Blick ins Aufnahmestudio: Julian Daum (links) im Gespräch mit Mine Pleasure Bouvar für die neue Folge von »Klassentreffen«
Foto: nd/Lola Zeller
Gibt es sie noch, die Arbeiterklasse? »Ja!«, sagt Olivier David. Doch über Klasse werde viel zu wenig gesprochen, so seine Wahrnehmung. Deswegen hat der Autor und Journalist den Podcast »Klassentreffen« ins Leben gerufen, der seit 2024 monatlich beim »nd« erscheint. Seit Anfang dieses Jahres ist auch nd-Redakteur Julian Daum an Bord. Im Wechsel laden die beiden Gäste ein, um über die Bedeutung von Klasse in aktuellen gesellschaftlichen Konflikten zu sprechen.
Die Gäste kommen aus unterschiedlichen Bereichen – mal aus der Wissenschaft, mal aus der Kunst, mal aus dem Aktivismus. Mit den herrschenden Verhältnissen sind sie alle nicht einverstanden und fordern eine Veränderung von unten. »Wir versuchen, mit dem Podcast verschiedene Stimmen und damit die Vielfältigkeit der Klasse hörbar zu machen«, sagt David. Dabei gehe es nicht um einen hohen theoretischen Anspruch oder einen streng gefassten Klassenbegriff. »Der Podcast soll Leuten einen Einstieg in verschiedene Themen ermöglichen.« Denn viele Menschen hätten in ihrem Alltag nicht die Zeit, sich mit vielen unterschiedlichen Themen intensiv zu beschäftigen, sagt David.
Da schafft »Klassentreffen« Abhilfe: In rund einstündigen Gesprächen können David und Daum mit ihren Gästen intensiv über das jeweilige Thema reden, ohne dass es zu kompliziert oder voraussetzungsreich wird. Im Mai etwa sprach David mit dem Psychotherapeuten Lukas Mahler über Haushaltskürzungen und Streikpotenzial im Gesundheitssystem und darüber, inwiefern die Versorgung und auch die Diagnosen vom Geldbeutel und der Klasse abhängen. Julian Daum unterhielt sich im März mit Gonca Sağlam über rassistische Polizeigewalt und wie sie als Mittel der Kontrolle eingesetzt wird. Im Dezember sprach David mit der Wissenschaftlerin Nicole Mayer-Ahuja über die Konflikte in Arbeitskämpfen und wie prekäre Beschäftigungsverhältnisse zur Spaltung innerhalb der arbeitenden Klasse führen.
Ein Ziel des Podcasts sei es, »Leute zu transportieren« – zum Beispiel von einer linksliberalen Haltung zu »entschlosseneren ideologischen Positionen«, sagt David. Eine solche Entwicklung habe es auch bei ihm selbst gegeben. Als er mit »Klassentreffen« angefangen habe – damals noch nicht in Zusammenarbeit mit »nd« –, habe er noch viele Haltungen vertreten, die er als linksliberal beschreibt. Das seien »Meinungen, die die Verhältnisse nicht grundsätzlich infrage stellen, sondern auf Anpassung, auf die Eingliederung eigener Politikwünsche in das bestehende System« ausgerichtet seien.
»Es ist wichtig, kämpferische Perspektiven als Klassenperspektiven darzustellen.«
Olivier David Klassentreffen-Host
Doch David habe sich mehr und mehr mit materialistischen Standpunkten auseinandergesetzt. »Ich bin in den letzten Jahren zum Kommunisten geworden.« Diese Entwicklung lasse sich auch im Podcast feststellen, beispielsweise habe David mit dem Bündnis »Rheinmetall entwaffnen« über antimilitaristischen Aktivismus gesprochen. »Es ist wichtig, kämpferische Perspektiven als Klassenperspektiven darzustellen.«
Mit Julian Daum seien seit Anfang des Jahres noch einmal weitere Themen dazugekommen, zum Beispiel zu Polizeigewalt und Sicherheitspolitik, sagt David. »Das sind Perspektiven, die ich gar nicht liefern kann. Da bin ich interessiert, aber sitze nicht fest im Sattel.« Überhaupt sei es gut für den Podcast und für David selbst, dass er nun nicht mehr alleine an Themen arbeitet, sondern sich mit »Sparring-Partner« Daum abstimmen kann.
Online-Redakteur Julian Daum freute sich sehr darüber, als David ihm vorschlug, bei »Klassentreffen« mitzumachen, erzählt Daum. Und doch zögerte er: »Ich musste darüber nachdenken, denn es geht ja um Klassenfragen. Und viele Leute denken dann direkt, es gehe um Armut und dass nur Armutsbetroffene darüber sprechen können.« Im Gegensatz zu David komme Daum aber nicht aus einem »gefährdeten Haushalt«, doch im Gespräch mit David habe sich der Vorbehalt auflösen lassen. Denn laut David ergebe es durchaus Sinn, »Klasse« weiter zu fassen und von »Lohnabhängigen« zu sprechen. Darüber sprechen die beiden ausführlich in einer eigenen Podcast-Folge, in der Daum außerdem als neuer Host vorgestellt wird.
Daum gefällt das Format von »Klassentreffen« gut, gerade im Vergleich zum klassischen journalistischen Interviewformat, bei dem man sich die »Mächtigen einlädt« und »grillt«. »Im Podcast tauscht man sich von einem Klassenstandpunkt über politische Themen aus – auf Augenhöhe, im organischen Gespräch.« Auch Daum weiß die unterschiedlichen Perspektiven der beiden Klassentreffen-Hosts zu schätzen. »Bei Olivier kommt mehr Klassenanalyse, da bin ich nicht so theoriefest. Ich schaue mehr auf die Gesellschaftspolitik, auf die Auswirkungen auf die Gesellschaft.«
Nach zwei Monaten Sommerpause soll die nächste Folge im August erscheinen, moderiert von Daum. Zu Gast ist Mine Pleasure Bouvar. Die beiden sprechen über den Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin, über queere Lebensrealitäten in der bürgerlichen Gesellschaft und wie sich »der Homonationalismus dem erstarkenden Chauvinismus andient«, sagt Daum zur Vorankündigung.

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