Eine Ausstellung des Filmmuseums Potsdam lässt 80 Jahre DEFA auf eigenwillige Weise Revue passieren: „Ohne Frühstück. Ohne Diskussion“ unternimmt den Realitätsscheck eines Kinos, das befangen war, aber immer auch leicht sein wollte
Foto: DEFA-Stiftung
Wenn man die Hälfte des Ausstellungsparcours zurückgelegt hat, gelangt man am Ende des Saales zu einer Kabine, die den wundersamen Namen „Schwindelbude“ trägt. Ihr Name ist rasch erklärt: So nannten viele Angestellte der DEFA ihren Arbeitsplatz in den Studios von Babelsberg. Das geflügelte Wort war nicht als Schimpf gemeint, aus ihm sprach vielmehr der amüsierte Unglaube von pragmatischen Handwerkern und Technikern, die einen gewissen inneren Abstand hielten zu dem, was in den Ateliers produziert wurde.
In der „Schwindelbude“, die für die aktuelle Ausstellung des Potsdamer Filmmuseums errichtet wurde, sind Ausschnitte aus Produktionen zu sehen, die eher untypisch für die DEFA waren: Sie dienten dem Eskapismus, der vergnüglichen Realitätsflucht.
Das Leichtfüßige, das Ausgelassene und Temperamentvolle fiel dem Kino der DDR eher schwer. Die Ausschnitte belegen jedoch hinreichend, dass die DEFA nicht nur die Traumfabrik der Partei war, sondern gelegentlich auch den Wunsch des Publikums nach Unterhaltung und filmischen Illusionen erfüllte.
Wie „volkstümlich“ waren die DEFA-Filme wirklich?
In der Dramaturgie der Ausstellung markiert die „Schwindelbude“ ein Intermezzo, bevor die BesucherInnen ihren Weg durch den zweiten Teil fortsetzen. Die Schau verfolgt durchaus didaktische Ziele. Sie überprüft, in welchem Ausmaß im Kino eine Selbstverständigung der DDR-Gesellschaft stattfand. Sie forscht nach Augenhöhe und Volkstümlichkeit der DEFA-Produktionen und geht der Frage nach, ob sich der Entwurf einer neuen Gesellschaft in der Alltagswirklichkeit bewährt hat.
Kurator Guido Altendorf hat die Ausstellung in rund einem Dutzend Stationen struktiert, die unterschiedlichen Themenkomplexen wie Emanzipation, Sex und Liebe, Kirche und Religion, der Wohnsituation sowie der Rolle der Kunst gewidmet sind. Ihnen sind jeweils vier Filmbeispiele zugeordnet, die eine inhaltliche Bandbreite schaffen sollen.
Alkoholismus und andere Lebensrealitäten
Altendorf setzt interessante, mitunter auch widerspenstige Akzente, im Komplex Essen und Trinken beispielsweise liegt ein sachtes Schwergewicht auf dem Alkoholismus. Die Auswahl der in Auszügen präsentierten Filme versammelt gestandene Klassiker wie Die Buntkarierten, Bis das der Tod Euch scheidet, Solo Sunny, Einer trage des anderen Last sowie Coming Out; ein Gutteil der Titel dürfte jedoch eher Kennern vertraut sein.
Die Filme korrespondieren mit unzensierten Selbstauskünften von DDR-Bürgern, die von der Staatlichen Filmdokumentation eingeholt wurden und seinerzeit nicht zur Veröffentlichung gedacht waren. Einige Aussagen klingen tatsächlich so, als würden die Interviewten frei von der Leber weg reden. Sie laufen auf einem Monitor, der die BesucherInnen am Entree empfängt und damit gleichsam das ideologisch-topographische Gegenstück zur „Schwindelbude“ bildet.
Der nonchalante Ttitel Ohne Frühstück. Ohne Diskussion – das kecke Zitat eines augenblicklich identifizierbaren Wolfgang-Kohlhaase-Dialogs aus Konrad Wolfs Solo Sunny – signalisiert bereits, dass der Kurator enormen Wert auf Zugänglichkeit legt. Alle Generationen dürfen sich angesprochen fühlen. Zum Filmpaket jeder Station gehört auch ein Kinderfilm. Konzert für Bratpfanne und Orchester passt prächtig zum Komplex Spaß und gute Laune; Moritz in der Lifasssäule wirft eine reizvolle Perspektive auf das Thema Rebellion und Rückzug. Zu Insel der Schwäne liefert die Schau eine hübsche sittengeschichtliche Anekdote: Den Eltern der Kinder, deren Kleidung beim Dreh im Matsch beschmutzt wurden, sagte die Produktion eine Entschädigung zu.
Die „Verbotsfilme“ sind unterrepräsentiert
Die Ausstellungsarchitektur zielt auf Anschaulichkeit. Jede Station ist mit Requisiten, Kostümen, Drehbuchauszügen oder Grundrissen der Dekors sowie atmosphärischen Produktionsfotos drapiert. Die Stücke erhellen oder vertiefen die Themen eher selten, sie dienen im Zweifelsfalle als Beglaubigungen des inspirierten Handwerks und der künstlerischen Sorgfalt, die in den Babelsberger Studios herrschten. Die Schau ist farbenfroh.
Insgeheim bricht sich hier auch der Wunsch Bahn, eine Kinematograhie zu entstauben, die nie unpolitisch sein konnte. Die kurze Tauwetterperiode 1965/66, als sich fast ein ganzer DEFA-Jahrgang aus dieser ideologischen Befangenheit löste und dafür in den Regalen landete, ist kaum präsent. Die Verbotsfilme, deren Rehabilitation erst 1990 stattfinden konnte, hätten größere Sichtbarkeit verdient, zumal in ihnen eine präzedenzlose Authentizität aufscheint. Mit Karla von Hermann Zschoche und Ulrich Plenzdorf ist dieser Korpus zwar einnehmend, aber doch etwas alibihaft vertreten.
Dabei entrollt die Ausstellung eigentlich ein breites Spektrum der Inhalte und künstlerischen Handschriften. In der Zusammenschau gelingt ihr eine erstaunliche Umdeutung des DEFA-Stils, bei dem Figuren und Konflikte in der Regel eminent bürokratisch konzipiert und die Drehbücher in einem trockenen, eigentümlich gedämpften Tonfall realisiert wurden.
Ihre Nüchternheit scheint plötzlich von den Filmen abzufallen: als seien sie auch damals schon temperamentvoll gewesen. Das DDR-Kino, das sein Publikum dazu anhielt, die Welt in Grauschattierungen zu sehen, scheint im munteren Ausstellungsparcours eine rätselhafte, frische Vitalität zu gewinnen. Die Eingeweihten werden ihn voller Nostalgie verlassen, die Übrigen mit skeptischer Neugier.
Ohne Frühstück. Ohne Diskussion. 80 Jahre DEFA-Filme. Bis 2.5.2027. Filmmuseum Potsdam

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