Der Angriff auf das größte Einkaufszentrum von Krywyj Rih in der Zentralukraine mit mindestens 16 Toten zeigt: Der Krieg wird immer unerbittlicher.
Foto: AFP/YAN DOBRONOSOV
Deutschlands Außenminister Johann Wadephul ist zum Solidaritätsbesuch in Kiew. Am Montag feiert die Ukraine den 35. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Ein Tag, von dem man der Ukraine noch sehr viele wünscht. Und dass die Menschen diesen Tag im Frieden begehen können.
Im Gepäck des Außenministers auch dieses Mal dabei: uneingeschränkte Solidarität mit dem angegriffenen Land, weitere Millionen für humanitäre Hilfe und die Prophezeiung, die Ukraine werde den Krieg gewinnen. Woher Wadephul diese Erkenntnis nimmt – man kann es nur vermuten. Wird er schlecht beraten, ist es reines Wunschdenken oder hat Deutschlands oberster Diplomat tatsächlich keine Ahnung von der Situation in der Ukraine?
Denn die Realität sieht anders aus. Nach viereinhalb Jahren hat der Krieg eine neue, brutalere Phase erreicht, die einem offenen Schlagabtausch gleicht und für die die überstrapazierte Formulierung »Eskalation« wirklich zutrifft.
Die Zahl der zivilen Opfer in der Ukraine hat das Niveau der ersten Kriegsmonate erreicht. Und auch in Russland sterben immer mehr Zivilisten. Verantwortlich für das zunehmende Leid der Menschen ist nicht allein die unzureichende Flugabwehr, die gegen Russlands Raketen und Drohnen kaum noch etwas ausrichten kann. Kiews Taktik, das russische Hinterland mit Drohnen anzugreifen, statt sich auf die Verteidigung und die Rückeroberung der von Russland besetzten Gebiete zu konzentrieren, geht zunehmend nach hinten los.
Wie bereits der Einmarsch ins Gebiet Kursk vor zwei Jahren erzeugen die Drohnenangriffe zwar reichlich Schlagzeilen, schaden der Ukraine jedoch mehr als Russland. Die kostspieligen Angriffe haben die Staatskasse geleert, ohne dass sich die Hoffnung auf einen Aufstand in Russland auch nur ansatzweise erfüllt hat. Stattdessen reagiert die russische Armee mit brutalen Gegenangriffen, wie am Freitag auf das größte Einkaufszentrum von Selenskyjs Heimatstadt Krywyj Rih. Für die Entwicklung neuer Abwehrwaffen fehlt Kiew das Geld.
In solch einer Situation von einem ukrainischen Sieg zu sprechen, grenzt an Realitätsverweigerung. Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen. Von keiner Seite. Beenden kann das Leiden nur Diplomatie. Das zumindest scheint dann auch Wadephul eingestehen zu müssen, der hofft, dass die USA es schon irgendwie richten mögen.

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