Dies ist Teil 2 einer Serie über den Sinn des Lebens. Hier geht es zu Teil 1.
Es gibt einen Satz ganz am Anfang der Bibel, der leicht zu überlesen ist.
Er enthält weder ein Gebot noch eine Ankündigung. Er wirkt eher so, als würde Gott laut nachdenken, ein Moment, in dem er innehält und auf das schaut, was er geschaffen hat … und feststellt, dass noch etwas fehlt. Komisch, oder? Hier der Vers:
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (1. Mose 2,18)
Für mich war das immer die Erklärung, warum Gott Eva erschuf. Adam war allein, das war nicht gut, also bekam er eine Partnerin, ein ebenbürtiges Gegenüber. Geschichte abgehakt, weiter im Text.
Bis mir irgendwann auffiel: Gott ist es, der hier einen Missstand feststellt und etwas dagegen tut. Nicht Adam beschwert sich. Gott selbst sieht das Alleinsein und nennt es „nicht gut”.
Warum? Warum stört es ihn?
Vielleicht, weil Alleinsein seinem eigenen Wesen so fremd ist, dass er es nicht ertragen kann, es bei seinem Geschöpf zu sehen. Der Gedanke fühlte sich fast anmaßend an – Gott und Einsamkeit? Aber ein anderer Bibelvers half mir, ihn weiterzudenken. Du hast ihn bestimmt schon gehört: „Gott ist Liebe.” (1. Johannes 4,8)
Nicht: Gott hat Liebe. So wie ich zum Beispiel einen Namen habe oder braune Haare.
Gott ist Liebe.
Sein tiefstes Wesen, sein Kern, das, was ihn ausmacht, ist Liebe. Und Liebe existiert nie allein: sie braucht jemanden, der liebt, und jemanden, der geliebt wird. Gott ist Liebe. Nicht erst seit der Schöpfung, sondern von Ewigkeit her. Und wenn das stimmt, dann muss er in sich selbst schon Beziehung sein.
Gottes Wesen ist Beziehung.
Diese Erkenntnis verändert alles.
Vater, Sohn und Heiliger Geist: schon vor aller Zeit miteinander verbunden. Ein ewiges Sich-Schenken und Empfangen. Ein Gespräch, das nie angefangen hat und nie aufhört. Manche Christen sagen: ein ewiger Tanz.
Gott war nie einsam. Ihm fehlte nichts. Er war vollkommen und er ist vollkommen: in sich selbst, in dieser ewigen Gemeinschaft.
Und genau das macht die Schöpfung so erstaunlich: Gott braucht uns nicht. Aber er will uns.
Kennst du das Gefühl, wenn etwas so gut ist, dass du es teilen musst? Ein Sonnenuntergang, den du fotografierst und teilst. Ein neuer Song, von dem du gar nicht erwarten kannst, ihn mit dem liebsten Menschen zu teilen, den du hast. Eine Freude, die erst vollkommen wird, wenn jemand mitlacht.
So stelle ich mir Gottes Liebe vor. Nicht bedürftig, sondern überfließend. Nicht suchend, sondern schenkend. Eine Quelle, die so reichlich sprudelt, dass sie über den Rand läuft und sich neue Wege bahnt.
Die ganze Schöpfung – das Rauschen der Ozeane, das Glitzern der Sterne, die Stille auf einem Berggipfel –, so überwältigend das alles ist: Nichts davon kann Gott antworten. Kein Sonnenuntergang antwortet: Ich liebe dich auch. Kein Berg sagt: Ich vertraue dir.
Dafür brauchte es jemanden, der frei ist. Der sich entscheiden kann. Der Ja sagen kann. Und Nein.
Dafür brauchte es dich.
Gott öffnet seine ewige Gemeinschaft und ruft uns hinein. Nicht als Publikum. Nicht als Personal.
Als Gegenüber: gewollt, geliebt und eingeladen.
Der Gott, der Galaxien ins Dasein spricht … er öffnet seine Gemeinschaft für mich. Er steht mit offenen Armen da und lädt mich ein. Diese Erkenntnis berührt mich zutiefst.
Aber weißt du, was mich wirklich umhaut? Die Liebe. Diese unfassbare Liebe, die uns entgegenströmt.
Psalm 139 bringt das wunderbar auf den Punkt: „Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“ (Psalm 139,16)
Alle Tage. Schon geschrieben. Bevor du deinen ersten Atemzug getan hast, bevor deine Mutter wusste, dass du existierst… da warst du schon in seinem Buch. Nicht als Idee. Als gewollter Mensch. Mit einem Namen, einem Gesicht, einem Platz an seinem Tisch. Und – erinnere dich an Teil 1 – einer Sehnsucht, die nur er stillen kann.
Die Bibel verwendet viele Bilder für diese Beziehung Gottes zu uns. Das zärtlichste ist vielleicht dieses:
Gott wünscht sich dich so, wie ein Vater sich ein Kind wünscht. Mit allem, was dazugehört: mit Stolz und Sorge und einer Liebe, die nicht aufhört, auch wenn das Kind Mist baut.
Du bist kein Zufall. Kein Unfall. Kein Nebenprodukt einer gleichgültigen Natur.
Du bist gewollt.
Gewollt!
Und sogar noch mehr als das: ihm ähnlich.
Jeder Mensch trägt Gottes Wesen in sich, denn so hat er uns geschaffen, als sein Ebenbild (1. Mose 1,27). Diese Ähnlichkeit ist wie ein Samenkorn, das im Dunkeln liegt. Es ist da. Es wartet. Doch es braucht Licht, um zu wachsen.
Dieses Licht ist die Beziehung zu ihm.
Wenn du Ja sagst, wenn du sein Kind wirst (Johannes 1,12), dann beginnt der Heilige Geist, dieses Samenkorn zum Blühen zu bringen.
So wie ein leibliches Kind die Züge seiner Eltern in sich trägt, die Augen des Vaters, die Stimme der Mutter, die Sturheit von beiden, so treten bei einem Kind Gottes seine Familienzüge hervor. Nicht als Theorie. Als gelebte Wirklichkeit. Du merkst es, wenn du plötzlich geduldiger bist, als du es von dir selbst erwartet hättest. Wenn Frieden da ist, obwohl alles dagegen spricht. Wenn Freude aufblitzt, grundlos, aber echt. Das ist die „Frucht des Geistes“, von der die Bibel spricht (Galater 5,22).
Und Liebe? Die ist nicht zum Behalten da. Sie will fließen.
„Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“ (1. Johannes 4,19)
Sie fließt von ihm zu dir. Von dir zu den Menschen um dich herum. Und von dort – als Dankbarkeit, als Lobpreis – zurück zu ihm. Wie Wasser, das zur Quelle zurückfindet.
Woher komme ich also?
Aus einer Liebe, die überfließt. Von einem Gott, der schon immer Beziehung war und diese Beziehung für dich geöffnet hat.
Jesus hat es auf den Punkt gebracht: „Das ist das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“ (Johannes 17,3)
Ewiges Leben ist kein Ort. Es ist eine Beziehung.
Und sie beginnt in dem Moment, in dem du „Ja“ sagst.
Das ist die Liebesgeschichte.
Und du steckst mittendrin.
Aber wie viele Liebesgeschichten hat auch diese einen Moment, in dem etwas schiefgeht. Einen Bruch. Einen Punkt, an dem die Verbindung reißt und alles aus dem Takt gerät.
Davon handelt der nächste Teil.

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.