Markus hat ein konkretes Anliegen. Der Mittvierziger und Vater von sechs Kindern ist erst seit einem Monat in Neuss. Zuletzt hat er mit seiner Familie in Italien gelebt, vor Jahren haben sie die Heimat Mazedonien Richtung Westeuropa verlassen – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. "Hier kennen wir niemanden", sagt er in gebrochenem Italienisch und fügt noch hinzu: "Wir sind arm." Seine Frau steht mit den Kindern am Churchbike und nippt an einer Latte macchiato.
Denn das sogenannte "Kirchenfahrrad" besteht aus einem professionellen Kaffeeautomaten samt Spüle und ist zentrale Anlaufstelle unmittelbar vor dem Hauptportal von St. Quirinus. Markus bittet nicht um Almosen. Spontan gemeinsam mit Pfarrer Süß ein Gebet zu sprechen – das wünscht er sich. Und dass der Seelsorger, der samstags zur Marktzeit von vielen Menschen umringt am Eingang der Kirche steht, ihn segnen möge. Auch dieses Anliegen bringt er schüchtern vor.
Eine Passantin mit Rucksack und Einkaufstaschen mustert neugierig die Auslage auf den Stehtischen und die auffällige Menschenansammlung. "Was wird denn hier gefeiert?" Kurz überfliegt sie das bunte Infomaterial zu den aktuellen Gemeindeprojekten, bevor ihr Blick an den Fahnen mit der Aufschrift "Orgelmusik zur Marktzeit" und "Kirche offen" hängen bleibt.
"Gute Idee, so auf sich aufmerksam zu machen", findet sie und nimmt ein paar von den ausgelegten Flyern mit. "Den Pastor kenne ich bisher nur vom Sehen", meint sie noch. "Beim nächsten Mal bringe ich mehr Zeit mit – dann auch für eine Tasse Cappuccino auf der Couch", kommentiert sie lachend die Gruppe rund um den originellen Kaffeeausschank. "Auf so etwas muss man erst mal kommen", schmunzelt sie beim Abschied und versichert, in jedem Fall demnächst wieder vorbeizuschauen.
"Blaues Sofa" als Gesprächseinladung
Das "blaue Sofa", inzwischen eher ein bekanntes Synonym für einen kurzen Talk mit dem Münster-Pfarrer, ist ein weiterer Blickfang auf dem Platz. Staunen oder Stirnrunzeln ruft es nur bei denjenigen hervor, die nicht regelmäßig den Wochenmarkt besuchen. Denn eigentlich hat es sich längst herumgesprochen, dass es da als Einladung steht: um Sorgen loszuwerden, Informationen einzuholen, sich einmal den allgemeinen Frust – auch den mit der Institution Kirche – von der Seele zu reden. Wer hier Platz nimmt, trifft garantiert auf offene Ohren und ehrliches Interesse. So jedenfalls ist es gedacht. Jeder ist willkommen – mit dem, was ihn gerade bewegt oder womit er nicht mehr alleine weiterkommt. Anders gesagt: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg zum Prophet. Freiluftseelsorge einer "Geh-hin-Kirche" als Programm. Dafür steht die Churchbike- und Sofa-Aktion.
Im pulsierenden Leben der Stadt mitzumischen, dann, wenn die meisten Neusser auf den Beinen sind, um Wochenendeinkäufe zu erledigen, das genau ist das Anliegen des Teams aus haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Münstergemeinde, die diesem Konzept ein konkretes Gesicht geben und zur Marktzeit auf die Straße gehen, um den Menschen in ihrer alltäglichen Lebenswirklichkeit zu begegnen und für Gespräche über Gott und die Welt bereitzustehen. Ziel ist es dabei, ein niederschwelliges Angebot zu machen – in erster Linie für die, die nicht über die Gottesdienste in die Kirche und auch nicht den Weg bis ins Pfarrbüro finden. Aber auch für alle anderen: zufällige Passanten, Tagesausflügler, Obdachlose, Gemeindemitglieder.
Wiederbelebung einer uralten Idee
"Der Kirchen-, Glauben- und Gotteskrise etwas entgegenzusetzen, mit den Menschen über ihre Wünsche, Ideen, Erwartungen und Nöte ins Gespräch zu kommen und dabei das bestbesuchte Forum unserer Stadt zu nutzen, nämlich den Platz zwischen Kirche, Brauhaus und Rathaus – das ist schon lange meine Vorstellung von lebendigem Pfarrleben", betont Pfarrer Andreas Süß. "Am Ende aber ist das nichts anderes als die Wiederbelebung einer uralten Idee: nämlich wie der Apostel Paulus vor 2000 Jahren auf der Agora, dem Marktplatz, zu stehen und die frohe Botschaft des Evangeliums mit der eigenen Existenz zu bezeugen."
Es gehe darum, Freude, Trauer und Ängste miteinander zu teilen, was vor allem die zunehmend selten gewordene Tugend des Zuhörens erfordere. "Wer kommt, soll sehen: Kirche, das ist nicht nur ein Haus aus Stein, das sind konkrete Menschen, die mich wahrnehmen, für mich da sind. Gleichzeitig wollen wir zeigen, dass wir gerade da ansprechbar sind, wo viele zusammenkommen, dass wir uns deren Sorgen zueigen machen, sie nicht zur Seite schieben."
"Kirche ist keine 'Im-Mobilie', kein statisches Gefüge, in dem die Präsenz Gottes oder die Sehnsüchte, Hoffnungen oder Fragen der Gläubigen exklusiv verortet wären."
Zur Idee gehöre auch, über alle Unterschiede hinweg – was Herkunft, Bildungsstand, religiöse Überzeugung oder Konfessionszugehörigkeit angehe – das Gemeinsame zu betonen, auf jeden vorbehaltlos zuzugehen und eine Willkommenskultur zu leben. "Bei den Gesprächen bringen wir Empathie mit und Dialogbereitschaft auf Augenhöhe", unterstreicht Süß. "Wir bewegen uns aufeinander zu, um miteinander unterwegs zu sein, denn Kirche ist keine 'Im-Mobilie', kein statisches Gefüge, in dem die Präsenz Gottes oder die Sehnsüchte, Hoffnungen oder Fragen der Gläubigen exklusiv verortet wären. Im Gegenteil: Kirchliches Leben findet überall dort statt, wo Menschen mit all den Herausforderungen, denen sie ausgeliefert sind, einen Ort der Versammlung und der gegenseitigen Ermutigung haben."
Jesu Gegenwart sei nicht an einen abgeschlossenen Raum für eine elitäre Gesellschaft gekoppelt, sondern könne sich überall ereignen; eben auch zwischen Espressotassen und Gemüseständen. Entscheidend sei eine Haltung der Offenheit und Lernbereitschaft auf beiden Seiten, erläutert der Neusser Seelsorger. Und so freut sich der 50-Jährige, dass diese Vorstellung aufgeht und sich das Churchbike längst als fester Treffpunkt der Stadtgesellschaft, aber auch der Kirchengemeinde etabliert hat.
Großes Unterstützer-Team
Bei seinem Verständnis von Seelsorge kann Süß auf ein großes Unterstützer-Team zählen. Die meisten davon engagieren sich ehrenamtlich im Kirchenvorstand oder im Pfarreirat, der wichtige Entscheidungen der katholischen Kirche in Neuss mit ihren aktuell zwölf Gemeinden – absehbar kommen noch weitere aus den Seelsorgebereichen Neuss-West/Korschenbroich und Neuss-Nord dazu – mitverantwortet. Zwei dieser ehrenamtlichen Kräfte sind Margret Boeck, KV-Mitglied von St. Quirinus und innerhalb des KVs Leiterin des Personalausschusses, sowie Martina Kamp, stellvertretende KV-Vorsitzende. Sie berichten, dass das Churchbike genauso beweglich sei wie die Gemeinde selbst und an den unterschiedlichsten Orten der Pastoralen Einheit zum Einsatz komme.
"Wenn sich für uns nur noch der harte Kern interessiert, haben wir pastoral etwas falsch gemacht."
"Wir radeln immer dorthin, wo gerade etwas los ist, es eine öffentliche Veranstaltung gibt und wir die Menschen erreichen wollen", sagen sie. "Über einen Kaffee kommt man ganz leicht miteinander ins Gespräch", schildert Martina Kamp ihre Erfahrungen. Doch dabei gehe es keineswegs ums Missionieren, betont die 65-Jährige. "Eher reagieren wir auf das, was an Themen auf uns zukommt, und begegnen den Menschen zweckfrei und völlig offen. Wir wollen vermitteln, dass Kirche mehr ist als nur Gottesdienst: nämlich Seel-Sorge, ganz wörtlich verstanden – und Caritas." Ihr Fazit: "Wenn sich für uns nur noch der harte Kern interessiert, haben wir pastoral etwas falsch gemacht."
So etwas wie die Sommerversion von Nightfever sei die Churchbike-Aktion auf dem Marktplatz, meint indes KV-Kollegin Margret Boeck und erklärt, dass sich auch dieses anfängliche Projekt (Andreas Süß gilt als Mitbegründer der inzwischen internationalen Jugend-Initiative in 27 Ländern weltweit) längst in Neuss etabliert habe. "Jedenfalls basiert unser Samstagstreff auf den guten Erfahrungen, die die Gemeinde mit Nightfever gemacht hat."
"Wir werten nicht – auch nicht, wenn Gespräche schwierig sind, weil die Menschen schlechte Erfahrungen mit Kirche gemacht haben und uns damit konfrontieren."
Das Churchbike-Team sei auskunftsfähig bei allen aktuellen Entwicklungen in der Gemeinde. "Wir können Antworten geben, auch auf die kritischen Stimmen, die es zu den Veränderungen angesichts der Fusion zu einer großen Einheit gibt, weil wir als Gremiumsmitglieder kompetent in diesen Themen sind, und gleichzeitig stellen wir das Ehrenamt dar, immer auch mit dem Nebeneffekt, neue Mitstreiter dazugewinnen zu wollen", sagt die 70-Jährige.
"Als Mitarbeiter der Gemeinde nehmen wir Einfluss auf Baumaßnahmen, Personal- und Finanzentscheidungen sowie Prozesse struktureller Neugestaltungen und sind ein gut gemischtes Team mit einer breit aufgestellten Expertise", lobt sie die Zusammenarbeit mit den anderen Ehrenamtskolleginnen und -kollegen. Und noch etwas ist Boeck wichtig: "Wir werten nicht – auch nicht, wenn Gespräche schwierig sind, weil die Menschen schlechte Erfahrungen mit Kirche gemacht haben und uns damit konfrontieren."
"Wenn mich an Kirche etwas stört, kann ich meckern oder aber etwas tun, damit es sich zum Besseren verändert."
Petra Felix will Kirche nahbarer machen. Daher mache sie in der Gemeinde mit und auch im Churchbike-Team, begründet die 48-Jährige ihr Engagement. Als Vorsitzende des Pfarreirates St. Quirinus steht sie an diesem Samstagmorgen ebenfalls Rede und Antwort. "Wenn mich an Kirche etwas stört, kann ich meckern oder aber etwas tun, damit es sich zum Besseren verändert. Dieser Ansporn, Veränderungen mitgestalten zu können, ist meine Motivation", argumentiert Felix und dass ihr dazu der Glaube die nötige Kraft gebe.
Nebenbei, so erzählt die gelernte Bankkauffrau, arbeite sie als Handballtrainerin und stelle fest, dass ein Sportverein und die Kirche viel gemeinsam hätten. "Bei beiden geht es um das Miteinander; darum, ein Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln und zukunftsfähig zu sein." Darüber, wie das gelingen könne, mit anderen – auch den Menschen aus ganz anderen Stadtteilen – immer wieder in den Austausch zu gehen, sei eine total erfüllende Aufgabe und erfordere mitunter auch viel Phantasie.

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