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nd: Wissen · Aug 20, 2026

Künstliche Intelligenz | Der Chatbot und die Lesekrise

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Redaktion nd-aktuell.de · nd-aktuell.de

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Immer weniger Menschen lesen, während KI-Firmen Bücher schreddern. Wie KI uns das Denken abnimmt

Sind die guten alten Bücher Kulturschatz oder lästige Relikte? Welchen Stellenwert hat das Lesen in den gegenwärtigen Verhältnissen?

Sind die guten alten Bücher Kulturschatz oder lästige Relikte? Welchen Stellenwert hat das Lesen in den gegenwärtigen Verhältnissen?

Foto: Bücher: IMAGO/imagebroker

Wir sind in einer »Lesekrise«. In den USA ist das tägliche Lesen in den letzten 20 Jahren um 40 Prozent zurückgegangen, hierzulande meldet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels einen stetigen Umsatzrückgang, ein Drittel weniger Buchverkäufe allein bei den 10- bis 15-Jährigen. »Lesen ist immaterielle Infrastruktur – so grundlegend wie Straßen, Stromnetze und funktionierende Verwaltungen«, ließ der Vorsteher des Buchhandelsbundesverbands verlauten. Gemeint ist, dass mit dem Lesen ein wesentlicher Beitrag zur Kapitalakkumulation geleistet wird, nicht nur für die Buchbranche.

Denn Lesen selbst ist mittlerweile ein mustergültiger Akkumulationsprozess: So wie Menschen Geld für »finanzielle Unabhängigkeit« oder Proteine für den Muskelaufbau anhäufen, so erwerben sie vermeintliche Intelligenz über akkumuliertes Wissen. »Read a book!«, sagt man in Hollywoodfilmen und Netflix-Serien, wenn jemand zu blöd ist. Dem kommen selbst Tech-Bros und Incel-Alphas aus der »Mannosphäre« nach. Elon Musk lese 100 Bücher im Jahr, behauptete der Dienstleister Blinkist, um sein Produkt effizienter Buchzusammenfassungen zu verkaufen. Einen ähnlichen Service bietet auch eine Website, um das zeitintensive Lesen in Studium und Arbeit, KI sei Dank, bis zur Überflüssigkeit zu optimieren. Bezeichnenderweise heißt diese: ihatereading.com.

Dass Lesen so eine bedeutende Kulturtechnik sein soll und zugleich so gehasst wird, spiegelt einen allgemeinen Widerspruch einer warenproduzierenden Gesellschaft wider: Die instrumentelle Vernunft zerstört am Ende den Sinn. Und das ist genau die Tendenz der Künstlichen Intelligenz, denn die Maschine perfektioniert das instrumentelle Lesen, die Akkumulation aller erdenklichen Inhalte zu einem gesellschaftlichen Durchschnitt des »Wissens«. Übrig bleiben halluzinierte Fakten und Bücher, die nach dem Scan geschreddert werden.

Die Unlust am Lesen, die bei vielen offensichtlich so groß ist, dass sie am liebsten Bücher durch KI-generierte Zusammenfassungen ersetzen wollen, ist eine verlässliche Spur zu des Pudels Kern. Denn Lesen ist eben nicht nur das Medium eines Informationszuwachses, sondern es ist ein Katalysator kritischen Denkens und der Selbstreflexion. Wer liest, konfrontiert sich selbst mit anderen Gedanken, vollzieht sie nach und bezieht sie auf sich – vorausgesetzt natürlich, es sind noch wirkliche Gedanken und nicht bloß jener zu Text geronnene gesellschaftliche Durchschnitt, den eine KI wiedergibt.

Diese Selbstkritik ist es, die im Hass auf das Lesen abgewehrt und mit den Prothesen und Lesehilfen der Künstlichen Intelligenz zum Schweigen gebracht wird. Und zwar zugunsten der irritationslosen Affirmation des Selbst: Amen, sagt einem der Chatbot, selbst wenn man ihn fragt, ob man sich nicht besser suizidieren sollte. Je mehr die Welt in Krise und Trümmern versinkt, desto dringlicher wird dieser Segensspruch einer mystischen Entität. Angesichts dieser Umstände ist der Wunsch, nicht mehr lesen zu müssen, nachvollziehbar. Und die Technologie erfüllt ihn. Alex Struwe

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