Die North Side Gallery ist Berlins größte legale Open-Air-Sprühfläche und befindet sich hinter Europas größter Beach-Volleyball-Anlage, dem „Beach Mitte“. Jetzt soll die legale Graffiti-Wall entlang der Parkanlage am Nordbahnhof abgeschafft werden. Die CDU‑Mitte hat unter dem Fraktionsvorsitz von Daniela Fritz im Umweltausschuss einen Antrag auf Schließung gestellt. Als Gründe nennt Fritz Bürgerbeschwerden wegen Vermüllung, Gestank und die Tatsache, „dass auch Bäume besprüht worden sind und somit der Naturschutz gefährdet ist“. Kulturvertreter – wie die Graffiti Lobby Berlin – sind jedoch sicher, dass der Ort für die urbane Kunst unverzichtbar sei. Am 17. September soll im Bezirksparlament Mitte darüber abgestimmt werden, ob die legale Sprühfläche der North Side Gallery abgeschafft werden soll.
Schön oder schädlich? Besprühter Baum in der Northside Gallery in Mitte.© BM | Iris May
Anwohner sollen sich beschwert haben, dass es im Park am Nordbahnhof in Berlin-Mitte nach giftigen Farben riecht und viele Sprayer ihre Dosen liegen lassen. Zahlen nennt der Bezirk nicht. Der Graffiti-Künstler Hannes alias „Age Age“ sieht das Problem eher darin, dass die Mülleimer um die North Side Gallery abgebaut worden sind. „Es gab anfangs vier Mülleimer, in die nur Spraydosen hereingepasst haben. Die waren immer sofort voll.“
Erst seien Verhaltensregeln aufgestellt, dann Mülleimer abgebaut worden. Laut dem Sprayer nehmen 90 Prozent der Community ihren Müll selbst mit. „Die Dosen aus Weißblech könnten von Müllunternehmern zu Geld gemacht werden. Aber Berlin hat einfach eine miserable Müllpolitik.“ Auch im Mauerpark gab es den Vorwurf, dass Sprayer mit ihren Dosen zu viel Sondermüll und Mikroplastik produzieren. Das Bezirksamt Pankow entschied sich 2022 jedoch gegen ein Sprühverbot im Mauerpark und stellte massive Metallkisten zur Entsorgung der Dosen auf.
Nicht ganz so bekannt wie Berlins East Side Gallery: die North Side Gallery im Park am Nordbahnhof. Einige Sprayer hinterlassen dort leider alte Dosen und anderen Müll.© BM | Iris May
MC Fitti: „Leute werden wieder illegal Wände und Trains“ malen
„Peinlich“ findet es Kult-Rapper MC Fitti, der Teil der Graffiti-Lobby ist, dass es in Berlin „so wenig legale Wände gibt“. „Man lernt superviele Leute kennen, kann sich hier mit 10 bis 20 Freunden treffen und einfach die Wand bemalen.“ Wenn die Wand nicht mehr da ist, werde es keine aufwendigen Graffiti-Produktionen mehr geben, werde der Ort zur „Piss-Ecke“, und die Leute würden wieder illegal Wände und Trains bemalen. Die Abschaffung der North Side Gallery findet er richtig schlecht. „Man hat ein Freigefühl. Es ist Kultur. Andere Städte mit 50.000 Einwohnern haben fünfmal so viele Wände!“
Graffiti sind Teil der kulturellen Identität Berlins. Der ehemalige Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hatte sie am Nordbahnhof 2023 noch als „Bereicherung des Sozialraums“ angesehen. Die mittlerweile zurückgetretene Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (CDU) sagte 2025, dass Graffiti „den Charme unserer Stadt ausmachen“. Und auch Mittes Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger befürwortet „schönes, legales Graffiti“. In der North Side Gallery sei aber „das Traurige, dass Verabredungen nicht eingehalten“ worden seien.
Professor der Mikroplastik-Studie empfiehlt nachhaltige Sprühfarben
Der Antrag auf Schließung der North Side Gallery basiert auf einem Umweltgutachten von Matthias Rillig über Mikroplastik im Erdreich, wofür Proben nahe den Graffiti-Wänden im Berliner Mauerpark entnommen wurden. Die Untersuchung der ökologischen Effekte ist nach den Worten des FU-Professors aber noch nicht abgeschlossen. „Wir haben die Graffiti-Mauer nur als vermuteten Hotspot untersucht, um daran unsere Methode zu etablieren. Wir werden nun Experimente im Labor mit Sprühfarben durchführen.“
Laut Rillig hat „das Einbringen dieser Pigmentpartikel nichts mit der Entsorgung der Sprühdosen zu tun, die natürlich aus anderen Gründen selbstverständlich wünschenswert ist“. Die Partikel würden sehr wahrscheinlich in den Boden über Aerosolproduktion beim Sprühen selbst oder über das Abblättern der Schichten kommen. „Das kann man an sich nicht vermeiden, das geht nur über die Verwendung von anderen, nachhaltigeren Sprühprodukten.“
Bezirk fürchtet hohe Entsorgungskosten
Für die Entsorgung der heruntergefallenen und abgeblätterten Farbschichten setzt der Bezirk Pankow laut dem Umweltausschuss 3000 Euro im Jahr an. Der Bezirk Mitte fürchtet ähnlich hohe Entsorgungskosten. Da sich die Rückstände nicht ohne Weiteres vom Boden trennen ließen, müsse voraussichtlich der betroffene Boden als belastetes Material aufgenommen und entsorgt werden.
Laut dem Bezirk wurden keine Mülleimer entfernt. „Es wurde lediglich ein Behälter am südlichen Eingang im Bereich der Treppe versetzt.“ Das Recycling durch Entsorgungsfirmen sieht das Amt ebenfalls kritisch: „Eine Aufstellung von entsprechenden Behältern auf öffentlichen Flächen wurde mit BSR und ALBA geprüft, ist aber leider nicht möglich, weil die Dosen als Sondermüll zu entsorgen sind und die Entsorgungsfirmen keine frei zugänglichen Behälter abholen.“

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