Vielleicht beginnt eine Präsidentschaftskandidatur manchmal mit einer Spritze in den Bauch. Alexandria Ocasio-Cortez filmt sich für Millionen Social-Media-Anhänger und erzählt von Hormonen, Eizellen und einer Entscheidung, die Politikerinnen früher wohl unter Verschluss gehalten hätten. Sie lässt ihre Eizellen einfrieren. Ob sie später Kinder haben werde, weiß sie noch nicht. Aber sie will sich die Möglichkeit erhalten – und ein Stück Kontrolle über ihr Leben. Privater geht es kaum, politischer auch.
Denn „AOC”, wie halb Amerika die demokratische Kongressabgeordnete aus New York nennt, befindet sich in einem bemerkenswerten Zwischenstadium. Sie kandidiert nicht für das Weiße Haus. Sie hat auch keine Kandidatur angekündigt. Aber sie tut etwas, das in Washington fast ebenso aufmerksam registriert wird: Sie hört auf, sie auszuschließen.
Exklusiv aus den USA – für Sie recherchiert
AOC lässt Zukunftspläne offen und tourt mit Bernie Sanders durchs Land
Auf die direkte Frage nach 2028 sagte Ocasio-Cortez, sie konzentriere sich zunächst auf die Zwischenwahlen am 3. November. Auch eine mögliche Herausforderung des New Yorker Senators Chuck Schumer 2028 ließ sie offen. „Alles ist möglich.“ Das genügte.
Denn plötzlich sieht manches, was AOC seit Monaten tut, anders aus. Die 36-Jährige reist mit Bernie Sanders durchs Land, füllt Hallen und Plätze und wirbt für Kandidaten, die andernorts kaum jemand kennt. Und sie räumt auf, ideologisch.
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Ocasio-Cortez distanziert sich von überzogenen „Woke“-Debatten der Linken
Ausgerechnet AOC, jahrelang republikanische Projektionsfläche für fast alles, was in Amerika unter „woke“ firmierte, spricht inzwischen über die Übertreibungen jener Jahre. „Woke 1“ sei „crazy“ gewesen, sagte sie unlängst. Nicht die ökonomische Linke wird damit entsorgt: höhere Mindestlöhne, stärkere Gewerkschaften, allgemeine Krankenversicherung, höhere Steuern für sehr Vermögende; das alles bleibt. Wohl aber versucht sie, Abstand zu jenem kulturkämpferischen Furor zu gewinnen, als Debatten über Sprache, Identität oder „Streicht der Polizei den Etat“ Teile der Linken der politischen Mitte entfremdeten.
Die Kehrtwende dokumentiert keine Bekehrung zur Zentristin. Es ist eher der Versuch einer Trennung: wirtschaftlich links bleiben, kulturell weniger abtörnend und ein bisschen mehr anschlussfähig werden. Denn es gibt ein Amerika außerhalb von New Yorker Problemstadtteilen.
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AOC: Vom Kellnerjob zum Shootingstar der US-Politik
Ihre Geschichte könnte kaum besser erfunden werden. Geboren 1989 in der Bronx als Tochter einer Familie mit puerto-ricanischen Wurzeln, studierte sie in Boston Wirtschaft und internationale Beziehungen. Sie arbeitete als Kellnerin und Barkeeperin in Manhattan.
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2016 half sie Bernie Sanders. Zwei Jahre später trat sie gegen Joe Crowley an, einen der mächtigsten Demokraten im Repräsentantenhaus. AOC schlug ihn trotzdem. Da war sie erst 28. Aus der Kellnerin wurde binnen Monaten ein nationales Phänomen, aus drei Buchstaben eine politische Marke.
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US-Republikaner: AOC dient als Wahlkampfmunition für die Gegenseite
Republikaner entdeckten schnell, dass sich mit ihrem Gesicht hervorragend Spenden sammeln ließen. „The Squad“, die Gruppe junger linker Abgeordneter um AOC, galt manchen als Zukunft der Partei und anderen als ideale Wahlkampfmunition für die Gegenseite. Dann geschah etwas, das im Politikbetrieb eher selten ist: Sie lernte.
Ocasio-Cortez blieb links, wurde aber institutioneller. Aus der Revoluzzerin wurde eine versierte Parlamentarierin. Und aus der Schülerin von Bernie Sanders könnte dessen politische Erbin werden. Sanders, inzwischen 84, wird 2028 kaum noch selbst antreten. Das Timing ist verführerisch.
Linksprogressive Kandidaten haben zuletzt spektakuläre Siege erzielt. Abdul El-Sayed gewann die demokratische Senatsvorwahl in Michigan; in Minnesota schlug Peggy Flanagan die moderatere Angie Craig deutlich. In Wisconsin gewann dagegen der moderate David Crowley knapp gegen die demokratische Sozialistin Francesca Hong. Dann sind da die Zahlen. In New Hampshire lag Ocasio-Cortez zuletzt mit 22 Prozent auf Platz 1, Pete Buttigieg folgte mit 21 Prozent. Auf Kalshi liegt AOC mit rund 18 Prozent vor Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom. Wettmärkte sind keine Umfragen. Aber sie zeigen: AOC gehört nicht mehr in die Rubrik „exotische Möglichkeit”.
AOC polarisiert: Demokraten fürchten Wahlverluste im Arbeiter-Milieu
Das Gegenargument ist mindestens ebenso mächtig. Nur 27 Prozent der Amerikaner sagen laut Umfragen, Sozialisten hätten wenigstens einige gute Ideen; 51 Prozent halten nichts davon. Die Republikaner müssten also gegen Ocasio-Cortez keinen Gegner erfinden. Sie könnten acht Jahre ihrer Aussagen abspielen: Sozialismus, Migration, Israel, Green New Deal. Dazu eine Kandidatin aus New York, Latina, unverheiratet, links und geboren, als in Berlin die Mauer fiel – eine ideale Zielscheibe für die Kulturkampf-Maschine.
Auch manche Demokraten fürchten deshalb, eine Präsidentin AOC könnte in Brooklyn wunderbar funktionieren, aber in Pennsylvania floppen. Die Partei braucht Arbeiter ohne Hochschulabschluss, Vorstadtwähler, Schwarze im Süden, Latinos im Westen und jene Amerikaner, die ihre Präsidenten nicht lieben, sondern für halbwegs vernünftig halten wollen.
Genau hier beginnt das Experiment. Ocasio-Cortez scheint verstanden zu haben, dass sie 2028 nur gewinnen könnte, wenn sie eine größere Version ihrer selbst wird: ökonomisch populistisch, rhetorisch disziplinierter, weniger verliebt in die Codes einer akademischen Linken.
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Offenheit über Eizellen: Ocasio-Cortez setzt auf Ehrlichkeit und Risiko
Ihre Offenheit über das Einfrieren ihrer Eizellen passt dazu. Sie präsentiert sich nicht als makellose Präsidentendarstellerin, sondern als eine 36-jährige Frau mit denselben Entscheidungen und Unsicherheiten wie Millionen andere. Sie selbst räumte ein, dass diese Offenheit politisches Risiko birgt. Das kann kalkuliert sein. Es kann ebenso gut ehrlich sein. Bei guten Politikern lässt sich beides irgendwann schwer auseinanderhalten.
Aber warum nicht warten? Erst einen Senatssitz gewinnen, außenpolitische Erfahrung sammeln, präsidialer werden. Antwort: Weil Politik keine Sparkasse ist. Momentum lässt sich nicht irgendwo gewinnbringend parken, und frau hebt erst in einigen Jahren die politischen Zinsen ab.
AOC könnte 2028 zur ersten Wahl der Demokraten werden
Falls die Demokraten im November groß und satt gewinnen, beginnt sofort der Kampf um die Deutung. Die Mitte wird sagen: Trump wurde abgestraft, weil moderate Amerikaner genug von ihm hatten. Die Linke wird sagen: Gewonnen wurde, weil eine neue Generation mobilisiert wurde. Bekommt die zweite Erzählung Wind unter die Flügel, wäre AOC plötzlich nicht zu früh dran. Sondern erste Wahl.
Man stelle sich den Sommer 2028 vor. Eine „Democratic National Convention“, Delegierte mit AOC-Schildern, Bernie Sanders irgendwo im Saal. Auf der Bühne eine dann 38-jährige Frau, die zehn Jahre zuvor noch Drinks in Manhattan koberte. Nun nimmt sie die Nominierung für das Präsidentenamt an. Für die Demokraten wäre das eine Wette darauf, dass sich das Land stärker verändert hat, als seine politische Klasse glaubt. Und für Alexandria Ocasio-Cortez wäre es die Fortsetzung einer Karriere, die mit einer unwahrscheinlichen Frage begann: Warum eigentlich nicht ich?

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