Tim Berners-Lee hat wahrscheinlich den coolsten denkbaren Lebenslauf. Er hat vor rund 30 Jahren das Internet erfunden. (Mic Drop). Im Kernforschungszentrum CERN in der Schweiz setzte sich der Physiker und Informatiker an seinen Rechner, konzipierte Konzepte und Protokolle wie HTTP, HTML und den Hyperlink und sorgt damit für die Grundlagen des World Wide Web, wie wir es heute kennen.
Ein echter No-Brainer. Ich habe das Buch in der örtlichen Buchhandlung entdeckt und mit der allergrößten Selbstverständlichkeit gekauft. Was auch sonst?
In This is for Everyone (2025) beschreibt der Autor die Entstehung und die rasante Entwicklung des Internets und spannt dabei einen Bogen von den ersten Websites der Wissenschafts-Community bis hin zum Massenmedium der heutigen Zeit.
Das Buch beginnt mit der Schilderung einer glücklichen Jugend im England der 1950er-Jahre. Berners-Lee, dessen Eltern den bekannten Informatiker Alan Turing persönlich kannten, wurde schon früh in seiner Neugier gefördert. Er interessierte sich schon früh für Elektronik und begann, sich seinen eigenen Computer zusammenzubauen.
Richtig interessant wird die Erzählung, als er in den 80er-Jahren seine Arbeit beim CERN beginnt. In einem Nebenprojekt möchte er Wissenschaftler-Teams besser vernetzen und den Informationsaustausch erleichtern. Anstatt allerdings diese Informationen hierarchisch zu organisieren, entschied er sich dafür, eine flache Hierarchie zwischen Dokumenten zu schaffen und diese mittels Hyperlinks zu verbinden — die Grundidee des WWW war geboren.
Im weiteren Verlauf schildert er anschaulich, wie das Internet immer schneller wuchs, wobei dessen Nutzung zunehmend kommerzielles Interesse weckte. Während er selbst das W3C gründete — ein Gremium zur Definition von verbindlichen Standards und Richtlinien für das WWW — versuchten Softwarehersteller wie Microsoft, mit ihren Browsern Monopole aufzubauen und eigene Regeln zu definieren.
Besonders stark wird das Buch aus meiner Sicht in den letzten Kapiteln, in denen der Autor die gesellschaftlichen Konsequenzen der Nutzung von Sozialen Medien verdeutlicht und diese Entwicklung kritisiert. Websites wie Facebook, TikTok und Instagram begünstigten durch ihre Algorithmen die Entstehung von Filterblasen und trugen damit letztlich zur Polarisierung der Gesellschaft bei. Außerdem liefen sie durch ihre Quasi-Monopolstellung seiner Grundidee eines dezentralen Internet “für alle” zuwider.
Berners-Lee äußert sich ebenfalls zu den jüngsten Entwicklungen bei der Künstlichen Intelligenz und fordert unter anderem eine Einrichtung ähnlich des CERN, um eine unabhängige, wissenschaftsbasierte und breite Diskussion rund um Standardisierung, Chancen und Risiken dieser neuen Technologien zu führen. Er ist der Ansicht, dass unsere Gesellschaft nicht die Fehler wie bei der weitgehend ungebremsten Entwicklung der Sozialen Medien wiederholen darf.
Zum Schluss kommt der Autor noch auf das Thema Datensouveränität zu sprechen und beschreibt das neue Solid-Protokoll der W3C, in dem Nutzer:innen weltweit durch sogenannte Daten-Wallets mehr Kontrolle über ihre eigenen Daten erhalten sollen.
Für einen “Digital-Arbeiter” wie mich ist dieser Text natürlich wie gemacht. Der innere Nerd in mir freut sich, wenn der Autor beschreibt, warum etwa Menschen “//” in die Browser-Zeile eintippen oder wie damals die ersten Websites aussahen - bei GeoCities gehostet, mit animierten Baustellen-GIFs und natürlich der unvermeidlichen Comic-Sans-Schriftart. Been there, done that!
Tim Berners-Lee, der im gleichen Jahr geboren wurde wie Steve Jobs und Bill Gates, erkennt früh, dass das WWW den Menschen am meisten nutzt, wenn es wirklich für jede:n verfügbar ist. Mit einer sympathisch großen Prise Idealismus beschreibt er, wie er sich das Web von Anfang an vorgestellt hat: dezentral, kollaborativ, dem Austausch und der Kreativität verpflichtet. Das ist zwar ein Gegenpol zur heutigen Internet-Realität, in der einige wenige Plattformen die Mehrheit der Internet-Nutzer:innen weltweit auf sich vereinen, kann uns aber eine Richtschnur dafür sein, wie wir alle diese Technologie nutzen und weiterentwickeln könnten. It’s for everyone!
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