Fleißiger Autogrammgeber: Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt
Foto: dpa/Peter Gercke
Als Oskar Lafontaine 1998 Bundesfinanzminister im Kabinett von Gerhard Schröder wurde, hat die britische Boulevardzeitung »The Sun« den damaligen SPD-Chef zum »gefährlichsten Mann Europas« erklärt. Der Grund: Lafontaine plädierte unter anderem für eine staatliche Regulierung der Finanzmärkte und feste Wechselkurse zwischen den großen Währungen. Das schmecke vor allem den Konservativen und Liberalen in Großbritannien nicht. Ein Linker aus Deutschland macht uns nicht die schöne City of London kaputt!
Nun ist »Der Spiegel« nicht unbedingt mit dem Revolverblatt aus der englischen Hauptstadt zu vergleichen, obwohl das Printerzeugnis aus Hamburg inzwischen nicht nur als Polit-Illustrierte durchgeht, sondern sich mitunter auch großzügig beim Boulevard bedient. So auch in der aktuellen Ausgabe. Das Titelblatt ziert derzeit der AfD-Spitzenmann Ulrich Siegmund, die Schlagzeile darunter: »Der gefährlichste Mann Deutschlands«. Die Aufbereitung erinnert an ein Fahndungsplakat, nur dass diesmal kein Bankräuber mit Cowboyhut und auch kein RAF-Mitglied abgebildet ist. Eine Belohnung zur Ergreifung wird auch nicht ausgelobt.
Zum Thema: Der radikalste AfD-Verband greift nach der Macht – die Landespartei in Sachsen-Anhalt gilt seit Jahren als »Motor der Radikalisierung«. Selbst wenn sie nicht regieren kann, droht ein enormer Machtzuwachs.
Nun ist es die Aufgabe jeder Zeitungsredaktion, eine Gewichtung seiner Themen vorzunehmen und das für sie bedeutendste auf den Titel zu nehmen. Man kann darüber streiten, ob eine ausführliche Berichterstattung über die AfD, wie sie zurzeit im deutschen Blätterwald stattfindet, gerechtfertigt ist oder nicht. Vor den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt aber ist es durchaus nachvollziehbar, sich für Siegmund auf dem Titel zu entscheiden. Denn seine Partei könnte bei dem Urnengang am 6. September die absolute Mehrheit erringen und damit erstmalig in einem Bundesland den Ministerpräsidenten stellen. So weit, so schlecht. Bei dem »Spiegel«-Cover ist also nicht das Ob das Problem, sondern das Wie.
Die AfD steht in ihrer Vorstellung einem »Kartell aus Altparteien« gegenüber. Das betonen ihre Funktionäre bei fast jeder sich bietenden Gelegenheit. Die etablierten Parteien hätten die eigene Bevölkerung verraten, heißt es weiter. Mehr noch: Sie treiben einen »großen Austausch« voran, durch den die (Bio-)Deutschen von Afrikanern, Arabern und anderen Migranten ersetzt werden sollen (»Umvolkung«). Laut AfD spielten die Medien dabei eine entscheidende Rolle, denn die würden ständig gegen die AfD hetzen und über sie »Fake News« verbreiten. Das heißt also: Für die Partei sind die bürgerlichen Medienhäuser Mittäter am »Verrat am deutschen Volk«.
Christian Klemm
Christian Klemm arbeitet seit 2007 beim »nd«. Er ist Leiter des Online-Ressorts nd.aktuell.
Der aktuelle »Spiegel«-Titel passt genau in diese Argumentation. Ulrich Siegmund, der tapfere Kämpfer für die Interessen der Deutschen diesseits und jenseits der Elbe, wird von einem der größten, sagen wir ausnahmsweise: Nachrichtenmagazine Deutschlands zur Persona non grata erklärt, zu einem skrupellosen Verbrecher oder Aussätzigem, der an Pest, Ruhr und Cholera gleichzeitig erkrankt ist. Dabei sind es doch die etablierten Parteien und Medien, die gefährlich für Deutschland seien und nicht der sympathische junge Mann, den Omi kürzlich beim Wahlkampf in Stendal oder Eisleben getroffen hat.
Dieses Cover nützt also vor allem einem – und das ist Ulrich Siegmund selbst. Fleißig signiert er die entsprechende Titelseite; inzwischen ist eine Ausgabe mit seiner Unterschrift für mehr als 1000 Euro in einem bekannten Internet-Auktionshaus verkauft worden (»Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Bieten!«). Ein neuer Posterboy ist geboren – nur mit dämonischem Antlitz! Früher haben sich Jugendliche Michael Jackson oder Madonna ins Zimmer gehängt; heute wird die Wand über dem Bett vielleicht mit dem Konterfei von Ulrich Siegmund »verschönert«. Der spricht inzwischen übrigens von einem »riesengroßen Ritterschlag« durch den »Spiegel«.
Sollte nach dem 6. September die AfD politische Verantwortung in Magdeburg tragen, dann wird es für alle, die nicht ihrem völkischen Menschenbild entsprechen, richtig ungemütlich. Denn Siegmund ist vielleicht nett und höflich – doch hinter dieser Fassade verbirgt sich knallharte rechte Politik. So soll beispielsweise »ab Minute eins« im großen Stil abgeschoben werden. Den etablierten Medien geht es dann ebenfalls an den Kragen – auch denen, die eine Mitschuld an der »Machtergreifung« der AfD tragen. So wie der »Spiegel«, dem Steigbügelhalter der Faschisten in Deutschland.
Nota bene: Oskar Lafontaine hat sich in der politischen Rente peu à peu den Positionen der AfD angenähert. Weniger »gefährlich« ist er dadurch nicht geworden – vor allem für Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund und queere Personen. Und über die Betroffenen dieser völkischen Politik wird für meinen Geschmack derzeit am wenigsten gesprochen.

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