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Treffpunkt im Unendlichen · Jun 28, 2026

Das Ringen um die Gegensätze

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Lilly Gebert · Treffpunkt im Unendlichen

Devils Sawing a Sinner ― Kazimir Malevich, 1914

«Im Innersten der Materie fliehen die Kräfte im Zorn auseinander.
Unvereinbarkeit erhält die Welt.»
― Botho Strauss1

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«Das Böse» ist kein absolutes Gut. Genauso wenig wie «die Moral». Beide seien Herrschaftsargumente, argumentierte einst der deutsche Philosoph Arno Plack. Was als «gut» oder «böse» gelte, könne nie objektiver oder universeller Natur sein, da es im gesellschaftlichen Interesse läge, die bestehenden Machtverhältnisse durch die Konstruktion ihres jeweiligen Begriffs zu stabilsieren. Das «Böse» sichere die Ordnung und festige Normen, indem es «Abweichung» definiere und das «Gute» als erstrebenswerter darstelle. Eine, wie Plack betont, «ungute» Sache – gründe sich diese Moral zumeist auf der Unterdrückung von Trieben und Individualität. Würde der Mensch seine gesellschaftlich als «böse» abgestempelten Anteile nur verdrängen, um als «gut» zu gelten, sei er es nicht. Konformismus und Angst vor Ausgrenzung führten nicht zu moralischer Urteilskraft. Sie verhinderten vielmehr, die bestehende Moral als ideologisch zu entlarven. Wie jedoch gelangt der Mensch zu der ethischen Reife, die es ihm erlaubt, das «Gute» auch als «gut» zu erkennen und das «Böse» entsprechend auch als «böse» – selbst dann, wenn es als vermeintlich «Gutes» daherkäme?

Friedrich Nietzsche, in dessen Tradition von «Moral als Machtphänomen» auch Plack steht, beschreibt Reife an dieser Stelle als «Überwindung der Herdenmoral». Diese «Herdenmoral» war für Nietzsche gleichbedeutend mit Konformität, Sicherheit und Anpassung. Frei nach dem Motto «gut ist, was alle für gut halten», würden moralische Regeln übernommen, ohne hinterfragt zu werden. Genau dies jedoch könne der ethisch reife Mensch nicht. Er allein habe verstanden, dass Moral psychologisch wie historisch nie objektiv oder universell sein könne. Weshalb er allein zur «Herrenmoral» herangewachsen sei, aus der heraus er fortan keine Werte mehr übernehme, sondern sie selbst erschaffe. Weil er vorgegebene Moralurteile als falsch entlarven und sich von seinen Abhängigkeiten ihnen gegenüber befreien konnte, stehe er als «Übermensch» fortan Jenseits von Gut und Böse.

Er hat zu seiner eigenen individuellen Moral gefunden. Und ist durch sie nicht länger angewiesen auf fremde Kategorien und Normen. Er kann Ambivalenz aushalten und innere Widersprüche akzeptieren. Eben weil er den Widerspruch in sich akzeptieren gelernt hat. Er hat das «Böse» in sich – die Triebe und das Machtstreben – integriert, anstatt sie als «dunkle» Anteile vorschnell wegzumoralisieren. Der gereifte Mensch, das betonen sowohl Nietzsche wie Plack, hat verstanden, dass sich das «Böse» nicht eliminieren lässt, ehe es zuvor nicht verstanden wurde. Und dass es selbst dann nicht darum ginge, es vollends auszumerzen. Versuchten wir es zu bekämpfen, bekämpfe es uns. Oder wie der deutsch-italienische Priester und Religionsphilosoph Romano Guardini einst schrieb: «Von der Macht des Menschen, die nicht durch sein Gewissen verantwortet wird, ergreifen die Dämonen Besitz.»

Hilma af Klint

Ist das, was derzeit passiert? Werden wir vor lauter Angst vor dem «Bösen» selbst Teil von ihm? Sind wir gesamtgesellschaftlich so unreif, dass wir uns in moralischen Schubladen lieber einsperren, als sie zu öffnen? Wovor haben wir Angst, was zutage tritt, wenn wir unsere an sie gebundene Sicherheit und Zugehörigkeit verlieren? Vertrauen wir uns selbst so wenig, dass wir glauben, ohne vorgegebene Normen an unserer eigenen Willkür und Selbsttäuschung erst recht zugrunde zu gehen? Warum haben wir lieber den «objektiven Maßstab», der uns einengt, als das Risiko, im permanenten Prozess unserer Selbstprüfung auch mal «falsch» zu liegen – dafür jedoch frei zu sein?

Von Israel – Palästina, Russland – Ukraine, Iran – USA, über Jeffrey Epstein – Mel Gibson, bis hin zu Lanz und Precht: Um den uns präsentierten Schrecken einzuordnen, sucht unser Verstand nach Kategorien. In der festen Überzeugung, sich selbst ein Bild zu machen, entsteht abermals «Herdenmoral». Schließlich bringt auch sie das «Böse» nicht als objektive Eigenschaft hervor, sondern als Bewertung durch die Schwächeren. Diese «Ohnmächtigen», so Nietzsche, entwickelten Moral aus Ressentiment. Alles, was sie bedroht oder überragt – kurzum: von dem sie sich, um ihr Leben, um ihre «Wahrheit», betrogen fühlen – wird als «böse» gebrandmarkt. Und das eigene Verhalten – die Demut, der Gehorsam und die Gleichheit – als «gut» umgedeutet. «Böse», das ist für die Herde das schwarze Schaf – der Non-Konformist, der aus der Ordnung Gefallene.

Nietzsches «Umwertung aller Werte» erinnert an die Bibel. Doch während für Nietzsche und Plack das sogenannte «Böse» erst aus der Perspektive einer bestimmten Ordnung entsteht und im Zuge ihrer Umwertung neu bestimmt wird, beschreibt der Sündenfall in der Genesis ein tatsächliches «Aus-der-Ordnung-Fallen». Im Verlust dieser ursprünglichen, göttlich gesetzten Ordnung stellen Adam und Eva – wie bereits Erich Fromm beschrieb – den ersten Akt des Ungehorsams dar. Indem die Versuchung des «Bösen» ihnen überhaupt erst die Wahl eröffnet, begründet sie zugleich Selbstbewusstsein wie Freiheit, die aus diesem Bruch hervorgehen – und damit jene Voraussetzung, unter der eine Umwertung von Werten erst möglich wird.

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Das erkannte auch Rudolf Steiner. Auch für ihn war das «Böse» kein Fehler, sondern eine kosmische Notwendigkeit: Erst indem der Mensch sich aus seiner ursprünglich harmonischen Einheit herauslöse, könne er zur Selbstständigkeit heranwachsen und seine Freiheit, sich stets auch zum Guten entscheiden zu können, erkennen. Anders als bei Nietzsche, dessen Herde aus Angst vor der Freiheit Moral als «nachträgliche Re-Ordnung» hervorbringt, braucht es laut Steiner die Spannung, die Gewissensbisse, die Scham und die Schuld, damit im Menschen überhaupt die Bedingungen für seine Individualität entstehen können.

Und doch war das «Böse» für Steiner ursprünglich nicht Teil der Schöpfung. Es entstand erst durch den Fall bestimmter geistiger Wesen – insbesondere jener, die er als luziferische und ahrimanische Kräfte beschreibt –, die sich vom ursprünglichen Schöpfergedanken abwandten. Während Luzifer den Menschen zu früh in die Selbstständigkeit und in eine übersteigerte Innerlichkeit treiben, verfestigt Ahriman ihn in Materie, Verstand und Notwendigkeit. Erst im Zusammenspiel dieser Gegenkräfte entstehe jene Spannung, in der der Mensch überhaupt zwischen Gut und Böse wählen könne. Kurz gesagt: Das Böse entsteht aus der Entscheidung – und wirkt seither nicht nur als Geburtskanal für das Gute, sondern auch als notwendiger Widerstand, an dem sich Freiheit und Bewusstsein überhaupt erst ausbilden.

Svanen ― Hilma af Klint, 1914

Und doch: Wenn alles Böse schlussendlich doch nur dem Guten dient – es «Gut» und «Böse» als solche also gar nicht gibt – woher kommt dann unser Gefühl, unser intuitives Empfinden, dass etwas entweder im Kern gut oder von Grund auf böse ist? Ist auch das nur Ausdruck der Abspaltung, die genau wie im Großen auch in uns existiert? Werden wir von allem «Bösen» in der Welt bloß solange in unserem eigenen Schatten «getriggert», bis wir ihn auflösen? Erinnert es uns an unsere Unvollkommenheit? Oder sind wir bereits ganz? Und es ist dieses uns innewohnende Schöpfungsprinzip, das uns daran erinnert, was dem Leben dient und was es schwächt? Oder sucht sich das «Gute» seinen Weg auf die Welt gerade durch unsere Unvollkommenheit? Oder ist auch das wieder nur «Herdenmoral»? Zu glauben, dass wir solange «schwach», «unvollständig» oder «falsch» sind, wie wir jene «niederen» Triebe in uns beherbergen? Braucht es nicht vielmehr diesen «Schatten», das «Es», das Trauma mitsamt all seinen Wunden, damit wir durch sie erkennen, wie das «Böse» durch uns wirkt? In welche Freiheit wären wir geboren, wären wir neben ihr nicht auch zum Schmerz bestimmt? Was ist, wenn alles, selbst das Böse, letztendlich dem Guten dient, indem es uns, in seiner Erinnerung daran, was Trennung bedeutet, vergegenwärtigt, was uns eigentlich am Leben hält?

Falls ja, was wäre, wenn sowohl Netanjahu, Trump, Musk, Gates, von der Leyen als auch Putin – energetisch gesprochen – an einem gemeinsamen Strang ziehen? Nämlich uns aus allen Kategorien fallen zu lassen – zurück in die Arme Gottes? Wenn die von ihnen provozierte Gottlosigkeit schlussendlich nicht dazu da ist, Gott aus dieser Welt zu verbannen, sondern uns an ihn zu erinnern? Uns die Ausweglosigkeit unseres anhaltenden Wunsches nach einem Messias vor Augen zu führen und die Augen für die wahre Botschaft Jesu zu öffnen? Was ist, wenn das Böse sich derzeit nur aus einem Grund so zuspitzt: Der Menschheit ein für alle Mal zu verdeutlichen, dass sie nicht nur niemand retten wird, sondern auch, dass selbst jeder, der ihnen verspricht, sie zu retten, ihren Untergang herbeiführen kann.

Schließlich war es Jesus höchstselbst, der sagte, er sei das Licht der Welt – und zugleich seine Wiederkunft ankündigte. Als Offenbarung und Gericht. Kaum, um Angst zu säen. Vielmehr, um zu zeigen, dass Licht und Finsternis im Menschen selbst zur Entscheidung stehen – dass das, was wir «das Böse» nennen, sich nicht außerhalb der Schöpfung bewegt, sondern als «Teil von jener Kraft» am Ende genauso dem Guten dient. Eben weil die Kraft, die durch alles wirkt, stets beides ist: Licht wie Schatten, Gut wie Böse, Engel wie Teufel. Sie ist Schöpfung.

Und alles, was uns «falsch» oder «unvollständig» fühlen lassen will, solange wir in uns ihre aufbauenden wie abbauenden Energien spüren, ist «Herdenmoral». Schluss damit.

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  • HEUTE lese ich in 69412 Hirschhorn (Neckar)-Igelsbach, Sandweg 17. Nachmittagslesung ab 16 Uhr bis abends im geräumigen Garten von Anja.

  • Und am Mittwoch, den 01. Juli in der Kreuzstr. 13, 35428 Niederkleen (bei Gießen). Einlass ab 18:00 Uhr. Beginn der Lesung um 18:30.

Alle Fragen und eventuelle Anmeldungen gerne an lillygebert@posteo.de (der Eintritt ist bei allen Lesungen frei, beziehungsweise, beruhen diese auf Spendenbasis).

Verfügst auch Du über einen geeigneten Ort, an dem 20 bis 50 Personen bequem Platz finden? Dann schreib mir – und vielleicht können auch wir uns schon ganz bald auf einen gemeinsamen Abend (oder Nachmittag) freuen.

Dieser Text erschien zuerst in gekürzter und abgeänderter Fassung bei DIE FREIEN.

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1

Strauß, Botho (2014): Allein mit allen. Gedankenbuch. Carl Hanser, Seite 177.

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