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Gott suchen · Oct 20, 2025

Wie Man(n) seine Aggression lebt, ohne gewalttätig zu sein

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Das Löwendenkmal in Luzern erinnert an die Tapferkeit. Diese benötigt die Aggression um sich der Gewalt entgegenzustellen.
Das Löwendenkmal in Luzern erinnert an die Tapferkeit. Diese benötigt die Aggression um sich der Gewalt entgegenzustellen.

Heute geht es um ein Thema, das wir nicht umgehen können, wenn wir von der Männlichkeit handeln: die Gewalt.1 Wir betrachten, warum wir sie brauchen und, wie die christlich geforderte Sanftmut damit zusammengeht.

Beginnen wir mit einem kühlen Kopf und definieren zunächst zwei Begriffe:

Aggressionen sind bewusste Handlungen;2 Gefühlsausbrüche oder ›Ausraster‹ gehören nicht dazu:

»Dies ergibt sich schon aus der Etymologie des Wortes ›Aggression‹ (vom lat. aggredior, hier v. a.: herausschreiten, sich nähern, angreifen). Ein emotionales Sichverhalten (z. B. ein Wutausbruch) ist nur dann eine Aggression, wenn es als zielgerichtete Handlung aufgefasst werden kann.«3

Aggression ist lebensnotwendig. Selbst, um etwas so Alltägliches wie eine nervtötende Hausaufgabe in ›Angriff‹ zu nehmen – vielleicht sogar nicht ›für‹, sondern gegen den Lehrer – braucht es Aggression.

Ohne Aggression – oder in einer ständig gegen sich selbst gerichteten Aggression wie in der Depression – kann ein Mensch auf Dauer keinerlei Ziele durchsetzen, auch keine, die dem Reich Gottes dienen. Darum ist ein gesundes Maß an Aggression auch aus christlicher Sicht wichtig, um nicht bloß passiv zu reagieren, sondern aktiv ›walten‹ zu können.

Das Wort ›Gewalt‹ kann zwei Bedeutungen haben: negativ als Gewalttätigkeit (lat. violentia; engl. violence), positiv als Kraft (lat. potestas; engl. power).4

Dem Gewalttätigen fehlt oft gerade die positive Gewalt: er hat keine Gewalt über sich, verliert die Kontrolle, hat sich selbst nicht im Griff. Dagegen kann jemand (vielleicht kennen wir solche Menschen) überaus stark und trotzdem (oder genauer: deswegen) ungemein ruhig sein. Ein Blauwal, ein Berg oder eben ein weiser Mensch sind gewaltig, aber nicht gewalttätig.

Aggression und Gewalt sind also zunächst durchaus gute Grundkräfte.5 Erst aus dem Kontext wird ersichtlich, ob eine Handlung schlecht ist. Ein Beispiel aus der Ethik veranschaulicht das: Wenn ein Mörder sein Opfer aufschlitzt, ist das gewaltätig, wenn ein Chirurg jemanden aufschneidet, ist es ein Dienst an dem Patienten.

Gewalttätigkeit ist ein doppeltes Übel, weil sie nicht nur in einem Moment Unrecht tut, sondern auch im Nachhinein nachwirkt. Ein Krieg mag an einem historischen Datum mit einem medienwirksamen Handschlag beendet werden, doch damit ist er weder für die Gewaltopfer, noch für die Flüchtlinge, noch für die an Leib und Seele verwundeten Soldaten wirklich zu Ende.6

Darum dürfen die lebenswichtige Aggression und die damit assoziierte Männlichkeit kein Vorwand für Leben auslöschende Kriege sein.

Der Krieger ist zurecht ein Archetyp der Männlichkeit, da er die positive Aggression und Gewalt, die oben beschrieben wurde, repräsentiert. Doch darf ein Mann nie nur Krieger sein, ob als Kanonenfutter, als Berserker oder als Mischung aus beiden wie die für die den Krieg gezüchteten Orks und Uruk-hai im Herrn der Ringe. Diese sind keine Männer, sondern Monster.

Trotzdem drillen und drücken sich Männer immer wieder selbst oder einander in diese Rolle. Wie traurig, gebrochen, verwirrt und böse es dabei zugehen kann, zeigt die Geschichte der Kriegspropaganda, die z.B. Klaus Theweleit in seiner großen Studie Männerphantasien dargestellt hat, wo er die Vorgeschichte des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik untersucht.7

Leider spielen Männlichkeitsvorstellungen in der Kriegspropaganda eine Dauerrolle:

»Der ›männliche Krieg‹ ist vor allem ein Großaufgebot an heroischen Einheitstypen. Während der Weltkriege war die Kriegspropaganda in allen kriegsbeteiligten Ländern geprägt von solchen extrem überzeichneten Geschlechterstereotypen. Dem potenten Kriegshelden stand immer eine hilfs- und reproduktionsbereite Frau zur Seite, beide zusammen dienten als Beleg für die Virilität der eigenen Nation.«8

Propagandistische Verzerrungen sind geradezu notwendig, um die Gewalt, die sonst durch religiöse Werte, kulturelle Normen oder die Tötungshemmung verhindert würde, entfesseln zu können. Um gegen jemanden Krieg führen zu können, muss er zunächst vom Mitmenschen zum Feind erklärt werden, was am einfachsten durch Lügen zu bewerkstelligen ist. Timothy Radcliffe schreibt dazu:

»Als erstes Opfer des Krieges gilt die Wahrheit. Dabei geht es nicht nur um ein Verdrehen der Wahrheit durch Propaganda. Vielmehr resultiert die Gewalt des Krieges in einer Zersetzung der menschlichen Kommunikation.«9

Ist das Männlichkeit? – Albrecht von Wallenstein (1583-1634) in seinem Wallensteinpalais als Kriegsgott Mars; Quelle: Wikimedia
Ist das Männlichkeit? – Albrecht von Wallenstein (1583-1634) in seinem Wallensteinpalais als Kriegsgott Mars; Quelle: Wikimedia

Als Kriegsgott Mars inszenierte sich Albrecht von Wallenstein (1583-1634) in seinem Wallensteinpalais: Potente Hengste sprengen dem Streitwagen voran, Speere recken sich nach vorne, Wallensteins Schild entspringt auf Schritthöhe das Symbol seiner Männlichkeit, in Händen schwingt er einen brutalen Streitkolben. Ein Bild strotzend von Männlichkeit, auf den Krieger eingedampft.

Wallenstein waltete nicht als Wüterich, sondern als Kriegsunternehmer. ›Der Krieg ernährt den Krieg‹, soll sein Motto gelautet haben. Wo der Amoklauf als Rachegang eines Einzeltäters sich aus jahrelang angestauter Leere speist, wühlt sich seine satte Kriegsraupe kühl kalkulierend und munter marodierend durchs Land und hinterlässt ihre Spur aus Leichen und Trümmern (im Dreißigjährigen Krieg wurde meines Wissens ein Drittel des gesamten Zivilbevölkerung ausgelöscht).

Thomas Merton beschreibt den Krieg wie eine Droge, von der die Menschheit einfach nicht wegkommt:

»Wenn wir nicht so leicht vergessen würden, wären wir nicht so schnell bereit, uns auf neue Kriege einzulassen. […] Der Krieg verkörpert ein Laster, das die Menschheit gern ablegen würde, ohne das sie aber nicht auskommen kann. Der Mensch ist wie ein Alkoholiker, der weiß, daß das Trinken ihn zerstören wird, der aber trotzdem stets einen Anlaß zum Trinken findet.«10

Einen Krieg kann nur beginnen, wer keine Ehrfurcht vor Gott hat.11 Denn Gott interessieren die blutleeren Abstraktionen (wie etwa Ländergrenzen), um die Kriege gemeinhin geführt werden, wenig:

»Alle Nationen sind vor Gott wie ein Nichts, / für ihn sind sie wertlos und nichtig.« (Jesaja 40,17)

Die blutjungen Soldaten, die dann für die Verteidigung dieser Hirngeburten der Machthaber ihr Blut lassen und sich gegenseitig im Schlamm abstechen sollen, kennt er jedoch mit Namen – und zwar stets auf beiden Seiten.

Um die Unmenschlichkeit des Krieges zu kritisieren, braucht man kein politisches Programm, sie ist ›ein menschliches Thema‹, wie der Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898-1970) betont. Für sein bedeutendes Buch Im Westen nichts Neues (1928) wurde er als Vaterlandsverräter beschimpft und angefeindet.

Ähnlich erging es anderen Männern, die sich mannhaft gegen den Krieg ausgesprochen haben: Ernst Friedrich mit seinem Buch Krieg dem Kriege (1924), wo er Fotographien nicht nur von verkrüppelten, sondern schwerstverwundeten und entstellten Soldaten zeigte, was bis dahin öffentlich sorgsam verdrängt worden war; oder dem seligen Märtyrer und Familienvater Franz Jägerstätter (1907-1943; Gedenktag am 21. Mai), der den Wehrdienst unter den Nationalsozialisten ablehnte und dafür hingerichtet wurde.12

Betrachten wir nun im letzten Abschnitt, wie eine christliche Integration der Gewalt und Kritik der Gewalttätigkeit aussehen könnte.

Wenn sich Gruppen oder Einzelne in Notwehr verteidigen, ist das aus christlicher Sicht gerechtfertigt. So billigt beispielsweise das Zweite Vatikanische Konzil in Gaudium et Spes den Dienst als Soldat und einen gerechten Verteidigungskrieg; jedoch wendet es sich überdeutlich gegen jede Form von Vernichtungskrieg:

»Jede Kriegshandlung, die auf die Vernichtung ganzer Städte oder weiter Gebiete und ihrer Bevölkerung unterschiedlos abstellt, ist ein Verbrechen gegen Gott und gegen den Menschen, das fest und entschieden zu verwerfen ist.«13

Gegen unsere Mitmenschen sollen wir also nur im äußersten Notfall gewalttätig werden; jedoch stehen Christen sehr wohl einem geistlichen Kampf, wie Paulus im Epheserbrief betont:

»Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen.« (Epheser 6,12)

Dieser geistliche Kampf dreht sich um das Heil der Seelen und nicht länger um persönliche Empfindlichkeiten oder die Kränkungen einer Konfliktpartei. Ein Christ kann sein Schwert (seine Aggression) gegürtet haben, ohne ständig damit herumfuchteln zu müssen.

Wie gebissene Hunde reagieren wir nur, wenn wir Angst haben und meinen, ›unsere Ehre‹ verteidigen zu müssen. Für einen Christen ist jedoch seine Ehre nicht länger das höchste Gut, da ja auch Christus verachtet wurde. Diese höhere Perspektive macht gelassen. Hinzukommt, dass, wer Stärke ausstrahlt und klare Grenzen setzt, diese meistens gar nicht verteidigen muss, ja sogar sanft sein kann.

»Selig die Sanftmütigen; / denn sie werden das Land erben.« (Matthäus 5,5)

Der Sanftmütige verzichtet darauf, Gewalt mit Gewalt zu beantworten, was ein gewaltiger, weil mutiger Akt ist. Er sagt: ›An mir wird sich die Welle der Gewalttätigkeit, die ich (etwa durch elterliche Gewalt) erfahren habe, brechen; ich werde sie nicht auch meinen Mitmenschen (etwa meinen Kinder) weitergeben.‹

Sanftmut hat also auch nichts mit Verweichlichung zu tun, wie Josef Pieper betont:

»Sanftmut als Tugend setzt die Kraft des Zürnens voraus; Sanftmut heißt, diese Kraft zu ordnen, nicht, sie zu schwächen.«14

Der Sanftmütige kann Fehler gütig zudecken und bewegt sich gelöst und viel eleganter als der, der immer mit dem Finger zeigen muss; seine innere Harmonie macht ihn souverän. Der Sanftmütige steigt aus der Logik der Selbstbehauptung aus, wird frei und gelassen. Er leidet zwar an der Lieblosigkeit und wendet sich aktiv gegen das Unrecht, ist aber dabei nicht unruhig oder empört.15

Ein vollkommenes Beispiel dafür ist Stephanus (vgl. Apostelgeschichte 7): er ist klar in der Sache, bereit zum Widerstand, doch gütig, verzeihend, fürbittend, offen. Er stirbt für seine Feinde und ist darin der wahrhaft Siegreiche:

»Den Sanftmütigen ist der wahre Sieg über die Welt vorbehalten, weil nicht sie selbst siegen, sondern Christus in ihnen und durch sie.«16

Mit der christlichen Sanftmut im Gepäck können wir uns beim nächsten Mal der christlichen Version des männlichen Kriegers zuwenden: dem Ritter.

Im Anhang teile ich noch ein wunderbares Interview mit Erich Maria Remarque von 1962 (als im Fernsehen noch geraucht wurde), wo er über sein wichtiges Buch Im Westen nichts Neues spricht.

Gottes Segen und bis bald,

1

Eine Differenzierung: Gewalt in der Partnerschaft trifft fast ausschließlich Frauen, doch sind weltweit die Opfer von Gewalt insgesamt zu 80% Männer (vgl. Hübl, Moralspektakel, S. 272, dort Anm. 18) Männer sind also fast immer die Aggressoren, doch meistens auch die Opfer. Darum nehmen wir heute auch schwerpunktmäßig den Krieg in den Blick.

2

Vgl. Werbik, Hans, »Zur Terminologie der Begriffe ›Aggression‹ und ›Gewalt‹«, in: Straßmaier, Stephan/Werbik, Hans, Aggression und Gewalt. Theorien, Analysen und Befunde, Berlin/Boston: de Gruyter 2018, S. 236-249, hier S. 239; vgl. ebd., S. 242: »Aggression ist ein Prädikat zur Beurteilung von Handlungen. Ein bloßes reaktives Sichverhalten oder ein bloßer Gefühlsausdruck kann nicht als Aggression beurteilt werden.«

4

Vgl. ebd., S. 244 (wo es um die erste Variante geht): »Gewalt ist ein Prädikat zur Beurteilung von aktuellen Handlungen, die gegen (natürliche) Personen gerichtet sind. Das Wort Gewalt soll also i. S. v. von violentia (übersetzt etwa als: Gewalttätigkeit) und nicht i. S. v. potestas (d. h. Kraft oder Macht) gebraucht werden.«

5

Vgl. Moser, Manfred, Art. »Gewalt/Gewaltlosigkeit«, in: TRE 3. Bd. 13, S. 168-184, hier S. 168: »Von der sprachlichen Wurzel her bedeutet Gewalt zunächst das Verfügenkönnen über innerweltlich Seiendes. Ein Urteil über die Rechtmäßigkeit solchen Verfügens ist damit noch nicht gefällt.«

6

Gewalterfahrungen haben darum auch eine diskursive Dimension: Werden sie gehört und wahrgenommen? Besonders schlimm ist das ›Mundtot‹-machen, wenn es einen wortwörtlichen Charakter annimmt wie bei Schlägen ins Gesicht, denn jemandem ins Gesicht zu schlagen, sagt: Dort, wo Du zur Welt kommst, wo Du lächelst oder weinst, dort wo Du Dich zeigst, dort treffe ich Dich. Ein Schmerz, der Jesus vertraut ist.

7

Vgl. Theweleit, Klaus, Männerphantasien, Berlin: Matthes & Seitz (3. Aufl.) 2019.

8

Kemper, Claudia, Männlicher Krieg und weiblicher Frieden? Geschlechterordnung von Gewalterfahrungen, Ditzingen: Reclam 2023 [UB 14351], S. 35.

9

Radcliffe, Timothy, Warum Christ sein? Wie der Glaube unser Leben verändert, übers. v. Sabine Schratz, Herder: Freiburg 2012, S. 198.

10

Merton, Thomas, Lieben und Leben. Love and Living, übers. v. Christa Broermann, Zürich: Benziger 1988, S. 147.

11

Die Bibel ist bekanntlich voller Kriege, jedoch finden sich auch wortgewaltige Beispiele dafür, dass Gott die Gewalttätigkeit ablehnt: z.B. Psalm 46 oder Jesaja 2,4. 9,4.

12

Andere Stimmen, wie die von Willy Peter Reese (1921-1944), verstummten zu jung und konnten ihr Leiden am Krieg erst posthum Gehör verschaffen (er in seinem Buch Mir selber seltsam fremd. Die Unmenschlichkeit des Krieges. Russland 1841-44).

13

GS Nr. 80; Ziel ist letztlich eine Ächtung des Krieges überhaupt (vgl. Nr. 82).

14

Pieper, Das Viergespann, S. 270.

15

Der Sanftmütige wird durch die Beleidigung verwundet, doch nicht gereizt. Der Heilige muss sich nicht mehr selbst behaupten, darum wirkt für ihn die Beleidigung »nicht mehr mit ihrem spezifischen Gehalt, sondern nur noch durch ihre Lieblosigkeit, sie reizt nicht, sondern verwundet nur das Herz« (Hildebrand, Die Umgestaltung in Christus, S. 279).

16

Hildebrand, Die Umgestaltung in Christus, S. 287.

Read the original on gottsuchen.substack.com

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