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Substack von epikur · Jun 20, 2026

Kritik ist positives Denken

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epikur (ZG Blog) · Substack von epikur

»Immer musst Du alles so negativ sehen!« oder: »Du hast ja an allem etwas auszusetzen!« oder: »Musst Du immer so viel kritisieren?«, sind typische Sätze, die nachdenkliche und kritisch eingestellte Menschen, fast täglich hören. Leider ist die absurde Behauptung, dass kritisches Denken zwingend mit einer negativen Lebenseinstellung verbunden sei, nach wie vor fest in den Köpfen der Leute verankert.

Dabei verhält es sich genau umgekehrt: wer vor Armut, Ausbeutung, Unrecht, Repression und Krieg, die Augen verschließt und davon nichts wissen will, weil es doch so anstrengend und unbequem sei - der ist dem Leben wahrhaft negativ gegenüber eingestellt. Denn er hat die Hoffnung auf ein besseres Leben und auf eine bessere Welt bereits aufgegeben.

Kritik ist Hass
Das “neoliberal-eigennützige Biedermeier-Weltverleugner-Weltbild” oder “der rosarote Duckblick”, wie ich zu sagen pflege, richtet sich gemütlich in einem Paralelluniversum ein. In der Gartenlaube wird heile Welt gespielt. Auf Familienfeiern wird vermeintliche Harmonie und Mitmenschlichkeit zelebriert. Wie in einer hermetisch abgeschirmten Wasserglocke, wird alles was dort nicht hineinpasst, systematisch abgestoßen und verdrängt.

Zwangsharmonie und Zwangsoptimismus sind die heiligen Reliquien, in fast jeder Diskussionsrunde in der Familie oder auf der Lohnarbeit. Wer nicht im Meer der bigotten Angepasstheit mitschwimmen will, muss mit sozialer Ächtung rechnen. Der wird als Querulant, als Miesmacher oder als Pessimist geschnitten und gebrandmarkt. Denn es ist einfacher und bequemer, den Träger von alternativen oder kritischen Denk- und Sichtweisen zu verunglimpfen, als das eigene Weltbild zu hinterfragen oder gar die Wirklichkeit anzunehmen.

“In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.”

- Kurt Tucholsky (1890-1935), dt. Schriftsteller

Selbstdenken ist eine Verschwörungserzählung
Die Fähigkeit zur gesunden Neugier, einem Durst nach Horizonterweiterung, nach uneigennützigem Wissen, und die Bereitschaft zur Selbstreflexion, geht den meisten Menschen völlig ab. Unabhängig davon, wie banal, infantil oder absurd das eigene Menschen- oder Weltbild ist, so wird es doch als ganz persönlichen Besitz empfunden, den Niemand auch nur ansatzweise in Frage stellen darf.

Und so wird der Kritiker nicht nur als Klugscheißer, Besserwisser oder chronischer Nörgler hingestellt, sondern auch als ein gemeiner Dieb, als Räuber und Zerstörer des eigenen Wertesystems verurteilt. Dabei sind Intelligenz, Wissen, Bildung, Meinung, Weltbild und Kreativität, ständige Prozesse und keine festen Zustände. Sie alle sind stets im Wandel. Oder zumindest sollten sie es sein.

So zu tun, als würde man nicht beeinflusst und geprägt werden, als wäre die eigene Meinung, eine selbst erarbeitete Leistung, leugnet sämtliche massenmediale, pädagogische und sozialpsychologischen Erkenntnisse und Mechanismen der letzten 100 Jahre.

»Das Eingeschworensein aufs Positive wirkt als Schwerkraft, die alle hinunterzieht. Sie zeigt der opponierenden Regung sich überlegen, indem sie in die Verhandlung mit dieser gar nicht mehr eintritt.«

- Theodor W. Adorno. Minima Moralia. Suhrkamp Verlag. 8. Auflage 2012. S. 209

Einfalt ist Vielfalt
Wer gesellschaftliche Verhältnisse kritisiere, der sei unglücklich, frustriert oder verbittert, so lautet eine immer wiederkehrende Legende. Denn da es »uns doch gut gehen würde«, oder zumindest viel besser als den vielen Entwicklungsländern, muss zwangsläufig jeder, der dies in Frage stellt und die hässliche, menschenverachtende Fratze des Kapitalismus offen legt, von Grund auf, ein negativer Mensch sein. Ein Miesmacher, ein Pessimist und Nörgler. Dieser staatstragende und vorauseilende Regierungsgehorsam, denunziert jede abweichende Meinung, abseits vom Mainstream, als radikal, pessimistisch und verschwörungstheoretisch.

Warum ausgerechnet Leugnen, Ignorieren und Nicht-Wissen-Wollen sowie das komplette Ablehnen von Alternativen, Grundpfeiler einer positiven Lebenseinstellung sein sollen, erschließt sich mir bis heute nicht. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass die Liebe zur Weisheit, die Suche nach Ursachen und Lösungen sowie der stetige Drang nach Horizonterweiterung absolut lebensbejahende, und somit sehr positive, schöpferisch-kreative Eigenschaften sind.

Gehorsamkeit ist Optimismus
Wer infantile Jubelperser sehen will, muss nur den Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk einschalten. Wer gekaufte Ja-Sager attraktiv findet, soll sich Werbung reinziehen oder seinen Chef anhimmeln. Wer nur Bestätigung und Aufmerksamkeit sucht, soll sein WhatsApp-Profilbild alle zwei Tage ändern. Wer Leid, Elend, Armut und Ausbeutung, die der Kapitalismus täglich weltweit produziert, nicht wahrhaben und verdrängen will, soll sich in seinen mental-sozial-emotionalen Bunker einschließen. Das alles hat aber mit einer lebensbejahenden Einstellung und mit einem gesunden Verhältnis der eigenen inneren Mitte, leider nichts zu tun.

Auch eine konstruktive Streitkultur oder eine offene Diskussion, wird in der Regel rigoros abgelehnt. Stattdessen wird der Diskursrahmen schon im Vorfeld festgelegt (Overton-Fenster). In den diversen Polit-Talk-Shows ebenso, wie in den sozialen Netzwerken oder in der Familie.

Wer die Freiheit hasst, dass freie Denken verabscheut und die beliebige Gleichgültigkeit zum Lebensprinzip erhebt, wird zum positiv-denkenden Menschen verklärt. Zwangsoptimismus als Herrschaftsprinzip, bei dem jeder Freidenker zu einem unangenehmen Zeitgenossen gemacht wird. Dabei gibt es keinen größeren Pessimisten, als Denjenigen, der nicht mehr frei denken, hoffen oder schöpferisch tätig sein, sondern nur noch monoton funktionieren will.

»Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein«

- Jiddu Krishnamurti

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