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Kritik Martha Argerich und Renaud Capuçon in Salzburg Im Glückssturm
22.08.2026 von Bernhard Neuhoff
Sie ist 85 Jahre. Aber das kann nicht wahr sein. Wer Martha Argerich im Konzert erlebt, mag die Zahl nicht glauben. Während andere nicht aufhören können, weil offenbar keiner sich traut, ihnen zu sagen, dass es vorbei ist, ist bei der argentinischen Pianistin jeder Auftritt das pure Glück. Gemeinsam mit dem Geiger Renaud Capuçon spielte Argerich in Salzburg Violinsonaten von Schumann, Beethoven und Debussy.
Bildquelle: SF/Marco Borrelli
Kurz vor dem Konzert geht ein Wolkenbruch auf Salzburg nieder. An der Salzach biegen sich die Kastanien im Wind. Aber was ist so ein läppischer Sturm, verglichen mit dem Finale von Beethovens Kreutzer-Sonate. Martha Argerich und Renaud Capuçon entfesseln die Elemente. Und das ist ein Glückszustand. Die beiden stürzen sich in die Stromschnellen von Beethovens Musik. Sie öffnen die Schleusen, lassen los, überlassen sich dem steilen Gefälle, das sie vorwärts trägt, kopfüber in die Katarakte dieser rasanten Musik. Und behalten doch die Kontrolle.
Beethovens gefährliche Euphorie
Im Rausch der Geschwindigkeit ist jede Linie, jeder Ton gestaltet. Argerich lässt den Steinway lustvoll surren, wenn Beethoven Bass und Diskant auskostet, arbeitet Gegenstimmen heraus, genießt Dissonanzen. Und Renaud Capuçon antwortet ihr, facht immer wieder die Tanzwut dieser Tarantella an. Das ist genau der psychologische Zustand, den Beethoven anstrebt: eine gefährliche Euphorie, fast übergeschnappt, aber im Resultat absolut präzise, alles ineinander verzahnt, hellwach, auf den Punkt.
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Martha Argerich mit 85: ein Geschenk
Und ständig fragt man sich: Hört man jetzt irgendwie, dass sie 85 ist? Und ständig antwortet man sich selbst: Nein, hört man nicht. Was für ein unternehmungslustiger, neugieriger Geist, was für eine übermenschliche Reaktionsschnelligkeit! Auch Kraft und Klangfülle, Attacke und feinste Anschlagskontrolle – alles unverändert da. Ein Wunder, eine glückliche Ausnahme, ein Geschenk.
Einverständnis ohne Blicke
Mit Renaud Capuçon verbindet Martha Argerich eine jahrzehntelange Kammermusik-Freundschaft. Manchmal dreht sich Argerich zu ihrem Geiger um, aber die beiden wissen auch ohne Blicke, was der andere im nächsten Moment fühlen und spielen wird. Capuçon hat eine fabelhafte Technik, sein Ton ist zugleich schlank und süß. Und er hat die spontane Spielfreude, die immer Argerichs große Stärke war. So sind die beiden, auch wenn er 35 Jahre jünger ist, ein perfekt aufeinander eingespieltes Paar.
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Ovationen und Vorfreude
Was für Klangfarben dieses Duo zaubert – etwa in der Violinsonate von Claude Debussy. Wie genau sie den bunten Wechsel aus verträumten und bizarren Momenten nachzeichnen! Und wie poetisch und leidenschaftlich sie in Schumanns Violinsonate erzählen! Das ist tief berührend. Zwei Zugaben, stehende Ovationen. Und Vorfreude auf das nächste Konzert – demnächst geht Argerich mit den Münchner Philharmonikern auf Tournee. Ihr Alter glaubt ihr sowieso keiner.
Autor des Artikels: Bernhard Neuhoff
Sendung: "Piazza" am 22. August 2026 um 8:05 Uhr auf BR Klassik sowie veröffentlicht als Podcast in ARD Sounds
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