesem Sommer ist auch aussergewöhnlich gleichförmig. Stabile Hochdruckgebiete verhinderten, dass vom Nordatlantik Tiefdruckgebiete nach Mitteleuropa gelangten, die Regen hätten bringen können. Wieder und wieder bauten sich neue Hitzeglocken auf, die Frankreich und seinen Nachbarländern grosse Trockenheit und extrem hohe Temperaturen brachten.

Die erste Hitzewelle kam schon im Mai, die zweite Ende Juni, dann gab es zwei im Juli und schliesslich noch eine im August. «Es waren typische Hitzewellen, aber ihre Häufung war ungewöhnlich», sagt der Klimaforscher Erich Fischer von der ETH Zürich.

Laut Fischer hat die hohe Temperatur in oberen Luftschichten eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Hitzewellen gespielt. Dadurch konnten keine Schauer oder Gewitter entstehen, selbst wenn sich die Luft am Boden stark erhitzt hat. Die Atmosphäre war zu stabil dafür.

Speziell an dem Hitzesommer 2026 ist aber auch seine Vorgeschichte. Schon das Frühjahr war in Mitteleuropa deutlich zu trocken. Je trockener die Erdoberfläche ist, desto weniger Energie der Sonnenstrahlung wird für die Verdunstung von Wasser benötigt und desto mehr Energie strömt in die Aufheizung der Luft. Schon in früheren Jahrhunderten ging einem heissen Sommer in Mitteleuropa oft ein zu trockenes Frühjahr voraus. Durch den Klimawandel werden Dürrephasen immer häufiger und intensiver.

Im Laufe des Sommers nahm die Trockenheit immer weiter zu. Das hatte zur Folge, dass der Temperaturunterschied zwischen dem frühen Morgen und den Nachmittagsstunden Anfang August extrem gross war. Laut Meteo Schweiz schwankte die Temperatur an manchen Tagen um mehr als zwanzig Grad.

Wie gross war der Einfluss von El Niño?

Zuweilen wird jetzt auch über den möglichen Einfluss des Pazifischen Ozeans auf den europäischen Sommer spekuliert: Schon jetzt hat sich der östliche tropische Pazifik stark erwärmt, und Fachleute erwarten, dass der Temperaturanstieg bis zum Herbst weitergeht – ein Phänomen, das El Niño genannt wird. Es wird voraussichtlich Trockenheit in Indonesien und im Amazonasregenwald verursachen, aber auch darüber hinaus durch Fernwirkungen in der Atmosphäre das Weltwetter durcheinanderbringen. Die neusten Prognosen deuten darauf hin, dass El Niño diesmal etliche meteorologische Rekorde brechen könnte.

Laut der Physikerin Daniela Domeisen von der Universität Lausanne legen die Indizien nahe, dass der Einfluss von El Niño auf das europäische Sommerwetter eher gering und ein möglicher Zusammenhang sehr komplex ist. Grundsätzlich bestehe zwar die Möglichkeit, dass El Niño einen Einfluss habe, dieser sei aber Gegenstand der aktuellen Forschung.

El Niño beeinflusst aber auf jeden Fall die globale Mitteltemperatur. Sie steigt in den Monaten nach solch einem Ereignis immer ein wenig an. Die Durchschnittstemperatur im Jahr 2026 dürfte noch ungefähr das gleiche Niveau erreichen wie im bisherigen Rekordjahr 2024. Fachleute rechnen aber fest damit, dass 2027 ein neuer Rekord der globalen Mitteltemperatur aufgestellt wird, der laut verschiedenen Vorhersagen bei ungefähr 1,7 Grad über vorindustriellem Niveau liegen könnte.

Auf den langfristigen Trend des menschengemachten Klimawandels legt El Niño immer noch ein paar Zehntelgrad drauf. Allerdings handelt es sich dabei nur um einen Teil einer natürlichen klimatischen Schwankung. Das Pendant zu El Niño, das La Niña heisst und durch tiefe Temperaturen im tropischen Pazifik charakterisiert ist, führt ein bis zwei Jahre später meistens zu einer leichten globalen Abkühlung.

Wie der Sommer im Jahr 2027 in Europa ausfallen wird, kann derzeit noch niemand sagen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es erneut zu einer solch grossen Hitze wie in diesem Jahr kommt, ist zum Glück klein. Doch Klimawissenschafter prognostizieren auch: In Zukunft werden Sommer wie 2026 immer öfter auftreten.

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