Vorauseilender Gehorsam. Untertanenmentalität. Sklavenmoral. Millionen von Lohnarbeitern in Deutschland wollen gerne daran glauben, dass sie auf der Arbeitsstelle unersetzlich sind: »Aber mein Chef braucht mich! Ich kann jetzt nicht fehlen!« Sie seien doch so zuverlässig, kompetent, loyal, motiviert und würden so außergewöhnlich viel und einzigartiges leisten, was andere nie niemals könnten.
Sie lechzen nach Lob, benötigen Bestätigung, betteln nach Anerkennung. Doch während Unternehmen zwar vermeintlich soziale Methoden zur Motivationssteigerung anwenden (euphemistisch: “Personalführung”), so sind sie nur selten an ihren Mitarbeitern wirklich ernsthaft interessiert. Das Menscheln ist in der Regel nur Mittel zum Zweck. Für die Motivationsoptimierung der Untertanen und somit für die Produktionssteigerung des Betriebes.
Die Sklavenmoral
Wenn der Chef dem Mitarbeiter die Anerkennung versagt, und primär nur am nörgeln und motzen ist (was gar nicht so selten der Fall ist), dann sucht man sich die Bestätigung für seine harte Lohnarbeit eben im Privatleben. Es gibt kaum einen Stammtisch oder eine Gesprächsrunde in der Kneipe, im Garten oder auf einer Familienfeier, auf der nicht mindestens eine Person über seine oder ihre harte Arbeit und über die verinnerlichte Sklavenmoral, Tugendhaftigkeit signalisieren will (“virtue signalling”).
Schließlich wollen wir uns alle geliebt und gebraucht fühlen. Niemand möchte eine überflüssige Ballastexistenz sein. Im Zeitalter von Hedgefonds, prekären Beschäftigungsverhältnissen, Zocker-Banken, korrupten Politikern und Finanzmafia, Niedriglohnsektor und Massenentlassungen, sich die menschliche Daseinsberechtigung vom Lohnarbeitgeber wertschätzen zu lassen, beweist, wie tief die Untertanenmentalität in Deutschland schon verinnerlicht wurde.
»Nur außerhalb der Arbeit hat der Arbeiter die Möglichkeit, persönliche Erfüllung und Selbstachtung zu finden –und damit auch die Wertschätzung durch andere.«
- David Harvey. »Für einen revolutionären Humanismus«. Blätter. Ausgabe September 2015. S. 83
Frostige Funktionsexistenz
Wir wissen zwar, dass jeder ersetzbar ist, im Angesicht von mehreren Millionen Erwerbslosen erst recht, aber wir wollen es nicht wahrhaben. Es wird verdrängt und geleugnet, sich jahrzehntelang ausschließlich für Geld kaputt geschuftet zu haben.
Und wenn der Chef unsere Wichtigkeit nicht anerkennen will, dann reden wir uns eben selbst ein, wie ungeheuer wichtig unsere Arbeit vor Ort doch gewesen sei. Wir sind die Lohnarbeit. Den schleichenden Prozess der Selbstentfremdung, durch das unausweichliche Unterdrücken der ureigenen Empfindungen, Gedanken und Bedürfnisse -die zum funktionieren nicht benötigt werden oder gar stören- überlebt man nur, indem man sein Rest-Seelenheil im Konsum versenkt.
Zudem ist es ein großer Trost, zu wissen, dass es anderen Lohnarbeitern genauso, oder gar noch beschissener ergeht, als einem selbst. Daher rührt wohl auch die große Verachtung gegenüber den Arbeitslosen. Denn wenn die Lohnarbeit doch so erfüllend sei, sollte man dann Erwerbslose nicht eher bemitleiden anstatt verachten? Oder geht es um Wahrheit doch um Neid, weil man die selbstentfremdete Lohnarbeit eigentlich verachtet?
Der perfekte Lohnarbeiter
Macht nur den Mund auf, wenn er etwas gefragt wird oder für das Unternehmen relevante Informationen hat.
Ist gegenüber der Geschäftsführung nicht hinterfragend. Engagiert sich nicht im Betriebsrat und ist kein Gewerkschaftsmitglied.
Verlangt nie eine Gehaltserhöhung und ist stets mit dem zufrieden, was er bekommt.
Berichtet dem Chef zuverlässig und regelmäßig von aufsässigen und kritischen Mitarbeitern.
Macht freiwillig unbezahlte Überstunden und Mehrarbeit.
Sein Selbstbewusstsein hängt von seiner Lohnarbeit ab.
Wird niemals krank, hat keine Kinder, will niemals Nachwuchs und hat auch sonst keinerlei arbeitsfremde Verpflichtungen.
Besucht nach der Arbeit und am Wochenende freiwillig arbeitsrelevante Fortbildungen, Kurse und Seminare (“lebenslanges Lernen”), die er komplett alleine bezahlt.
Ist während seines Urlaubes telefonisch und per E‑Mail immer erreichbar.
Benötigt keine Einarbeitung und übernimmt gerne fachfremde Aufgaben.
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