In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden. Dass er in ihm auch Mann geworden ist, steht theologisch erst an zweiter Stelle1 und wurde historisch durchaus unterschiedlich gedeutet.2 Die Erlösung in Jesus Christus übersteigt die Geschlechtergrenzen, da er jene ruft,
»die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes (!), sondern aus Gott geboren sind« (Johannes 1,13).
Der eigentliche Leib Christi ist also – zumal nach der Himmelfahrt – seine Kirche (Kolosser 1,18). Dennoch ist die irdische Existenzform Jesu als Mann für unsere Theologie der Männlichkeit natürlich spannend, weswegen wir sie heute ein wenig entfalten.
Gott hat kein Problem mit Männern (wie er auch sonst keine Probleme hat). Jesus lebt selbst als Handwerker und erwählt sich raue Fischer als Freunde; einfache Menschen, einfache Männerfreundschaften. Mit ihnen und anderen kann er Nähe zulassen, wenn er etwa Johannes in die Arme schließt oder sich von der Sünderin die Füße salben lässt. Auch zu Kindern ist er gut (Matthäus 19,13ff).
Die Gewaltfreiheit und Sanftmut Jesu, die vor allem in der Bergpredigt aufscheint, sind gerade Ausdruck seiner Stärke.3 Es ist sein innerer Reichtum (in der dreieinigen Liebe zu leben), die ihn sorglos geben lässt, über alles bloß menschliche Maß hinaus. Da er niemanden braucht – sondern alle liebt –, braucht er niemanden zu missbrauchen, sondern begegnet allen Menschen ebenso offenherzig wie klar.
In dieser Klarheit ist auch die Aggression klar integriert. Jesus ist das Lamm Gottes und der Löwe von Juda (Offenbarung 5,5f). Gegen die Vereinnahmungen durch Menschen setzt er sich klar zur Wehr, kann also Nein sagen, wenn er etwa König Herodes lächerlich macht (Lukas 13,31ff. 23,8f), sich dem mörderischen Mob mehrfach entzieht (Lukas 4,29f) oder Petrus zurechtweist (Matthäus 16,23) usf.
Er wendet sich mit deutlichen Worten gegen die Irrlehrer seiner Zeit und provoziert bewusst den Konflikt, der zu seiner Kreuzigung führt. In der Passion schließlich kann er als Lamm passiv dulden, ruft nicht die 12 Legionen Engel, um seine Gegner zu zerstäuben (Matthäus 26,53), und kämpft als Löwe den ›Gebetskampf‹ (gr. ἀγωνίᾳ).
Wir hatten bereits gesehen, dass Jesus einen brüderlichen Umgang mit Frauen pflegte,4 auch gegen den Widerstand patriarchaler Beharrungskräfte. Er lässt sich von der blutflüssigen Frau berühren und nennt sie ›meine Tochter‹ (Markus 5,34). Er nimmt als ›Sünderinnen‹ verschrieene Frauen an (Lukas 7,47). Viele Frauen folgen ihm aus Galiläa und unterstützen ihn (Matthäus 27,55).
In der Episode mit der Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll, ist Jesus der erste, der sie direkt als Person anspricht, statt bloß ›über sie‹ zu reden wie ein Ding (Johannes 8,10f). Auch an anderen Stellen wendet er sich unbekümmert gegen geltende Menschensatzungen, wenn er z.B. betont, dass Männer ihre Frauen nicht grundlos verstoßen dürfen (Matthäus 19,3-9) und das begründet mit der »uneingeschränkten Reklamation der schöpfungstheologisch grundgelegten Gleichwertigkeit von Mann und Frau«5.
Wir können diesen Umgang mit Frauen auf Augenhöhe in Abgrenzung zur damals üblichen patriarchalen Sicht als brüderlich bezeichnen. Doch auch eine bräutliche Dimension ist da.
Jesus lebt ehelos. Dennoch vergleicht er sich mit einem Bräutigam (Matthäus 9,15) und auch wichtige Szenen wie die mit der weinenden Maria am Grab (Johannes 20,16) oder der Samaritanerin am Jakobsbrunnen (Johannes 4,1-42) haben bräutliche Züge (viele der großen Männer im Alten Testament lernen ihre Frauen an einem Brunnen kennen).
Jesus zieht aus, um die gesamte Menschheit als seine Braut heimzuführen. So viel Testosteron muss man, salopp gesprochen, erst einmal haben, braucht es doch dafür wiederum eine unendliche – eine göttliche – Sanftmut und Geduld, verbunden mit dem festen Willen sich ›zu nähern‹ (Aggression) und die Geliebte unermüdlich zu suchen wie im Hohelied.
Die Männlichkeit Jesu zeigt sich besonders darin, dass er sowohl Vorbild ist für den um des Himmelreiches willen ehelos lebenden Mann, als auch für den Ehemann, der seine Braut so lieben soll, wie Christus seine Kirche (Epheser 5,32).
Schließlich fließen in die Erlösungstat Jesu auch explizit weibliche Symbole hinein, wenn etwa die Seitenwunde Jesu, aus der Blut und Wasser fließen, als eine der ›Geburtsstunden der Kirche‹ (neben Pfingsten) gesehen wurde:
»In Stunden- und Erbauungsbüchern [ab dem 13 Jh.] wurde die Seitenwunde Christi auch graphisch dem weiblichen Geschlechtsorgan angeglichen.«6
Jesus selbst wendet den Vergleich der Geburt auf seine Nachfolge an, wenn er sagt:
»Wenn die Frau gebären soll, hat sie Trauer, weil ihre Stunde gekommen ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. So habt auch ihr jetzt Trauer, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.« (Johannes 16,21f)
Besonders das Johannesevangelium, das einige der wichtigsten oben genannten Begegnungen mit Frauen schildert, betont die Beziehung Jesu zum Vater. Der Sohn des Vaters zu sein, gehört also auch zur Männlichkeit Jesu. Jesus ist »unser Weg zum Vater […] und des Vaters Weg zu uns«7.
Die frohe Botschaft für uns lautet, dass er uns an dieser Kundschaft teilhaben lässt, uns als ›Brüder und Schwestern‹ adoptiert. Und: dass Jesu Verhältnis zum Vater zwar Gehorsam fordert und etwas kostet, aber niemals einem bloßen ›Leistungsprinzip‹ entspricht, an das wir vielleicht bei einem ›guten/braven Sohn‹ denken mögen. Denn bereits bei der Taufe im Jordan – also vor Beginn seines öffentlichen Wirkens – erfährt Jesus den Zuspruch:
»Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.« (Matthäus 3,17)
Diese bedingungslose, weil geschenkte Liebe des Vaters hat Jesus zutiefst erfahren und gepredigt – denken wir an das Gleichnis vom Barmherzigen Vater. Mit Gott dem Vater und der Frage, was Männer für ihre Vaterschaft von ihm lernen können, werden wir uns im nächsten Beitrag beschäftigen.
Gottes Segen und bis bald,
Die Bedeutung der Männlichkeit Jesu ist vor allem für die Inkarnationstheologie sowie die Sakramententheologie (Priesterweihe und repraesentatio Christi) relevant (vgl. Winkler, Mathias, »›Wahrer Gott und wahrer Mann?‹ Die Aktualität der Frage nach der Bedeutung des männlichen Geschlechts Christi«, in: Wahrer Gott und wahrer Mann. Das Geschlecht Jesu in der Theologiegeschichte, hrsg. v. Mathias Winkler, Markus Lersch u. Hans-Ulrich Weidemann, Freiburg: Herder 2023, S. 9-27, hier S. 9) [Der Band selber gibt, wie es dort heißt, keinen Beitrag dazu, sondern liefert nur Vorarbeiten.]
Vgl. Schubert, Anselm, »Was ist eine ›Geschlechtergeschichte Christi‹?«, in: Wort und Antwort (2/2025), S. 60-66; eine ausführliche Monografie zum Thema bietet Ders., Christus (m/w/d). Einer Geschlechtergeschichte, München: C.H.Beck 2024.
Vgl. Christliche Gewaltfreiheit: Wink, Walter, Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit, Regensburg: Friedrich Pustet (2. Aufl.) 2018.
Korff, Wilhelm, Art. »Frau/Mann. A. Systematisch«, in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe. Erweiterte Neuausgabe. Bd. 2, hrsg. v. Peter Eicher, München: Kösel 1991, S. 52-58, hier S. 55. Hier besteht ein innerbiblischer Konflikt; vgl. ebd.: »Damit weist Jesus zugleich jedes Argument, das dem Mann eine durch die Kontinuität von Tradition legitimierte, naturrechtlich oder heilsökonomisch begründbare Sonderstellung zuspricht, a limine ab. Von daher wird man also dem letztlich entgegenstehende Deutungen und Wertungen der späteren apostolischen Überlieferung, wie sie etwa in 1 Kor 11, 1 Tim 2 oder 1 Petr 3 zum Ausdruck kommen, durchaus als erneute, wenngleich durch den personalen Gedanken der Agape abgemilderte Anpassungen an ein von patriarchalem Rangordnungsdenken beherrschtes Gesellschaftsverständnis werten müssen.«
Schubert, Geschlechtergeschichte, S. 62.
Hume, Basil Kardinal, Gott suchen, übers. v. Athanasius Dudli, Einsiedeln: Johannes 1979 [Christliche Meister 1], S. 240.

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