
Kommentar
Bald kann jeder autonome KI-Agenten auf seine Feinde hetzen. Der Angriff auf Taiwan markiert einen gefährlichen Wendepunkt
Autonome KI-Agenten helfen im Cyberkrieg den Angreifern mehr als den Verteidigern. Westliche Demokratien müssen nun ihre digitale Wehrhaftigkeit und den Schutz kritischer Infrastrukturen zur zentralen Aufgabe der nationalen Sicherheit machen.
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Ein Angehöriger der taiwanischen Streitkräfte bei einer Militärübung in Taipeh.
Annabelle Chih / Getty
Taiwan ist Opfer einer Attacke geworden, die so noch nie dokumentiert worden ist: Im Juli griffen autonom handelnde KI-Agenten das Land an. Sie feuerten mit allem, was ihre algorithmischen Fähigkeiten hergaben, stahlen Dokumente, hackten sich in einen E-Mail-Dienst, bauten Hintertüren in Web-Anwendungen der Regierung.
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Die Crux dabei: Das alles taten sie weitgehend automatisiert. Mutmasslich haben Menschen zwar das Ziel vorgegeben und die Attacke überwacht. Die KI brach sich dann aber mehrheitlich eigenständig ihren Weg durch die digitalen Abwehrmauern Taiwans.
Die Auftraggeber hinter dem Hack sind bis heute unbekannt. Es gibt aber Indizien dafür, dass China beteiligt gewesen sein könnte.
Autonom, aggressiv, unaufhaltsam
Der Angriff markiert einen gefährlichen Wendepunkt im Cyberkrieg. Denn KI-Agenten verschärfen die Asymmetrie zwischen Angreifern und Verteidigern im Cyberraum gerade drastisch. Die neuartigen Tools nützen den Angreifern mehr als den Verteidigern. Schliesslich senken sie die Kosten für einen Angriff. Die Verteidiger können zwar KI-Systeme einsetzen, um Schwachstellen in ihrer Abwehr zu finden. Aber um diese auszubessern, brauchen sie Zeit und detaillierte Fachkenntnisse.
Angreifer und Verteidiger kämpfen im Cyberkrieg also mit ungleich langen Spiessen. Die Angreifer müssen nur eine einzige Schwachstelle im System des Opfers finden, während Opfer sich gegen alle möglichen Arten von Angriffen verteidigen müssen.
Wie ausgeklügelt die KI beim Angriff auf Taiwan vorging, lässt einen erschaudern: Die Agenten suchten sich mehrere Angriffspfade, schätzten fortlaufend die Erfolgswahrscheinlichkeit ein, verlagerten Ressourcen auf einen bestimmten Pfad, sobald dieser aussichtsreich erschien. Weiter lernten die Agenten während des Angriffs ständig dazu. War ein Pfad blockiert, schickte das System einen weiteren Agenten los, der im Netz nach neuen Angriffsmöglichkeiten recherchierte.
Insgesamt machten die KI-Agenten das, wozu es früher ein ganzes Team an qualifizierten Hackern brauchte.
Die Angriffe werden künftig noch gefährlicher
Noch braucht es viel Fachwissen, um einen Angriff durchzuführen, wie ihn Taiwan erleiden musste. Aber künftig dürfte das einfacher werden. Weil KI-Systeme laufend besser werden und ihre Bedienung intuitiver, dürften solche Angriffe künftig nicht nur häufiger, sondern auch gefährlicher werden.
Die Gefahr, die von autonomen KI-Agenten ausgeht, hatte sich in den vergangenen Wochen angedeutet. Open AI, Anthropic und die britische KI-Sicherheitsbehörde hatten jüngst dokumentiert, wie KI-Agenten versuchten, Sicherheitsbestimmungen zu umgehen.
Wenn diese Modelle schon gegen den Willen ihrer Erschaffer Wege finden, Regeln zu unterlaufen, können sie als Waffe eingesetzt eine völlig neue Zerstörungskraft entwickeln. Insofern war es absehbar, dass ein solcher Angriff früher oder später passieren würde.
Europa muss umdenken
Mit dem Angriff beginnt ein neues Zeitalter der Cyberkriegsführung. Eines, in dem autonome KI-Systeme den Ton vorgeben: Schneller, als es Menschen je könnten, richten sie enorme Schäden an.
Nun erlebt Taiwan heute, was der Westen morgen erleben wird. Für westliche Demokratien wie Deutschland oder die Schweiz muss der Angriff auf Taiwan deshalb ein Weckruf sein, ihre digitale Wehrhaftigkeit und den Schutz kritischer Infrastrukturen zur zentralen Aufgabe der nationalen Sicherheit zu machen.
Nun ist radikaler Realismus gefragt. Startups, Konzerne, Stadtregierungen oder Nationalstaaten: Alle müssen mit dem Angriff von autonomen KI-Agenten rechnen, die im Auftrag von Schurkenstaaten oder Kriminellen agieren.
Die liberale Forderung nach einem schlanken, aber starken Staat muss sich im 21. Jahrhundert auch an seiner digitalen Wehrhaftigkeit messen lassen. Denn wer im digitalen Zeitalter seine Souveränität nicht verteidigen kann, verliert am Ende die Kontrolle über die eigene Freiheit.
21 Kommentare
Daniel Schlossberg
Ich sehe das ein wenig anders, vielleicht auch gelassener. Genau so, wie sich KI für Cyberattacken verwenden lässt, kann KI auch zur Abwehr von KI-Angriffen genützt werden. Wer KI programmiert, trainiert und deren Autonomie erhöht, kann mit Angriffen, aber auch mit deren Abwehr Geld verdienen und Macht gewinnen (worum es letztlich immer geht). In meiner Jugend habe ich gerne Schach gespielt, dann kamen die ersten Schachcomputer, die noch keine Gefahr für die Menschen darstellten, dann kam Deep Blue und die weitere Geschichte ist bekannt. Intelligener Schutz vor Angriffen im Internet besteht längst nicht mehr nur in einer Antiviren-Software. Heute ist KI-gestützter Schutz vor Betrug schon Standard, die Geschichte wird sich weiter entwickeln. So richtig schwierig wird die Sache dann mit der asymmetrischen Cyberkriegführung durch Quantencomputer. Das Gute daran ist, dass es für „gewöhnliche“ Cyberkriminelle so bald keinen Zugang geben wird, es sei denn, es gelänge, diese Systeme zu hacken. Hingegen werden möglicherweise staatliche Akteure im Bestreben, die Oberhand zu behalten oder zu erobern, auf Quantentechnologie setzen. Die Sorglosigkeit der KI-Firmen, was Schutz der eigenen Technologien betrifft, ist wohl dem „Goldrausch“ geschuldet. Da werden selbst gestandene Männer (und wohl auch Frauen heutzutage) zu kleinen Kindern.
Axel Erlebach
Was mich neben den allgemeinen Feinden der Demokratie interessiert, ist, wie sicher es mit der Wehrhaftigkeit der NZZ steht bezüglich Hackerangriffen steht. Da habe ich bei einem Blick auf die IT-Umsetzung der Kommentarspalte meine Zweifel. Während der Tagesanzeiger unzählige Artikel zum Kommentieren offen hat und diese noch dazu markiert sind, sehe ich bei der NZZ auf der Leserseite nur einen offenen Artikel. Was macht der Tagesanzeiger hier besser?




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