»Lernen, lernen und nochmals lernen«, sagte Genosse Lenin. Das gilt auch fürs Literarische.
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Die gute Nachricht: Die Integration in Deutschland funktioniert. Wenn Migranten oder deren Kinder sich anschicken, Literatur zu verfassen, klingt es nicht anders, als wenn die Lehrertochter Elisabeth Müller schreibt – und das ist die schlechte Nachricht. Die Romane mögen in Ungarn, Tawain oder dem Irak spielen, doch am Ende schimmert stets der deutsche Michel oder seine beflissene Schwester Michaela durch. Die vermeintliche Vielfalt entpuppt sich als das vertraute Elend, das seit Jahrzehnten den Namen »Deutsche Literatur« trägt.
Die Longlist des Deutschen Buchpreises ist seit 2005 das Best-of dieses Elends. Jahr für Jahr nominiert eine Jury 20 Romane, die aufzeigen, woran es im hiesigen Literaturbetrieb krankt. Symptome gibt es einige, denn scheitern kann man auf mannigfache Weise. Verlage, die Sätze durchwinken wie »Am Friedhofszaun spürte Lazi zum ersten Mal, wie die Zeit eine Szene vernichtete, einfach, in dem sie weiterging« (Muri Darida: »King Kobra«) und »Den Fischkopf zu greifen schafften die Hände nicht mehr von den Augen des Fisches daran gehindert nicht im Traum obwohl die Dämmerung des Abends nicht die Wiederholung des Morgens war« (Karosh Taha: »Gulistan«), müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie sich keinen Lektor leisten konnten, der dem Schwulst Einhalt geboten oder ab und an ein Zeichen gesetzt hätte, also ein Satzzeichen.
Doch sind es nicht nur solche Manierismen, die die Geduld auf die Probe stellen. Miriam Carbe beginnt ihren Roman »Unerwünschte Töchter« damit, dass sie erstmal seitenlang einen Schrank beschreibt – danach weiß man die wortlosen Bauanleitungen von Ikea zu schätzen. Und wer einen Roman »Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle« nennt, macht von vornherein klar, dass Lesen gefälligst Textexegese (sprich: harte Arbeit) zu sein hat. Alles sehr deutsch. Da möchte man die Autorin Valeria Gordeev, deren Eltern aus der UdSSR auswanderten, daran erinnern, dass bei Dostojewski, Tolstoi und Tschechow Lesbarkeit und literarische Qualität kein Widerspruch waren.
Aber man muss ja nicht gleich die Klassiker der Weltliteratur herbeizitieren. Es würde schon helfen, wenn sich einige der Buchpreis-Nominierten an den Deutschunterricht erinnerten. Wie hieß es da über die Novelle? Diese handele von einer »unerhörten Begebenheit«. Was nicht minder auf gute Romane zutrifft. Altmeister Ingo Schulze macht vor, wie das geht: »›Der Verräter?‹, rief Carola. ›Du machst eine Lesung für den, der dich verraten hat?‹« Bereits vorher hatte es geheißen, »die Lesung lief dann allerdings etwas aus dem Ruder«. So einfach lässt sich Spannung erzeugen. Auch Heinz Strunk weiß, wie man die Leser anfixt: »Eine Lüge überlagert die nächste, und so geht es weiter, endlos. Wenn die drei entscheidenden Punkte bei Immobilien Lage, Lage, Lage sind, dann gilt für die Ehe: Lüge, Lüge, Lüge.«
Natürlich wird weder Ingo Schulzes »Das Wasser im August« noch Heinz Strunks »Memories of Heidelberg« den Deutschen Buchpreis gewinnen. Es gehört zum Wesen dieser Auszeichnung, dass nicht gelungene Plots und sprachliche Versiertheit – also Professionalität – honoriert werden. Lang ist die Liste an großen Romanen, denen das Podest versagt blieb: »Die Vermessung der Welt« (Daniel Kehlmann), »Das Wetter vor 15 Jahren« (Wolf Haas), »Taxi« (Karen Duve), »Sand« (Wolfgang Herrndorf), »Sechs Koffer« (Maxim Biller) – sie alle gingen leer aus, schafften es teilweise nicht mal in die Shortlist der besten Sechs.
Unter den Siegern hingegen wimmelt es von Half-Hit-Wonders. »Archipel« (Inger-Maria Mahlke), »Kruso« (Lutz Seiler) »Landgericht« (Ursula Krechel), »Tauben fliegen auf« (Melinda Nadj Abonji), »Habenichtse« (Katharina Hacker) und so weiter und so fort. Wer sich an diese Preisträger noch erinnert, hat entweder ein fotografisches Gedächtnis oder ist von Beruf Germanist. »Die Holländerinnen« von Dorothee Elmiger, Preisträgerin 2025, wird das gleiche Schicksal erleiden: prämiert, gehypt und ebenso schnell vergessen. Ein Roman, der mustergültig die Siegeskriterien erfüllte. Er war »poetisch« (das heißt, er bediente sich einer Sprache, die sich zwischen artifiziell und verquast bewegte) und »relevant« (er packte ein vermeintlich heißes Eisen an, das längst erkaltet war).
Unter diesem Gesichtspunkt hat »Nelka« von Svenja Leiber beste Gewinnchancen. Es geht um Leiharbeiterinnen im Zweiten Weltkrieg. Da ist folgenlose Betroffenheit garantiert. In der Gegenwart mögen wir Deutschen uns nicht immer mit Ruhm bekleckern, doch in puncto Vergangenheitsbewältigung macht uns keiner was vor. »Nelka« sorgt für jenen wohligen Schauer (»Ach ja, so waren sie, die schlechten alten Zeiten!«), der einen beruhigt einschlafen lässt. In diesem Sinne: Gute Nacht, deutsche Literatur!

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