RSS Amplifier

Neueste Beiträge auf myheimat.de · Aug 22, 2026

Die magische Zahl DREI

0
Sign in to vote or save

Didi van Frits · myheimat.de

Es gibt den Dreimaster unter den Segelschiffen und den Dreisprung in der Leichtathletik. Es gibt die Heiligen Drei Könige, die drei Musketiere und die drei Wünsche, die man im Märchen frei hat, bevor man sie gewöhnlich für das Falsche verbraucht.

Aller guten Dinge sind drei, sagt der Volksmund. Wenn etwas beim ersten und zweiten Mal nicht gelingt, wird die Drei zur Zahl der Hoffnung. Einer geht noch. Ein Versuch bleibt uns.

Auch die Musik liebt die Drei. Drei Töne bilden einen Akkord. Im Dreivierteltakt beginnt die Welt zu tanzen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft halten unser Leben zusammen. Anfang, Mitte und Ende machen aus einem Ereignis eine Geschichte. Vielleicht liegt darin das Geheimnis dieser Zahl.

Die Eins steht allein. Die Zwei bringt den Gegensatz in die Welt: Ja und Nein, Hell und Dunkel, Liebe und Ablehnung. Erst die Drei schafft einen Raum. Die Dreidimensionalität ist eine Bereicherung gegenüber der Eindimensionalität des Glaubens oder der Propaganda. Die Zweidimensionalität einer durch politischen Streit zerrissenen Gesellschaft ist eine Katastrophe.

Und manchmal beginnt Literatur oder perfekter Journalismus mit einer Hammer-Dreier-Schlagzeile: Neulich las ich bei der myheimat-Bürgerreporterin Constanze Seemann die Überschrift: „Eier, Mehl und Missgunst“! Was für ein Titel!

Drei Wörter nur, aber schon war alles angerichtet. Die Eier lagen auf dem Tisch, das Mehl staubte durch die Küche, und irgendwo in einer dunklen Ecke saß bereits die Missgunst und wartete darauf, dass der Kuchen misslang.

Ein perfekter journalistischer Einstieg. Ein Paukenschlag aus drei Trommelschlägen. Danach folgte eine lesenswerte Geschichte für Frauen. Beim Lesen allerdings störte mich mein Kopf. Er machte sich selbständig und begann, parallel zum Text immer neue Dreiergruppen zu erfinden.

Geschichte für Männer:
Männer, Matsche und Motoren.
Das hätte der Titel einer Reportage über ein verregnetes Oldtimertreffen sein können.

Oder etwas Französisches:
Freches, Freies und Frivoles.
Man sah förmlich schon ein kleines Café in Paris vor sich, an dessen Tisch Menschen sitzen, die wissen, dass sie gut aussehen.

Vielleicht auch etwas Russisches?
Taiga, Tolstoi und Traktoren.
Schon rumpelte ein altes landwirtschaftliches Fahrzeug durch einen verschneiten Roman, während irgendwo in einem Gulag ein Häftling über sein ersticktes Leben nachdachte.

Ein Trio infernale jagte das nächste. Worte stellten sich zu dritt nebeneinander wie Kinder auf einem Klassenfoto. Manche passten zusammen, andere wollten nur gemeinsam auffallen. Mein Kopf hatte offenbar eine kleine Überschriftenfabrik eröffnet.

Doch so weit ich mich auch entfernte, immer wieder rutschte ich zu Constanze Seemanns ursprünglichem Titel zurück „Eier, Mehl und Missgunst.“ Plötzlich erschien er mir nicht mehr nur als Überschrift ihrer Geschichte. Völlig unabhängig von dem Text, den sie dazu geschrieben hatte, wurde er zum Resümee meiner eigenen Lebensgeschichte:

Mein Vater war Konditormeister.
Eier und Mehl gehörten zu seinem Beruf. Er wusste, wie man aus wenigen Zutaten etwas Süßes macht. Er konnte Teig kneten, Torten herstellen und vermutlich genau erkennen, wann etwas fertig gebacken war.
Nur mit dem Vatersein hat es zunächst nicht geklappt.
Nach meiner Geburt gab er mich sofort in ein Waisenhaus. Das war 1945, in schlechten Zeiten. Er riskierte bedenkenlos, gefühllos, dass ich schnell verhungern würde. Wie so viele Kinder jener Jahre. Das Verhungern hat allerdings nicht geklappt. Manchmal besteht der erste Triumph eines Lebens nur darin, dass man trotzdem bleibt.

Vierzig Jahre später machte ich meinen Vater ausfindig. Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. Genug Zeit, um aus einem Säugling einen erwachsenen Mann zu machen. Genug Zeit für tausend Fragen. Zeit, um sich an die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn zu erinnern. Genug Zeit auch, um sich auszumalen, wie eine Begegnung sein könnte, die eigentlich vier Jahrzehnte zu spät kommt. Dann gab es ein Jahr lang morgens Brötchen und nachmittags Torte.

Fast hätte man glauben können, die versäumte Kindheit ließe sich nachträglich mit Backwaren versorgen. Als könne man die verlorenen Jahre Schicht für Schicht übereinanderlegen, mit Sahne bestreichen und am Ende ein kleines Schild daraufsetzen: Für meinen Sohn. Nachträglich. Doch dann hörte alles abrupt auf.

Die Missgunst übernahm wieder die Oberherrschaft. Sie war offenbar die stärkste der drei Zutaten. Stärker als die Eier, stärker als das Mehl und am Ende auch stärker als jene verspätete, seltsame Form der väterlichen Zuwendung. Keine Brötchen mehr. Keine Torte. Irgendwann starb mein Vater. Geerbt habe ich nix.

Es ist erstaunlich, wie ein ganzes Leben manchmal in drei Wörtern Platz findet. Nicht in einem langen psychologischen Gutachten, nicht in einem Familienroman von achthundert Seiten, sondern in einer beiläufig gelesenen Überschrift: Eier, Mehl und Missgunst. Das Komische und das Traurige sitzen darin gemeinsam an einem Tisch. Vielleicht ist genau das die Aufgabe guter Sätze: Sie öffnen eine Tür, von der der Verfasser gar nicht wusste, dass sie in das Leben eines fremden Menschen führt. Constanze Seemann schrieb ihre Geschichte. Ich aber fand in ihrer Überschrift plötzlich meine eigene. Dafür möchte ich ihr danken.

Denn manchmal braucht man Jahrzehnte, um etwas zu verstehen, und dann kommen drei Wörter daher und erledigen die Arbeit. Sie erklären nichts. Sie entschuldigen nichts. Aber sie geben dem Ungeordneten eine Form. Die Eins wäre zu einsam gewesen. Die Zwei hätte nur Vater und Sohn einander gegenübergestellt. Erst die Drei nennt, was immer zwischen ihnen stand. Eier. Mehl. Missgunst.

Damit ist die Rechnung abgeschlossen. Kein offener Betrag mehr, kein unerledigter Erbschein, kein nachträglicher Anspruch auf Kuchen und Kaffee, Haus und Hof, Brötchen und Bares. Nur noch drei Wörter als Schlusspunkt unter einer langen Selbstbetrachtung.

Oder, um es mit einer anderen berühmten Dreierformel zu sagen:

Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Miau + Amen.

Read the original on myheimat.de

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.