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Ganz Mensch sein · Aug 5, 2026

Ein Spiel über das Leben und die Ewigkeit

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Uwe Alschner · Ganz Mensch sein

Siggi Ober-Grefenkämper: Liebe Hörerinnen und Hörer von OS Radio 104,8, haben Sie schon einmal etwas von Nikolaus von Kues und dem Kugelspiel gehört? Wenn nicht, möchten wir das in der 20. Ausgabe von Radio IBYKUS unbedingt ändern. Wir, das sind Uwe Alschner und ich, Siggi Ober-Grefenkämper, die Sie herzlich willkommen heißen und in gewohnter Weise an jedem ersten Donnerstag im Monat die Sendeverantwortung für Radio IBYKUS übernehmen. In unserem Format besprechen wir nicht nur klassische Themen aus Literatur und Musik, sondern stellen auch historische Persönlichkeiten in den Fokus, deren Bedeutung über Jahrhunderte nicht verloren gegangen ist. Denn ein Blick zurück auf Menschen aus anderen Epochen und der Vergleich verschiedener Lebensläufe schult den Blick für Manipulation und Propaganda und fördert das kritische Denken. Außerdem kann die Beschäftigung mit Personen aus der Vergangenheit helfen, aus Fehlern zu lernen, menschliches Verhalten besser zu verstehen und Orientierung für das eigene Leben zu gewinnen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der eingangs erwähnte Nikolaus von Kues und das Kugelspiel. Wie der Universalgelehrte mit seinen Konzepten, Ideen und seiner religiösen Toleranz das moderne Denken tiefgreifend mitgeprägt hat, besprechen wir nach dem ersten Musiktitel, den mein Kollege Uwe Alschner gleich ankündigen wird.

Hallo lieber Uwe, herzlich willkommen in der 20. Ausgabe von Radio Ibikus. Ich freue mich auf einen informativen und spannenden Dialog mit dir und bin auch gespannt, welche Musik du für unsere heutige Sendung ausgewählt hast.

Uwe Alschner: Ja, hallo lieber Siggi, hallo liebe Hörerinnen und Hörer, hier zu Radio IBYKUS, auch von meiner Seite. Musik hören wir heute von Karl Stamitz, der ist nicht aus der gleichen Zeit wie Nikolaus von Kues, da kommen wir gleich noch dazu. Karl Stamitz lebte im 18. Jahrhundert, ist ein Vertreter der sogenannten Mannheimer Schule, ein sehr bekannter Komponist zu der Zeit, also ein Zeitgenosse von Mozart und auch von Beethoven. Und wir hören jetzt hier das Klarinettenkonzert in B-Dur und daraus zunächst mal den ersten Satz, das Allegro.

Siggi Ober-Grefenkämper: Liebe Hörerschaft, zentrales Thema der aktuellen Ausgabe von Radio Ibikus sind der Mathematiker, Philosoph und Theologe Nikolaus von Kues und sein Kugelspiel. Und das hat einen Grund: Als mein Kollege Uwe Alschner vor einigen Wochen bei einer Veranstaltung das Kugelspiel vorstellte und ich ohne großes Vorwissen daran teilnahm, stand für mich schnell fest: das ist ein Thema für Radio IBYKUS, weil die die Spuren des Spiels und des Entwicklers Nikolaus von Kues, auch Nikolaus Cusanus genannt, bis in unsere Gegenwart reichen und uns beispielsweise mit Fragen wie “Was macht einen Mensch unsterblich” und “ist es die Macht, das Wissen oder der Mut, die Welt neu zu denken” konfrontiert.Ein komplexer und wichtiger Gesprächsstoff, den wir uns für heute vorgenommen haben, schauen wir mal, ob eine Sendung dafür ausreicht. Darum genug der Vorreden und auf zur ersten Frage. Uwe, zunächst eine persönliche Frage. Welche Bedeutung hat der Mensch Nikolaus von Kues für dich und was hat dein Interesse an ihm geweckt?

Uwe Alschner: Naja, also vielleicht fangen wir mal mit der Person von Kues selbst an, bevor wir besprechen, was das für mich für eine Bedeutung hat. Kues ist jemand, der durchaus auch den einen oder anderen etwas sagen dürfte, denn er ist der Namensgeber des katholischen Begabtenförderungswerkes, des Cusanuswerks. Und es sind ja viele Hörerinnen und Hörer katholisch, und der eine oder andere, die eine oder andere mag davon auch vielleicht sogar selber in den Genuss eines Stipendiums vom Cusanus-Werk gekommen sein. Das heißt, diesen Personen wird ganz sicherlich Cusanus, also sprich Nikolaus von Kues, etwas sagen. Aber auf der anderen Seite ist es schon richtig, er ist ansonsten relativ wenig bekannt. Er ist ein Mensch, der im 15. Jahrhundert lebte, also 1401 geboren wurde, wenn ich das richtig erinnere. Er wurde in Bernkastel-Kues an der Mosel geboren und daher stammt dann auch sein Name Nikolaus Cusanus, also der Cusaner, derjenige, der aus Kues stammt, denn sein eigentlicher Familienname lautet nicht Kues, sondern eine mittelalterliche Schreib- und Sprechweise des Namens Krebs, also eigentlich heißt er Nikolaus Krebs. Er ist ein Spross einer Winzer- und Reederfamilie, also sein Vater war Weinbauer und auch Weinhändler. Er hat den Moselwein, den er selbst erzeugt hat und wahrscheinlich auch andere Weine eben dann auch transportiert, die Mosel rauf, die Mosel runter, und Das heißt, dieser Moselwein ist ja eine große Köstlichkeit, sehr wertvoll und dementsprechend war auch die Familie jetzt nicht völlig unvermögend, war aber eine bürgerliche, einfache Familie.

Und Nikolaus ist dann als Schüler auf die Schule der Brüder vom Gemeinsamen Leben gekommen. Und das ist etwas, was mich eben persönlich auch sehr interessiert hat.

Bruderschaftshäuser des Laienordens der Brüder vom Gemeinsamen Leben im Spätmittelalter. Quelle: Karel Vereycken

Die Brüder vom Gemeinsamen Leben wiederum war ein Laienorden, also eine Bruderschaft, die jetzt nicht irgendwie mönchisch ein Gelübde abgelegt hat, aber die auf der anderen Seite tief bewegt und beeindruckt war vom Leben Christi, vom Leben Jesus Christus. Und die wurde gegründet von einem Bürger der Stadt Deventer im heutigen Holland. Holland gab es als Land damals nicht. Es waren Grafschaften und Fürstentümer des Deutschen Reiches. Und Deventer, da lebte die Familie Groote. Und der Gerrit Groote, der hat in den 70er Jahren des 14. Jahrhunderts, 1378, glaube ich, so etwas, hat er diese Brüderschaft vom Gemeinsamen Leben mit seinem Erbe gegründet, um da Christus nachzufolgen in der Nächstenliebe und in der Sorge, in dem Pflegen der Beziehung zu einer jeden Seele, also eines jeden Menschen. Und es war damals gemeint, dass er insbesondere Waisen erzogen hat. Weil die ansonsten, wenn Kinder ihre Eltern verloren, waren sie tatsächlich im Prinzip hilf- und mittellos und kamen unter die Räder.

Und diese Brüder vom gemeinsamen Leben haben dann eben [Bruderschaftshäuser mit] Schulen gegründet. Erst in Deventer, dann in Zwolle und dann hinterher in vielen Städten des Reiches, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation damals. In Osnabrück gab es auch hinterher eine Schule der Brüder vom Gemeinsamen Leben. In Münster gab es die, noch eine Reihe weiterer Städte in der näheren und weiteren Umgebung, Paderborn und dergleichen. Jedenfalls war Nikolaus von Kues auch, obwohl er kein Waise war, ein Schüler, Bei diesen Brüdern vom gemeinsamen Leben und hat dort nicht nur eine tiefe Frömmigkeit, die nannte sich eben damals “Devotio Moderna”, also die moderne Frömmigkeit der Zeit, sondern auch eine sehr gründliche, klassische Bildung erfahren. Die Brüder vom gemeinsamen Leben haben hinterher bis etwa 1510, 1515 haben sie tatsächlich existiert und dann kamen die Wirren der Reformationszeit, Aber aus dieser Schule der Brüder vom gemeinsamen Leben stammen viele andere große Geister, woran man sieht, wie wertvoll und wichtig diese Brüder vom Gemeinsamen Leben mit ihrer Arbeit und ihrem Ansatz waren. Unter anderem gehörten dazu Erasmus von Rotterdam selbst, Johannes Gutenberg und viele weitere, die von den Brüdern direkt oder indirekt beeinflusst worden sind.

Nikolaus von Kues ist direkt ein Schüler der Brüder vom Gemeinsamen Leben und hat dies auch sein ganzes Leben lang in seiner Arbeit dann auch beherzigt. Er hat Theologie studiert und ist dann nicht in die wissenschaftliche Lehre gegangen, sondern er ist Priester geworden und hat sich unter anderem eben auch dann mit theologischen Fragen tief beschäftigt. Er hat als solches auch dann an den Konzilen, an verschiedenen Konzilen, also mittelalterlichen Konzilen der damaligen Zeit, unter anderem eben dem Konzil von Basel teilgenommen, wo er Theologische Gutachten verfasst hat und dann auch den Päpsten, einer Reihe von Päpsten in dieser Zeit, aufgefallen ist und sich letztendlich in den päpstlichen Dienst hat nehmen lassen. Und als solches dann eben auch verschiedene Hierarchiestufen durchlaufen. Er ist Bischof geworden, Bischof von Brixen und dann hinterher auch Kardinal der römischen Kirche, also selber Mitglied des Kollegiums, welches dann die Päpste gewählt hat. Insofern war er ein sehr, sehr einflussreicher Mann, der eben, und das ist das Besondere aus meiner Sicht, tief geprägt war von diesem humanistischen [Geist], von Nächstenliebe, und von dem Dienst am Nächsten, am Allgemeinwohl orientierten Geist. Das ist Nikolaus von Kues.

Und er hat, das hast du in der Anmoderation auch erwähnt, er hat da verschiedene Aspekte behandelt. Er hat nicht nur theologisch gearbeitet, sondern er hat auch philosophisch und letztendlich auch mathematisch verschiedene Prinzipien formuliert, entdeckt und in den Diskurs gegeben, sodass er mit diesem Werk - insgesamt ist es ein sehr großes Werk, er hat verschiedene Bücher geschrieben - da auch nachhaltigen Einfluss auf die Geistesgeschichte und Kulturgeschichte des gesamten europäischen Raumes ausgeübt hat. Und das ist es, was auch hier beim Kugelspiel zu beobachten und erfahrbar ist, weil in diesem Spiel wiederum, welches am Ende seines Lebens entstand, 1462, 1463, hat er den “Dialog über das Kugelspiel” geschrieben, dem die Entwicklung dieses Spiels selbst vorausgegangen ist, und in diesem Spiel hat er im Prinzip sein gesamtes geistiges Werk verarbeitet, auf spielerische Weise zugänglich gemacht, aber eben in einer Tiefe, die beeindruckend ist. Eine Tiefe, die sich nicht sofort aufdrängt, weil es eben ein kleines harmloses Spielchen ist scheinbar. Auf der anderen Seite aber eben so viele Facetten, so viele Dimensionen enthält, dass da unglaublich viel drin ist.

SO: Uwe, danke für deine ersten Ausführungen. Noch eine letzte Frage in diesem Block. Es heißt ja, du hast das eben auch schon angesprochen, dass der von Kues sich nicht nur der Theologie gewidmet hat, sondern auch der Mathematik und Naturphilosophie und, so steht es geschrieben, “bahnbrechende Ideen der Neuzeit vorwegnahm.” Sind seine Werke, seine Thesen, alles, was er verschriftlicht hat, so modern und umfassend, dass man dieser Aussage zustimmen könnte?

UA: Ja, ich denke schon, also sie sind insofern modern, auch wenn sie nicht im modernen Bewusstsein mit seinem Namen verankert sind, so sind sie dann doch letztendlich hochmodern. Also zum Beispiel hat Kues das Prinzip der Zustimmung der Regierten zu ihrer Regierung, also sprich Demokratie, formuliert. Nun ist Demokratie ein antikes Konzept, aber in dieser Begründung, auch in dieser staatsphilosophischen, staatsrechtlichen Begründung, ist dieser Gedanke der Zustimmung, “consent of the governed”, heißt es hinterher dann auch in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, und in der Verfassung danach. Das ist ein hochmoderner Gedanke, den man bei Kues im 15. Jahrhundert zunächst einmal gar nicht vermutet hätte, weil man denkt, das ist ein finsteres Mittelalter. Die haben alle mehr oder weniger da nur ihre Spielchen gemacht, ihre Kultur gelebt, so wie man sie aus Hollywood-Schinken à la “Der Name der Rose” kennt, mit okkulten Nebenschauplätzen und so etwas. Aber nein, nein, Nikolaus von Kues war ein ein hochmoderner, auf interkulturellen Austausch bedachter Mensch, also die Verbindung nach dem Osten, also nicht nur die Ostkirche, sprich die griechisch-orthodoxe Kirche, sondern auch die Kulturen dahinter, China und dergleichen. Das ist alles, was von Nikolaus von Kues maßgeblich mitbefördert wurde.

Denn zum Beispiel eben Gutenberg, den wir schon erwähnt haben, Gutenberg und Kues kannten sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit aus Mainz, denn sie lebten und wirkten zeitgleich in Mainz. Und der Buchdruck, also die Druckerkunst, war ja schon bei den Chinesen bekannt, nicht in der Weise, wie sie hinterher Gutenberg dann in seiner Druckerpresse angewendet hat. Das heißt, Gutenberg hatte schon einen eigenen innovatorischen Anteil dabei, aber die Grundsatzidee des Drucks ist eben nicht bei Gutenberg entstanden, sondern die war schon in China. Und über die Handelsbeziehungen zwischen China und Konstantinopel, also Byzans, wo Kues wirkte, weil er die Ost- und Westkirchen zusammenbrachte und eben auch Reisen dorthin unternahm, kam Kues mit diesen Künsten, mit diesen Dingen in Kontakt und hat sie dann mitgebracht. Und insofern ist da ein direkter Wissenstransfer mit dem Namen Kues zu verbinden, über den heute kaum etwas bekannt ist. Und auch die Vorgeschichte der Innovation von Gutenberg ist insofern auch in dieser Weise unbekannt. Es sind wichtige Aspekte unserer kulturhistorischen, kulturphilosophischen, aber eben auch dann theologischen, christlichen Geschichte sind einfach erwähnenswert und unbedingt wertvoll.

SO: Vielen Dank, Uwe, für diese wirklich hochinteressanten Informationen über Nikolaus von Kues. Was hören wir jetzt aus deiner Playlist?

UA: Ja, wir hören nochmal aus dem Konzert für Klarinette in B-Dur [von Stamitz] den zweiten Satz, das ‘Andante Moderato’.

SO: Liebe Hörerinnen und Hörer von OS-Radio 104,8, weiter geht es in der 20. Ausgabe von Radio IBYKUS im Gespräch von Uwe Alschner und mir über Nikolaus von Kues und sein Kugelspiel. Uwe, ein berühmtes Buch von Nikolaus von Kuhs nennt sich ‘Vom Sehen Gottes’. Ist der Titel Programm, erklärt er uns darin seine Sichtweise auf Gott und gibt uns womöglich auch die Möglichkeit, damit uns Gott zu nähern?

UA: Also tatsächlich, um da Missverständnisse von vornherein vorzubeugen, Nikolaus von Kues hat sich sein gesamtes Leben hindurch zwar nicht ausschließlich, aber immer mit der Frage des Verhältnisses des Menschen zu Gott beschäftigt. Er war ja eben auch Kleriker, er war hinterher Kardinal, aber er hat sich, aufbauend auf seiner Erzeihung bei den Brüdern vom Gemeinsamen Leben, die ihrerseits ja die ‘Nachfolge Christi’ - also ein weiterer bekannter Vertreter dieser brüder vom Gemeinsamen Leben ist Thomas von Kempen, also Kempen am Niederrhein, wo heute noch ein Denkmal für Thomas von Kempen steht - der hat das Buch geschrieben ‘De Imitatione Christi’, also von der Nachfolge oder dem Gleichtun des Wirkens Christi und davon war Kues strak geprägt. Das heißt, dieses Verhältnis zwischen dem Mensch und seiner metaphysischen Anbindung, seiner transzendenten Anbindung an die Kraft, die größer ist als alles Natürliche, davon war Kues die ganze Zeit begeistert und eben auch durchdrungen. Alle seine Bücher handeln von Fragen in diesem Kontext. Ob das nun die ‘Docta. Ignorantia’ ist, also ‘vom gelehrten Nichtwissen’ heißt es auf Deutsch übersetzt, wo er sich auch mit diesen Aspekten beschäftigt, ob das die ‘Concordantia Catholica’ ist oder eben auch dann hinterher das Kugelspiel selber. Er hat sich im Kern nur mit dieser Frage beschäftigt: Was ist diese Welt? Wo kommt diese Welt her? Und wie können wir das fassen, was eigentlich nicht zu fassen ist? Denn wir sind ja eben Wesen, die haben eine gewisse Vernunft, die haben eine Vernunftbegabung, nicht eine gewisse, sondern eine sehr hohe Vernunftbegabung. Wir haben einen Verstand, also eine Ratio, die uns von den Tieren unterscheidet. Und wir können über uns und unsere Umwelt nachdenken, abstrakt nachdenken. Aber wir wissen letztendlich nicht wirklich, wie das, was unser Ursprung ist, konkret aussieht. Man kann sich kein Bild von Gott machen. Das ist im Letzten unbegreiflich. Und trotzdem ist es etwas, was sich aufdrängt als ganz konkreten, unmittelbaren, relevanten Gegenstand unseres Lebens, die Mitte unseres Lebens.

So geht es dann auch in einem Kugelspiel. Da dreht sich alles um den Mittelpunkt des Lebens. Und der ist Christus, der ist Gott. Und da hat er sich mit beschäftigt. Auch das Thema der Dreifaltigkeit an sich, also Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, was im ersten Moment für jemanden, der das zum ersten Mal hört, sehr missverständlich sein kann, was sich in einer gewissen Weise auch hierarchisch anhören mag, was aber nicht hierarchisch gedacht und verstanden werden muss und wahrscheinlich auch nicht werden sollte, sondern wo ein Versuch ist mit Worten, mit menschlicher Sprache, mit Erfindungen, die wir gemacht haben in unserer Unvollkommenheit... - das ein weiteres Prinzip, also die göttliche Vollkommenheit, alles umfassend und jede Möglichkeit ausschöpfend. Gleichzeitig aber der Mensch mit Potenzialen, die aber nicht alle gleichzeitig verwirklicht werden können, sondern nur eins nach dem anderen und trotzdem immer fehlbar, immer verbesserungsfähig bleibt.

So, und diese Diskrepanz, das zu verstehen, ist kaum möglich. Verstehen ist das eine, aber auszudrücken ist eben ganz schwer möglich. Und trotzdem ist es nach Meinung von Kues wichtig, um nämlich auch immer wieder diese Rückbindung zu haben, diese ethische, moralische Komponente, von der wir aus dem Evangelium, in der Bibel eben hören, wie Jesus, der Mensch gewordene Gott, das lehrt und predigt. Und der uns damit ein Vorbild ist, ein wirklich vollkommenes Vorbild. Jesus als Ideal des Menschen und der uns zur Nachfolge aufruft, im Bewusstsein unserer letztendlichen Unvollkommenheit. Das heißt, dieses Ideal können wir nur anstreben, ohne es jemals zu erreichen. Da sind wir dann ja auch wiederum ganz nah bei dem, was zum Beispiel Friedrich Schiller auch ausdrückt in der Kunst. Der Mensch mit Potenzialen, “ein Weg, der nie zum Ziele führt.” “Auch deswegen haben wir diesen Aspekt heute, oder dieses Thema gewählt, Nikolaus von Kues, der zwar nicht in der Klassik des 18. Jahrhunderts, der eigentlichen Epoche der Klassik gelebt hat, aber mit seiner Denke, mit seiner Grundlage natürlich diese Klassik maßgeblich mit beeinflusst hat. Und darum geht es ja, diese Verbindung herzuziehen, dass es eben klassisch zeitlos ist, die Wortbedeutung an sich, universelle, ewiggültige Prinzipien vom Verständnis dieser Welt, die sind da, auch wenn wir sie nicht in allem perfekt ausdrücken können, so wie ich jetzt hier auch mich schlecht als recht mühe in einer Live-Sendung das zu erzählen, was in vielen Büchern sozusagen niedergeschrieben ist und systematisch dann auch verfasst ist, das sind Versuche, da dann einen Griff zu kriegen, also uns einen Begriff zu machen, um unser eigenes Handeln in diesem Kontext ganz bewusst zu sehen und dann eben auch danach zu entscheiden.

SO: Uwe, ich finde schon, dass du sehr gute erklärende Worte dazu gefunden hast. Ich habe bei der Vorbereitung der Sendung ehrlich gesagt, also dieses komplexe Thema, die Vermischung Theologie, Geometrie, Naturphilosophie nicht richtig verstanden. Vom Grund her, von der Kernaussage, ja, aber das zu erklären, das ist schon ‘ne Ansage. Nichts desto trotz: Gönne dir jetzt eine kleine Pause und wir hören jetzt Musik, den weiteren Titel aus deiner Playlist.

UA: Ja, das Karinettenkonzert, das schließen wir jetzt ab mit dem dritten Satz, ‘Tempo di Minuetto’, Karl Stamitz ist der Komponist und gespielt wird das vom Kurpfälzischen Kammerorchester unter der Leitung von Jiri Malat.

SO: Zurück bei Radio IBYKUS spricht Siggi Ober-Grefenkämper weiter mit Uwe Alschner über Nikolaus von Kues. Jetzt geht es aber in diesem Block speziell um sein sogenanntes Kugelspiel. Uwe, Cusanus beschreibt Gott als die unendliche Linie und leitet daraus zentrale Eigenschaften Gottes ab. Ist das schon die Brücke, die er gebaut hat, um das Kugelspiel verstehen zu können? Ja, das ist eine komische Frage und jeder, der so hört, denkt, was ist denn jetzt los?

UA: Naja, auch die Einleitung ist ein bisschen ungewöhnlich. Er bezeichnet Gott nicht nur als die unendliche Linie, sondern die Unendlichkeit, die sich auch in der Linie denken lässt, die aber im Punkt beispielsweise noch viel unmittelbarer enthalten ist, weil der Punkt wiederum auch als Kreis gedacht werden kann. Und da sind wir dann tatsächlich beim Kugelspiel, was ja eine Spielfläche hat, die in konzentrischen Kreisen erst einmal gestaltet ist. Also wie eine Zielscheibe im Kern sieht das aus, aber es ist keine Zielscheibe im eigentlichen Sinne, auf die geschossen wird, sondern in der eine Kugel gerollt, geworfen wird. Und diese Kugel hat eine Besonderheit, und zwar diese Besonderheit, dass sie nicht wirklich rund ist, sondern eine Delle hat.

SO: Aus was besteht denn die Kugel?

UA: Ja, das ist nicht ganz so entscheidend. Die Kugel besteht aus Holz. Sie könnte theoretisch auch aus anderen Materialien bestehen, aber damals im Mittelalter war Holz der einzige Werkstoff, in dem man so eine Kugel drechseln konnte, also mit Handwerkskunst. Der Drechsler kann so etwas herstellen, konstruieren, das heißt in einer exakten Kugelform. Aber ‘Exakt’ ist dann wiederum eines der Themen: also die ‘Abbildung’, also das ‘Urbild’ ist die gedachte Kugel. Da können wir uns die Vollkommenheit im Runden denken, aber auch die Ausführung wird durch den Werkstoff Holz, der Maserungen enthält, der Astlöcher enthält, was auch immer, wird eine solche Kugel nie perfekt rund sein. Da ist dann schon das erste oder eines der ersten Aha-Momente: die physische Welt, die geschaffene Welt, die ist imperfekt. - Für mich muss eine Kugel rund sein. -Ja, sie ist ja auch rund. Sie enthält die Rundheit. Darüber spricht er dann: das Ideal, das Vorbild ist im Abbild enthalten. Das heißt, die Kugel, die vom Drechsler gemacht wird, ist umgangssprachlich rund. Wenn man sie unter einem Elektronenmikroskop betrachten würde, würde man da auf der Oberfläche unzählige Unebenheiten, Vertiefungen immer noch finden, die dann das Thema der exakten Rundheit relativieren und letztendlich philosophisch betrachtet zu dem Ergebnis führen, dass es diese Rundheit in ihrer idealen Form so nicht gibt. Das ist eines der Argumente oder eines der Ziele, dahin zu kommen. Das erstmal zu verstehen, dass wir einem Vorbild entstammen, einem Vorbild nachfolgen, einem Vorbild nacheifern, eine Idee haben, die ideal vollkommen gedacht sein kann, in der Ausführung, aber niemals so perfekt ist, als dass sie nicht noch perfekter sein könnte. Und trotzdem ist sie perfekt, wiederum vom Wortsinne heißt es, es ist vollbracht. Also lateinisch perfekt ist das, was vollbracht ist. Und die Schöpfung ist von Gott perfekt gemacht, vollkommen gemacht, aber das Geschöpf selber ist wiederum nicht perfekt, sondern es ist ein Werk, ein Geschöpf im Werden. Es vergeht, es war irgendwann mal nicht, dann wurde es geschaffen, dann kommt es ins Werden, es kommt ins Sein. Und es vergeht dann irgendwann wieder. Und dazwischen verändert es sich. Man kennt den Spruch von [Heraklit], ‘man steigt niemals zweimal in denselben Fluss’, weil die Wassermoleküle immer andere sind. Da kommt es auch vor.

Das sind also keine philosophischen Gedanken, die jetzt bei Nikolaus von Kues einzigartig wären. Im Gegenteil, er baut ja auch auf den griechischen philosophischen Texten auf. Aber vom Gedanke ist es genau dieser... Ja, dieser Stolperstein, dieser mentale Stolperstein, sich klar zu werden, was das bedeutet, eben sich seiner eigenen Unvollkommenheit demütig bewusst zu werden, trotzdem selbstbewusst zu sagen, ‘ich gebe mein Bestes’ und dieses Beste ist dann zum Beispiel auch erst einmal gut genug, wenn es wirklich ehrlich das Beste war, was man geben wollte.

So, und das sind einzelne Aspekte, die in diesem Spiel sind. Aber es ist dann tatsächlich sehr, sehr komplex, wenn man da tiefer einsteigen will. Das heißt, die Schichten, die haben Bezeichnungen, die Kreisumfänge im Verhältnis zum Mittelpunkt, darüber kann man nachdenken, was sich darin auch verbirgt an Erkenntnissen. Das können wir jetzt gar nicht in dieser Sendung alles erschöpfend behandeln. Die Faszination für mich geht dabei von aus eben von dieser unglaublichen Tiefe, die letztendlich aber mit der eigentlichen Frage, ‘wer bin ich, wo komme ich her, wo strebe ich letztendlich hin’ [verbunden sind], auch das Thema Endlichkeit des Lebens spielt dabei eine Rolle, dass wir uns eben auch bewusst werden, dass dieses Leben in dieser physischen Form nicht das absolute Sein ist, sondern nur eine Etappe in einem Kontext, den man viel weiter denken kann und vielleicht auch sollte. Und damit auch das eigene Handeln in einem moralischen, ethischen Maßstab einzubetten und zum Beispiel an die Nachwelt zu denken, aber auch an die Vorfahren, das kulturelle Erbe, den Beitrag, den man leisten kann, um dieses Werk zu verbessern -- nicht zu perfektionieren in diesem absoluten vermessenen Anspruch. Nicht zu sagen, das ist meine Meisterschaft und besser geht es nicht. Doch, es geht immer noch etwas besser! Und genau darum geht es eben auch.

SO: Uwe, wenn ich mir das jetzt bildhaft vorstellen soll, das Kugelspiel, ich brauche dazu Kreise und diese Kugel. Wie viele Kreise sind das denn, wenn du jetzt einer bildhaften Sprache der Hörerschaft das erklären müsstest?

UA: Ja, also auch darum geht es zum Beispiel in diesem Buch, was dem Spiel ja zugrunde liegt, ‘Dialog über das Kugelspiel’, 1463 abgeschlossen. Kurz vor dem Tode von Kues abgeschlossen, geht es zum Beispiel auch um die Frage, “Kardinal, warum hast du hier diese Anzahl von Kreisen gemalt? Ist das Zufall oder ist das...” So, und dann kommt man dahin, dass es neun Kreise sind. Plus der Mittelpunkt, der wiederum, und das ist die philosophische, theologische Besonderheit: der Mittelpunkt ist Kreis und Mittelpunkt in einem! Weil er ist sowohl denkbar als kleinster Umfang eines Punktes. Wenn ich irgendwo einen Punkt setze, ist da ja auch eine runde Idee dahinter. Und trotzdem geht es nicht kleiner. Es geht aber auch dann, wenn das der Ursprung ist, in dem alles enthalten war, aus dem alles stammt und folgt, geht es auch nicht größer. Dann ist dieser kleine Punkt ‘Der Zusammenfall der Gegensätze’, ein weiteres [Kernprinzip] von Nikolaus von Kues.

SO: Also das Zentrum ist der Mittelpunkt?

UA: Ja, nicht nur das Zentrum, sondern auch das Maximum. Weil wenn aus diesem Kleinen “alles” stammt, dann ist nichts Größeres als dieses Kleine denkbar. Denn alles, was ist, muss ja daher kommen. -- Dann verstehe ich das. -- Ja, und das ist der Zusammenfall der Gegensätze, wo man mit den ... und das ist ein weiterer Aspekt dann: die Kreise haben Bezeichnungen, haben bestimmte Kräfte und die Ratio, unser logisches Denken, ist eine hochentwickelte Fähigkeit, die die niederen Stufen des Lebens so nicht haben, aber das ist lange nicht die höchste, weil diese Ratio ist begrenzt auf unsere physische Wahrnehmungsfähigkeit, aber unser geistiges Auge kann erkennen, dass dahinter noch mehr denkbar ist, zum Beispiel der Zusammenfall der Gegensätze, wo auf einmal der kleinste Punkt, den man sich denken kann, auf dem nicht einmal die Kugel zu liegen kommen kann, weil er so klein ist, dass er Dass die Kugel einfach links oder rechts dann übersteht, trotzdem gleichzeitig das Größte ist. Und das ist Gott. Gott ist der Ursprung und das Ziel von allem. Jesus Christus spricht, ich bin im Vater und der Vater ist in mir. Das ist dieser Gedanke dahinter. Jesus spricht da als Mensch, er spricht gleichzeitig als Gott, Als Gott, der ein Gott nur ist, zwar in dreifacher Gestalt, aber es ist nur ein Gott. Die Christen glauben nicht an mehrere Götter, sondern es ist nur ein einziger Gott, der aber drei Gestalten hat. Und eine dieser Gestalten ist ‘der Sohn’, Jesus, der Mensch, ist der ‘Heilige Geist’, die dritte Komponente, und ist ‘der Vater’, der Ursprung des Lebens. Und das ist nun auch etwas, was jetzt nicht in diesem Sinne... Genderspezifisch eine Männerdominanz ist, Gott ist nicht männlich, Gott ist männlich und weiblich gleichzeitig. Auch da ist der Zusammenfall der Gegensätze enthalten. Aber es ist dann die Idee der damaligen Zeit, die Sprache der damaligen Zeit, in der Vater, Sohn und Heiliger Geist eins sind, gleichzeitig aber dann auch in allem sind. In jedem Menschen, in jedem Wesen ist Gott drin, weil aus dem ist alles ja gekommen. Muss es also drin sein, die Idee, das antike platonische Denken, die Urform und das Abbild. Das Abbild wiederum ist nie so perfekt wie die Urform. Und darüber kann man endlos nachdenken. -- Das denke ich mir. --Es hat eine demütigende, also sprich eine zu Demut, Bescheidenheit, hinführende Wirkung und das ist einer der Punkte, sich selber nicht so wichtig zu sehen, sich selber als Mensch nicht zum Maß aller Dinge zu machen, sondern zu erkennen, dass da eine Schöpfung ist, die viel, viel größer ist als wir, die wir in ihrer kompletten Funktionsweise nie verstehen werden, wo wir aber zum Beispiel den einzelnen Aspekten sehr wohl nachforschen können, vielleicht auch wollen oder sollen, trotzdem aber nicht alles machen sollten, was wir theoretisch machen könnten, weil da wiederum diese moralische Komponente ist, “ist das, was wir könnten, ist es gut oder ist es nicht gut?” Das sind also Aspekte, die eben unglaublich tiefsinnig sind, philosophisch sind in diesem Sinne, aber sie sind auf der anderen Seite dann auch geistig, theologisch, metaphysisch, transzendent.

SO: Ja, aber letztendlich geht es doch nicht nur um Theologie, Glauben oder so, sondern auch um das Menschsein an und für sich. Ist das richtig? Um den Mensch an und für sich. Komische Frage jetzt, ne?

UA: Aber was ist der Mensch? Woher kommt der Mensch? Was ist das, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht? Und insofern kann man jetzt hier sagen, der Mensch ist das, was er werden soll. So wie es sich in der Idealfigur Jesus Christus gezeigt hat. Gleichzeitig ist es klar, dass diese Idealfigur niemals erreicht wird. Also wenn jemand auftritt und sagt, “ich bin es, ich bin die Weisheit in Person und ich habe es verstanden, ihr müsst alle auf mein Kommando hören”, wäre das etwas, was in dieser Form höchst fragwürdig wäre. Weil das war, das ist nur... Jesus gewesen, Gott gewesen. Und auch da ist man in so einer kurzen Sendung immer in Gefahr, dass man da missverstanden wird. Das möchte ich jetzt einfach ausdrücklich auch betonen. Darum geht es mir nicht, diesen absoluten Anspruch zu erheben, das jetzt voll auslegen zu können. Aber die Beschäftigung mit dieser Thematik, mit diesem Werk von Kues, mit diesem Kugelspiel, weil es eben die Synopse, die Symbiose seines Wirkens ist in meinem Verständnis, es ist nicht zufällig am Ende seines Lebens entstanden, sondern da hat jemand, der dann schon betagt war und von Krankheit gezeichnet war und auch von Konflikten ermattet und und ermüdet, der hat da sein theologisches Vermächtnis letztendlich in dieses Spiel hineingegossen, über das man nachdenken kann, über das man nachdenken sollte, das leider in Vergessenheit geraten ist, weshalb auch da ein weiterer Aspekt ist, weshalb ich das gerne wieder Ins Bewusstsein zurückholen möchte.

SO: Uwe dann, ich hatte noch ein paar kleinere Fragen zu dem Spiel, aber ich denke mir, wir hören jetzt erst nochmal Musik aus seiner Playlist.

UA: Ja, wir hören jetzt also dann auch nochmal von Karl Stamitz ein weiteres Konzert und zwar ein Konzert für Horn und Orchester und daraus jetzt auch da den ersten Satz, das Allegro unter Jiri Malat mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester.

SO: Liebe Hörerinnen und Hörer von OS-Radio 104,8, Siggi Ober-Grefenkämper spricht mit Uwe Alschner weiter über das Kugelspiel von Nikolaus von Kues. Uwe, “Spiel”, damit verbinden die meisten Leute ja Gesellschaftsspiele. Und du hast das gerade gesagt. Das Spiel besteht aus neun Kreisen und einem Mittelpunkt und einer nicht ganz rund geformten Kugel, sondern einer Kugel mit einer Delle drin. Jetzt stelle ich mir vor, ich stehe vor den Kreisen und dann werden ja die meisten Leute denken, “Kann ich jetzt durch häufiges Üben so eine Art Meisterschaft gewinnen oder mir Geschicklichkeit dabei antrainieren” oder so? Oder geht es darum, mich vorbehaltlos einzulassen auf das Spiel? Spielen meine Gedanken bei dem Spiel, wenn ich jetzt davor stehe - ich habe es ja erlebt schon live - eine Rolle?

UA: Ja, die Gedanken spielen wahrscheinlich sicher eine Rolle, weil sie... auch unser Agieren mitbestimmen oder überlagern können. Aber das Spiel selber ist tatsächlich ein Begriff, der sehr vielschichtig und sehr spannend ist.Ich bin auf das Kugelspiel ohnehin aufmerksam geworden, weil ich sowohl bei Schiller als auch in einem anderen Kontext, haben wir auch schon mal drüber gesprochen, Simon Sinek.

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Nicht in dieser Sendung, aber in einem anderen Radioformat haben wir über “Das unendliche Spiel” als Buch von Simon Sinek, also ein Buch von 2019, glaube ich ist es oder 2018, ganz neuen Datums, da geht es um das unendliche Spiel, um das das Spiel als Grundmetapher für das Zusammenwirken von Menschen, was sich immer in Form eines Spiels abbildet. Und da gibt es nach Sinek, der sich wierum auch auf andere bezieht, gibt es nur zwei verschiedene Spiele. Nämlich einmal das ‘endliche Spiel’ mit festen Regeln und festen Maßstäben für Sieg oder Niederlage. Oder aber das ‘unendliche Spiel’, was keine festen Regeln hat. Wo die Regeln sich immer wieder verändern, wo es keinen Sieger gibt.Und das war der Punkt beim unendlichen Spiel von Sinek.

Schiller und das unendliche Spiel des Lebens

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February 8, 2025

Ich freue mich sehr, dass wir hier heute Abend zusammensitzen. Es ist ein Projekt, was zustande gekommen ist durch gute Freunde, die mit Mitarbeitern hier aus der Buchhandlung Sedlmair bekannt sind, und die sich darüber unterhalten haben, dass ich … also wir machen Radio, mein Kollege Sigi Ober-Grefenkämper und ich, wir haben in einer dieser Radiosendu…

Bei Schiller kommt das Spiel auch vor. ‘Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt, und er spielt nur, wo er ganz Mensch ist’. Und auch das ist dann eine philosophische Herausforderung, diesen Gedanken erst einmal zu denken und dann zu verstehen. Das hat natürlich damit zu tun, dass Schiller sagt, das Spiel, die Schönheit, das schöne Spiel ist das, was den Menschen in seiner Bipolarität des Gefühlsmenschen einerseits mit den Gefühlen, Gefahren, die im Gefühl liegen, einmal die Angststarre oder aber die Raserei, die wütende, gierige Raserei. Beides sind Extreme des Gefühls, die nicht wirklich zuträglich sind. Auf der anderen Seite ist der Mensch aber auch ein Verstandesmensch, also Ratio. Und auch das kann zu Extremen führen, also kalte, gewissenlose, ein kaltes Kalkül, eigenes Vorteilsdenken wäre auch etwas, wo die Ratio völlig missbraucht würde. Und die Symbiose zwischen diesen beiden Elementen des Menschseins für Schiller ist dann die Schönheit, das Spiel, welches Gefühl und Verstand miteinander harmonisiert und höher entwickelt, sodass hinterher jede Handlung automatisch vernünftig ist, das heißt das Gefühl handelt vernünftig und nicht rasend, sondern mit Bedacht. Und der Verstand handelt emotional vernünftig mit Wärme, Mitgefühl und dergleichen so und das ist eben Schiller.

Und bei Nikolaus von Kues ist es hier jetzt das Kugelspiel, was in gewisser Weise auch ein unendliches Spiel abbildet, nämlich das Leben als für den Menschen zwar mit endlichen Punkten der Geburt und des Todes irgendwie verbunden ist, aber der Tod wiederum sich erweist als etwas, was nur die Rückkehr zu einem Zustand ist, wie er zum Beispiel vorher war. Also die Ewigkeit, das ewige Leben in Christus, das ewige Leben in Gott ist ja dann eine Metapher auch für die Unendlichkeit, aus der wir stammen, mit der wir verbunden sind und zu der wir wieder hinstreben. Und damit auch eine gewisse Hoffnung, eine Verheißung, die in den Evangelien ja auch dann ausgedrückt wird. “Wer an mich glaubt, der wird des Todes nicht sterben, sondern er wird ewig leben.”

Und so ist dann diese Metapher des Kugelspiels, oder des Spiels an sich auch hier wieder vorhanden und hat auch was damit zu tun, dass man das Leben nicht als Schwere empfinden soll, selbst wenn es Härten beinhaltet. Dass man über die Rückbesinnung auf die transzendente und metaphysische Ebene eine gewisse Erleichterung, um nicht zu sagen Leichtigkeit finden kann. Und das ist alles, was hier auch enthalten ist und insofern ist dieses Spiel auch ein hoffnungsspendendes Spiel, was den Menschen wiederum zu seiner Menschlichkeit auch zurückführen kann. Menschlichkeit in einerseits dem nahezu unbegrenzten Potenzial, was in uns schlummert, gleichzeitig aber auch der nahezu unvermeidbaren Fehlbarkeit und Unvollkommenheit dann wiederum verbindet und uns damit ins Bewusstsein setzt. Das halte ich für interessante und nützliche Gedanken im Hinblick auf Ego-Gesellschaft, Ellenbogen-Kultur, aber auch Angst, Panikmache, die da draußen herrscht, wo alles nur noch auf dieses physische Dasein bezogen wird. ‘Man muss es im Leben zu etwas bringen’, ‘man muss sehen, wo man bleibt’, man darf nicht an andere denken, weil dann ist man der Dumme, ‘der Ehrliche sei der Dumme’, heißt es. Nein, das glaube ich nicht! Sondern das ist ein Ausdruck der Zeit, der Welt, in der man lebt und diese Welt ist geprägt von Gedanken. Aber diese Gedanken sind oftmals eben teilweise gedankenlos, weil sie nicht zu Ende denken, woher wir kommen, wohin wir gehen.

SO: Uwe, herzlichen Dank für diese hoffnungsvollen, zuversichtlichen Gedanken, mit Blick auf die Uhr ,zum Ende unserer Sendung. Denn ich glaube, uns bleibt nur noch die Verabschiedung, die ich dir ja regelmäßig überlasse. Ich sage schon mal vielen, vielen Dank für alles, was du uns an Ausführungen über Nikolaus von Kues und das Kugelspiel vermittelt hast.

UA: Herzlichen Dank, lieber Siggi, herzlichen Dank Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, für Ihr Interesse an dieser 20. Ausgabe von Radio IBYKUS. Sendeverantwortlich waren Siggi Ober-Grefenkemper und Uwe Alschner. Wir sprachen über Nikolaus von Kues und sein Werk »Das Kugelspiel«. Dazu gibt es eine Schrift, ‘Dialog über das Kugelspiel’ ist erschienen im Felix-Meiner-Verlag in Hamburg. Es ist nicht völlig anspruchslos, insofern, aber es ist sehr interessant und vielleicht möchten Sie das selber mal nachlesen.

Unsere nächste Sendung kommt am 3. September 2026. Wir freuen uns, wenn Sie dann wieder einschalten mögen um 18.03 Uhr hier nach den Nachrichten auf OS-Radio 104,8. Wir danken Frank Paul, unserem Kollegen, für Schnitt und Zusammenstellung dieser Playlist. Wir danken den Kolleginnen und Kollegen von OS Radio 104,8 für die Bereitstellung des Sendeplatzes im Rahmen des Niedersächsischen Landesmediengesetzes. Sie können diese Sendung nachhören, überall dort, wo Sie Podcasts finden und auch auf ganzmenschsein.substack.com. Bewerten Sie uns gerne dort, wo Sie uns hören, denn das hilft es, den Algorithmus günstig zu stimmen und anderen Menschen, diese Inhalte leichter zu finden.

Vielen Dank, machen Sie es gut, bis dann. Tschüss.

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