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HEALZZ MAG · Oct 14, 2024

Trinkapps sitzen bei mir nicht mit am Tisch

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Frank Stratmann · HEALZZ MAG

Kannst Du Dich noch an Apps wie Foursquare erinnern, die versuchten, eine breite Nutzerbasis zu gewinnen, die wechselseitig angehalten werden sollte, mitzuteilen, wo man sich gerade aufhält?

Ich gehörte damals zu jenen, die dieses Phänomen spannend fanden. Also habe ich mich angemeldet und eine Weile mitgemacht. Das Unternehmen hat offenbar viel gelernt und das mithilfe seiner Nutzer. Einen echten Mehrwert habe ich von dem standortbasierten Empfehlungsdienst in Form einer App für Restaurants und andere Orte nie erfahren. Den Gewinn machten andere. Foursquare hat sich seit seiner Gründung im Jahr 2009 erheblich weiterentwickelt und ist heute ein führendes Unternehmen im Bereich der Geolokationstechnologie.

Ein Tisch mit Smartphone neben einem Bierkrug.

Seit einiger Zeit taucht das Phänomen der geobasierten Standorterhebung wieder auf. Es wirkt spielerisch und gesellig. Zielgruppe dieses Mal sind alkoholaffine Menschen. Früher konstituierten sich Trinkgelage meist durch eine enge Gruppenzugehörigkeit. Heute ist das private Leben heterogener. Niemand hat mehr diesen einen Zirkel Trinkwütiger. Das urbane Leben scheint besonders betroffen zu sein. Zu viele Bars und Clubs stehen zur Auswahl. Von der Idylle, die uns Peter Alexander in seinem Lied »Die kleine Kneipe« in unserer Straße erzählte, ist nicht mehr die Rede. Auf dem Land ist das noch schlimmer. Es gibt kaum mehr Dorfkneipen, in denen man verlässlich einkehren kann, weil dort schon mindestens ein Freund sitzt. Deshalb sind die Trinkapps auf dem Land besonders beliebt. Der private Raum wird zum Kneipenersatz.

Trinkapps, eine spezielle Kategorie sozialer Netzwerke, haben sich etabliert, um Menschen rund um das Thema Alkoholkonsum zu vernetzen. Diese Plattformen fördern sicher per se keine virtuellen Trinkgelage. Alkohol ist auch ohne diese Apps ein gesellschaftliches Problem. Trotzdem ermöglichen diese Apps den Nutzern, ihre Trinkerlebnisse zu teilen, Treffen zu organisieren und gemeinsam zu trinken.

Das Geschäftsmodell von Trinkapps basiert oft auf Partnerschaften mit Alkoholherstellern, Bars und Clubs. Richtig transparent ist das selten. Durch gezielte Werbung und spezielle Angebote wird der Verkauf von Alkohol gefördert. Standortbasierte Werbung ist ein weiteres Mittel, um Nutzer in nahegelegene Bars oder Veranstaltungen zu locken. Zusätzlich bieten einige dieser Apps Premium-Funktionen an, die durch In-App-Käufe oder Abonnements zugänglich sind.

Trotz ihres wirtschaftlichen Potenzials stehen Trinkapps in der Kritik, da sie den Alkoholkonsum normalisieren und sogar fördern könnten. Unter den Nutzern mag diese Sorge unbegründet.

Oft gehört Alkoholkonsum zur gängigen Lebenspraxis, manchmal sogar zur Ethik eines ganzen Lebens, das von stummer Aussichtslosigkeit geprägt scheint, wenn das Besäufnis mit den Kumpels zum Fluchtpunkt für nicht näher reflektierte Leidensgeschichten wird und zumindest zeitweise Erlösung verspricht.

Besonders bei jungen Nutzern besteht die Gefahr, dass Gruppenzwang und Suchtverhalten verstärkt werden. Die gesundheitlichen Folgen eines erhöhten Alkoholkonsums sind gut dokumentiert und stellen ein ernstes Risiko dar.

Auch der Datenschutz ist ein kritisches Thema. Trinkapps sammeln detaillierte Daten über das Konsumverhalten und die Standorte ihrer Nutzer. Was sich anonym auf Servern versenken lässt, wirkt zunächst irrelevant, kann jedoch ein ausgefeiltes Nutzerprofil über das Trinkverhalten und Ausgehverhalten seines Nutzers ergeben. Unternehmen gewinnen so gut Rückschluss darauf, was einen Nutzer aktuell beschäftigt. Auch wenn das keinem Seelenstriptease gleichkommt.

Wichtig ist, sich klarzumachen, dass diese Informationen unterschiedliche Bedeutung haben können. Bisweilen lassen wir uns Werbung gern gefallen. Mitzubekommen, wann sich der nächste Samstagskracher eines Discounters zu meiner bevorzugten Biersorte ankündigt, wirkt wie eine Information. Laden wir jedoch einen neuen Aktanten in Gestalt einer Smartphone-App an den virtuellen Tisch, überlassen wir ihm bereits Entscheidungen darüber, wann uns welche Information erreicht.

So verändern Trinkapps das soziale Verhalten unbewusst. Anstatt persönliche Interaktionen zu fördern, ermutigen sie Nutzer möglicherweise dazu, mehr Zeit in virtuellen Umgebungen zu verbringen, als sich tatsächlich in der Pflege der Freundschaft zu üben. Das mag alles überzogen klingen, sickert jedoch in unserem privaten Leben ein, weil wir diese Aktanten selbst einladen. Deshalb machen wir niemanden dafür verantwortlich, wenn wir gleich zwei Kisten Bier im Angebot kaufen. Oft liegt den Trinkapps eine Gamification zugrunde, und die gesammelten Trophäen werden zum Ausdruck der Trinkpersönlichkeit. Das klingt für mich eher fragwürdig und schließt sich an die übertriebenen Erzählungen zur anekdotischen Evidenz so mancher Trinkerfahrung an.

Zuletzt wurde ich zu einer solchen App eingeladen. Daher musste ich mir dazu einige Gedanken machen, bevor ich die Einladung ablehnte. Ein Messenger reicht mir aus, um eingeladen zu werden, wenn es tatsächlich einmal gesellig und meinetwegen feuchtfröhlich zugehen soll.

Eine App am Tisch zu haben, halte ich für wenig zielführend. Nicht einmal für die Unternehmen, die mit den Daten arbeiten, die auf Übertreibung, Willkür und Selbstdarstellung beruhen dürften. Dass sich damit trotzdem Geld verdienen lässt, liegt auf der Hand. Nur beschert mir das kein einziges Bier mehr auf den Tisch oder gleich eine ganze Runde für meine Freunde. Das habe ich versucht, zu erklären.

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