Zum einjährigen Jubiläum meines Blogs mal etwas Literarisches.
„Guck, Mama, ohne Hände!“, tönte die schrille Kinderstimme über das angenehme Surren der Zeppelin-Motoren hinweg.
„Marvin, jetzt schau doch mal aus dem Fenster! Da hinten sieht man schon Friedrichshafen“, gab Magda ruhig zurück, die haselnussbraunen Augen fest in die Ferne gerichtet.
Marvin hörte nicht auf zu quengeln und sprach jetzt lauter:
„Guck, Mama, ohne Hände!“.
Er zog die Mutter leicht an den blonden, langen Haaren.
„Hey! Ich möchte das hier jetzt genießen“, antwortete sie, ohne sich zu ihm umzudrehen.
Carsten, bis eben konzentriert mit der Nasenspitze an die große Fensterfront gelehnt, drehte betont langsam den Kopf und blickte über den Gang auf die gegenüberliegende Sitzreihe. Sechshundertzehn Euro bezahlte er für diese sechzigminütige Zeppelinfahrt über den Bodensee. Summiert hatten die Ablenkungen des kleinen Marvins ihn bislang mindestens fünf Minuten gekostet, in denen er die Fahrt nicht genießen konnte – und das waren fünfzig Euro, grob überschlagen.
Eigentlich wollte er sich über Geld keine Gedanken mehr machen. Hatte er sich vorgenommen. Als SAP-Berater im Wachstumsmarkt Heizkostenverteiler musste er das auch nicht, denn, wie die meisten Menschen mit langweiligen Jobs, verdiente er einen Haufen Geld. Geld, von dem das meiste einfach auf dem Konto deponiert lag – man weiß ja nie.
„Jetzt guck doch, Mama! Der fliegt komplett ohne Hände!“
Magda und Carsten blickten in Richtung von Marvins ausgestrecktem Zeigefinger ins Cockpit. Der Pilot lag nach vorne eingeklappt mit dem Kopf auf den Messinstrumenten, der Körper eingesackt, die Arme schlaff herunterhängend. Irgendwo piepste es.

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