Ganz am Ende wird jeder Autobahnraser, Laubbläservirtuose und Betonfetischist doch noch eins mit der Natur. Dann wartet nämlich der Friedhof. Und auf dem Friedhof Ruhe, Vogelgezwitscher und Eichhörnchen. Dort, wo wir unsere Toten zur letzten Ruhe betten, ist der Ort, an dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Berlin hat 222 Friedhöfe mit einer Gesamtfläche von mehr als 1000 Hektar. Darunter sind Flächen, die seit dem 13. Jahrhundert immer Friedhöfe waren, auf denen sich die Natur also inmitten der unaufhörlichen Umbrüche des umgebenden städtischen Raumes weitgehend ungestört entwickeln konnte. Das sind Flächen, deren Reichtum an Strukturen vielen Tier- und Pflanzenarten perfekte Entwicklungsbedingungen bietet. Alleen, Hecken, offene Rasenflächen und verwitterte Gruften bilden ideale Lebensräume. Etwa die Hälfte aller Wildpflanzenarten Berlins findet sich auf Friedhöfen, die für Vogelarten wie den Fichtenkreuzschnabel wichtige Rückzugsorte sind.
Ingo Kowarik, der 22 Jahre lang das Fachgebiet Ökosystemkunde/Pflanzenökologie am Institut für Ökologie der TU Berlin leitete, erforschte ab 2013 mit seinen Studentinnen und Studenten den Jüdischen Friedhof Weißensee. Dabei wurden 604 wild lebende Tierarten erfasst. 44 Vogelarten, 64 Spinnenarten, 39 Arten von Laufkäfern und fünf Fledermausarten konnten festgestellt werden. Einige Tiere, die auf Großstadtfriedhöfen angetroffen werden, hätten die Fachleute eher im tiefen Wald erwartet. Experten gehen davon aus, dass etwa ein Zehntel aller Farn- und Blütenpflanzen auf Berliner Friedhöfen zu den gefährdeten Arten der Roten Liste gehört. Eine wichtige Erkenntnis dieser Forschungen: Unser kulturell bedingter respektvoller Umgang mit den Toten tut auch der Natur richtig gut.
Friedhöfe werden zu Rückzugsorten für Mensch und Tier
Natürlich kann sich die Friedhofskultur nicht unabhängig von den Einflüssen der Umgebung entwickeln. So entstanden ab dem Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die Platznot auf den engen Kirchhöfen der Städte mit rasant wachsender Bevölkerung die ersten Park- und Waldfriedhöfe. Wurde bis dahin auf streng geometrisch parzellierten Begräbnisflächen bestattet, entwickelten sich Friedhöfe nun entsprechend der bildungsbürgerlichen Sehnsucht nach unverfälschter Natur. Der Waldfriedhof Zehlendorf steht in dieser Tradition.
Kolumnist und Trauerredner Andreas Kurtz© Christian Schulz | .
Fuchs, Eichhörnchen, Igel und Fledermaus sind typische Friedhofsbewohner. Auch Sperber, Habicht, Mäusebussard und der nachtaktive Waldkauz sind dort anzutreffen. Auf den Bergmann-Friedhöfen brüten sogar Waldohreulen.
Friedhofsflächen werden als grüne Stadtgärten umgenutzt
In den letzten Jahrzehnten wurde die Feuerbestattung von der Ausnahme zur Regel, was dazu führte, dass Friedhofsflächen brachliegen. So rücken Randflächen von Friedhöfen ins Blickfeld, weil sie sich für Wohnbebauung eignen könnten. Es gibt aber auch Stadtgärtner-Projekte für Anwohner und zur naturnahen Umweltbildung.
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Knirschende Kieswege und Flächen unter Bäumen, die immer wie frisch geharkt aussehen, weil jedes Stück Totholz sofort weggeräumt wird, entsprechen nicht mehr heutigen Ansprüchen an naturnahe Friedhöfe. Mauern, Steinhaufen und Erdwälle bilden den perfekten Lebensraum für Zauneidechsen, Blindschleichen und Ringelnattern. An alten Bäumen finden sich seltene Moose, Flechten und Pilze. In ihnen leben Fledermäuse, Hohlbrüter und Käfer.
Friedhöfe fördern Artenvielfalt und verbessern Stadtklima
Raspelkurzer Rasen gehört – wenn überhaupt! – auf den Golfplatz. Auf dem Friedhof sollte so eine Fläche anderen Ansprüchen genügen und insektenfreundlich als kräuterreiche Wiese wachsen. An dieser Stelle zitiere ich gern die Moderatorin und Alltagsphilosophin Barbara Schöneberger, die zu intensiv bearbeitete Grünflächen gern „Psychopathen-Rasen“ nennt.
Friedhöfe wirken auch positiv auf ihre Umgebung, indem sie als Kaltluftentstehungsgebiete für angenehmere Temperaturen in dicht bebauten Innenstadtlagen sorgen. Ihre Vegetation filtert Luftschadstoffe und Feinstaub und verbessert so die Luftqualität. Ihre Bedeutung als Naherholungsorte für Meditation, Naturbeobachtung und Spaziergänge (bitte nicht für sportliche Betätigung!) hat mit der Corona-Pandemie zugenommen.
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Als Günther vor drei Jahren starb, wollten die Hinterbliebenen bei der Auswahl des Platzes für sein Urnengrab alles richtig machen. Ihre Unsicherheit verschwand in genau jenem Moment, in dem auf einer der zur Auswahl stehenden Grabstellen plötzlich ein Eichhörnchen erschien. Diese flinken Tiere, die so geschickt von Baum zu Baum springen, hatte Günther seit Jahren mit großem Vergnügen vor seinem Küchenfenster beobachtet. Und nun suchte eines zum guten Schluss den Ort für seine letzte Ruhe aus.

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