Ich sitze im Mercedes eines fremden Mannes und lüge über meinen Beruf.
„Und was arbeitest du so?”, hat er gerade gefragt, den Blick auf der Straße, eine Hand lässig am Lenkrad, am Handgelenk eine Uhr, die vermutlich mehr wert ist als meine gesamte Buchhaltung. Er ist ein bisschen ein Prolo, was ich in diesem Moment ausdrücklich als Kompliment meine. Er hat eine Energie, als hätte er schon einmal jemanden gefragt, ob er „Stress sucht”. Hubba hubba.
„Ich schreibe halt”, sage ich. Ohne weitere Details. Das ist mein bewährtes Manöver, denn „Ich schreibe” klingt so langweilig, dass Menschen sofort Angst bekommen, man könnte ihnen gleich etwas von Deadlines, Normseiten oder der emotionalen Achterbahn einer dritten Redigatsschleife erzählen. Schreiben klingt romantisch, ist im Gespräch aber ungefähr so erotisch wie eine Steuerprüfung.
Er nickt, wechselt das Thema und dreht die Musik lauter. Worked like a charm.
Bevor ihr euch jetzt fragt, warum ich zu fremden Männern ins Auto steige und dort meinen eigenen Beruf verleugne wie Petrus seinen Heiland: Dafür muss ich kurz zurückspulen.
Es gibt nämlich Fragen, die mir Menschen erstaunlich oft stellen. „Wie geht es dir wirklich?” zum Beispiel - eine Frage, die ich so anstrengend finde, dass ich sofort das Bedürfnis verspüre, eine Nebelmaschine zu zünden und rückwärts aus dem Raum zu gleiten. Ebenfalls sehr beliebt: „Wirst du eigentlich auf Grindr erkannt?”
Die Antwort lautet: ja. Leider. Und „leider” sage ich nicht, weil ich Erkanntwerden grundsätzlich schlimm finde. Ich habe mich ja nicht jahrelang freiwillig ins Internet gestellt, um dann fassungslos zu sein, wenn jemand sagt: „Moment, ist das nicht dieser Österreicher, der sich so über Partyspiele aufregt?” Doch. Genau der bin ich. Danke der Nachfrage. Aber auf Grindr erkannt zu werden, ist eine ganz eigene Form der Ernüchterung.
Denn sobald mich jemand auf Grindr erkennt, habe ich instantly keine Lust mehr. In solchen Momenten taste ich innerlich bereits nach der Nebelmaschine.
Nicht, weil ich mich für meinen Beruf schäme. Im Gegenteil: Ich finde es rührend, wenn Menschen sich an irgendeine Hassliste erinnern, in der ich vor acht Jahren mit der Wut eines viktorianischen Rachegeists über vegane Muffins gesprochen habe. Aber in einem sexuellen Kontext möchte ich nicht als Gesamtwerk betrachtet werden. Ich möchte nicht, dass jemand meine Brust ansieht und denkt: „Interessant. Und dahinter schlägt also das Herz eines feinsinnigen Chronisten menschlicher Abgründe.” Nein. Bitte nicht. Ich möchte in dieser einen Situation auch nicht für meine Fähigkeit geschätzt werden, jede Alltagssituation in fünf Absätze Selbsthass mit Pointe zu verwandeln. Ich möchte - ganz banal, evolutionär bedenklich und gesellschaftspolitisch vermutlich drei Schritte zurück - für meinen Körper begehrt werden. Ich habe mir diese Abs schließlich nicht antrainiert, damit jemand beim Ausziehen sagt: „Ich liebe deine Kolumne über die Komfortzone.”
Stolz darf ich außerdem enthüllen, dass mir dieses Machtgefälle rein gar nichts gibt. Ich weiß, das ist schwer zu glauben, denn in sämtlichen anderen Lebensbereichen bin ich durchaus empfänglich für Applaus und für Komplimente, die ich noch Wochen später gedanklich poliere wie Familiensilber. Aber sexuell? Da möchte ich keine Groupie-Situation. Wenn mir jemand schreibt: „Bist du nicht Michi Buchinger?”, antworte ich deshalb meistens: „Nein, ich bin ein Fake-Profil und verwende nur seine Bilder. Sorry!” Kein Wunder, dass ich so oft gesperrt werde. Ich bin vermutlich der einzige Mensch der Welt, der regelmäßig von Grindr fliegt, weil er sich als er selbst ausgibt.
Denn sobald jemand meinen Namen kennt, kennt er die öffentliche Version von mir. Und die ist zwar charmant, witzig und bei gutem Licht durchaus präsentabel, aber sie ist eben eine Figur. Eine Figur mit Geschichten, Meinungen, Interviews, Buchcovern und irgendwo einem alten YouTube-Video, in dem ich eine Frisur trage, für die ich vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagen könnte.
Natürlich lässt es sich nicht immer vermeiden, dass Leute mich kennen. Ich lebe ja nicht in einer Zeugenschutzwohnung in Kärnten, obwohl mich die Vorstellung manchmal beruhigt: endlich Ruhe, endlich Berge, endlich niemand, der fragt, wie es mir wirklich geht. Aber ich finde: Wer mich in einer App erkennt, sollte so tun, als wüsste er nicht, was ich beruflich mache. Das ist einfach hotter. Es ist die erotische Variante von Diskretion. Ein stilles Abkommen zwischen zwei Erwachsenen: Du weißt, wer ich bin, ich ahne, dass du es weißt, und trotzdem spielen wir beide Theater, weil die Illusion schöner ist als die Realität. Andere machen Rollenspiele mit Feuerwehruniform. Ich möchte einfach nur einmal überzeugend niemand sein.
Womit wir wieder beim Mercedes wären.
Angefangen hatte dieser Abend nämlich harmlos: Drinks mit Freunden, danach große Lust auf einen Hookup. Das kommt vor. Ich bin 33, nicht aus Holz geschnitzt und auch nicht rund um die Uhr damit beschäftigt, in Leinenhemden über Selbstakzeptanz nachzudenken. Also öffnete ich Grindr, wie man Grindr eben öffnet: mit Hoffnung im Herzen und Abscheu im Blick. Ein Typ schrieb, er sei gerade mit dem Auto unterwegs und könne mich abholen. Ganz ehrlich: hot. Ich weiß, ich weiß: man steigt nicht zu Fremden ins Auto. Aber diese Regel wurde für Kinder erfunden, nicht für Männer Anfang dreißig, die zwei Aperol intus haben und sich begehrenswert fühlen wollen. Als der Mercedes vorfuhr, dachte ich jedenfalls nicht: „Wie faszinierend, ein Vertreter urbaner Männlichkeitscodes im spätkapitalistischen Wien.” Ich dachte: „Yes please, komm zu Papa!”
Und so sitze ich jetzt also hier, frisch belogen habend, und der Abend nimmt seinen Lauf.
Dann haben wir Sex. Blablabla, mehr erzähle ich dazu nicht, aber: war ganz gut.
Danach bringt er mich mit dem Auto zurück, was ich nach wie vor sehr gentlemanlike finde. Ich bin altmodisch. Wer mich abholt, mit mir schläft und mich danach nicht in der Nähe einer U6-Station aussetzt, hat in meinem inneren Benimm-Guide drei goldene Sterne verdient.
Kurz bevor ich aussteige, sagt er dann ganz beiläufig, so wie man eben Weltbilder zum Einsturz bringt: Er wisse übrigens genau, was ich beruflich mache. Er verfolge meine Karriere schon lange.
Ich hätte mich hintergangen fühlen können. Manipuliert. Vielleicht sogar entblößt; wobei, das war zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon passiert. Aber stattdessen denke ich nur: perfekt.
Denn dieser Mann hat alles richtig gemacht. Er hat mich erkannt und es nicht zum Thema gemacht. Er hat keine Fan-Situation daraus gebaut. Er hat nicht „Ich liebe deine Videos” gesagt, während ich gerade versuchte, sexuell ernst genommen zu werden. Er hat sein Wissen einfach diskret eingesteckt wie einen Kassenbon vom Billa.
So wünsche ich mir das. Der ultimative Gentleman ist nicht der Mann, der Rosen mitbringt, Türen aufhält oder schreibt: „Sag Bescheid, wenn du gut angekommen bist.” Der ultimative Gentleman ist der Mann, der weiß, dass ich „der mit den Videos” bin, und trotzdem so tut, als wäre ich einfach irgendein Typ mit Grindr-Profil, mittelmäßiger Selbstkontrolle und sehr spezifischen Vorlieben.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung meines Daseins als semi-öffentliche Ulknudel: nicht, dass Menschen mich erkennen, sondern dass sie mich in Momenten erkennen, in denen ich lieber niemand wäre. Nicht aus Scham, sondern aus Lust an der Projektion. Jeder möchte doch gelegentlich jemand anderes sein. Oder zumindest jemand, über den es noch keine Meinung gibt.
I put the Promi in Promiskuität, ja. Aber wenn es nach mir geht, darf der Promi-Teil beim ersten Treffen gerne draußen warten. Im Auto. Mit laufendem Motor.
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