Hallo! Ich hab diesen kleinen Text geschrieben, weil ich den Kran vor meinem Fenster liebe, weil ich eine kreative Blockade habe und mir Schreiben da oft raushilft, gerade WEIL ich nicht wirklich in diesem Bereich zuhause bin. Vielleicht findet ja jemand seinen Nachbarschafts-Kran jetzt auch schöner und nicht nur nervig.
Der Kran stand schon da, als die erste Krebsdiagnose in der Familie bekannt wurde. Er stand auch bei der zweiten und schließlich dritten Diagnose. Er stand in der heißesten Woche des Jahres und waberte wie eine Fata Morgana in der Hitze. Er stand im Novembernebel wie ein verwunschener Leuchtturm im Stadtmeer. Wenn du da bist, wird er, denke ich, nicht mehr stehen, aber wer weiß, vielleicht begleitet er mich noch ein kleines Stückchen. Die Konstante des Krans hat mich irgendwie beruhigt. Ich habe ihm stundenlang beim Heben und Ziehen zugeschaut, und dann irgendwann habe ich auch sein eigentliches Hirn gesehen: den Kranfahrer, ohne den er sich gar nicht bewegen könnte, wie er frühmorgens die vielen Leitern des Krans hinaufkletterte.
Die Kälte des Metalls der ersten Leitersprosse frisst sich durch den dicken Handschuh. Unfassbar, wie kalt dieser Winter war – kalt und trüb. Nicht einmal die Baustellenhandschuhe helfen gegen die Kälte, die das Gerüst mittlerweile angenommen hat. Er nimmt die erste Leiter bis zu einer kurzen Zwischenplattform. Ein kurzes Durchatmen, aber es ist zu kalt, um so weit unten lange zu verweilen.
Eine Mütze trägt er nicht, das hat er noch nie gemacht. Mützen sind ihm schon als Kind zuwider gewesen. Egal, wie kalt der Winter war, dann hatte er lieber rote und schmerzende Ohren, als dass er sich ein kratziges Wollgefängnis auf den Kopf zwängt. Seine Großmutter hat das in den Wahnsinn getrieben, als er klein war. Nur für sie hat er sich zumindest die ersten Meter des Schulwegs die Mütze angetan.
Die zweite und dritte Plattform überspringt er auch. Erst nach der vierten Leiter ist er zu sehr außer Atem, um weiter zu klettern. Es ist 6.30 Uhr, und es ist noch stockfinster, nur die Scheinwerfer des Krans ermöglichen ihm einen problemlosen Aufstieg. Die Stadt ist zu der Zeit noch überraschend verschlafen. Einzelne Wohnungsfenster sind erleuchtet. Er bildet sich ein, das leise Geklimper eines frühen Morgens aus mancher Wohnung zu hören. Die kalte Luft brennt in seiner Lunge, erst nach einigen Atemzügen kann er wieder entspannt atmen. Er lehnt sich mit den Unterarmen auf das Geländer und schaut runter auf das dunkle Häusermeer. Im Sommer hat er auf jeder Plattform eine kleine Pause eingelegt. Nicht nur, weil er mit seinen 56 Jahren und nach vielen, vielen Jahren des Rauchens immer schneller aus der Puste ist, sondern weil er im Sommer fast bis zum Ende der Stadt schauen konnte. Die Weinberge waren in Sichtweite. Krähen, Tauben, aber auch Spatzen und Kohlmeisen waren zeitgleich mit ihm unterwegs, aber auch einige Jogger haben die frühen Morgenstunden genutzt, um noch eine Runde zu drehen. Die noch sanfte Sonne in einer schon aufgeheizten Stadt hat er besonders gern. Manchmal kann er nicht glauben, dass es immer derselbe Kran ist, auf den er da täglich klettert. Wenn Schulferien sind, hat er beispielsweise oft das Gefühl, in einer komplett kinderfreien Stadt zu sein. Wo sind die Kinder im Sommer? Spielen sie nicht auch auf den Straßen, wie er es als Kind getan hat? Es ist dann so still, dass ihm manchmal gerade in den Sommerferien schwer ums Herz wird. Er klettert weiter, die Kälte kriecht langsam in seine Schuhe, und wenn seine Füße erst einmal kalt sind, sind sie es bis zum Ende seiner Schicht. Oben bekommt er nicht viel Bewegung. Die Kabine ist bequem, aber Platz, sich die Beine zu vertreten, gibt es keinen. Also geht es weiter. Auf der sechsten Plattform macht er noch einmal Pause.
Er kann das Surren der Scheinwerfer, die unterhalb der Kabine hängen, schon hören. Und dann hört er plötzlich etwas anderes, Unerwartetes: den ersten Amselgesang des Jahres. Vielleicht haben die Amseln schon seit Wochen gesungen, und er hat es nicht wahrgenommen. Aber jetzt hört er ihn: hell und fröhlich, Frühlingsboten. Plötzlich erwischt ihn eine Flut aus Bildern. Die Lichter der Ostermesse und die Amseln, die sie nach der Kirche begrüßen. Die rot gefärbten Ostereier. Das weiche, süße Kulich seiner Oma. Dieses Jahr wird er zu Ostern nach Hause fahren. Der Kran wird bis dahin eh nicht mehr stehen. Zwei Leitern sind es noch – um 6.45 Uhr ist Arbeitsbeginn auf der Baustelle. In der Kabine nimmt er seine Handschuhe ab, knipst das kleine Licht an und schaltet das Transponderradio an. Ja, dieses Jahr wird er an Ostern nach Hause fahren. Er kann den Frühling von so weit oben schon am Horizont kommen sehen.
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