„Es kitzelt.“ Das war mein erster Gedanke, als wir live gingen. Aber eigentlich hat es schon viel früher gekitzelt – letzten Samstag auf der Mariahilfer Straße. Wir haben dort ein Experiment gewagt, das so simpel wie radikal ist: Free Listening. Einfach da stehen, mit einem Plakat in der Hand, und fremden Menschen ein Geschenk machen, das man heute kaum noch kaufen kann: echte Aufmerksamkeit.
In meiner letzten Sendung bei Radio Tipping Point hatte ich zwei mutige Mitstreiter im Studio, Dominik Ressig und Geko Richter, die mit mir in der „Auslage“ der Öffentlichkeit standen.
Dominik erzählte, wie er Feuer und Flamme war, als er die Flyer sah. Er wollte mit Leuten ins Gespräch kommen, mit denen er sonst nie zu tun hätte. Sein Plakat war herrlich direkt: „Ich höre dir zu, wo drückt der Schuh? Was liegt dir auf der Zunge, auf dem Herzen oder auf der Leber?“
Geko wiederum brachte seine Erfahrung als ehemaliger Verwaltungsrichter und Coach ein. Er erinnerte uns an etwas Wesentliches: Ratschläge sind oft „Schläge“. Beim Free Listening geht es nicht darum, Tipps zu geben oder Probleme zu lösen. Es geht darum, einen Raum zu öffnen, den viele nicht einmal mehr in der eigenen Familie finden.
Wir alle leben in unseren „Bubbles“. Wir fühlen uns dort sicher, auch wenn es uns darin vielleicht gar nicht gut geht. Der Schritt auf die Straße, sich verwundbar zu machen und einfach nur dazustehen, ist ein Ausbruch aus dieser Komfortzone.
Was wir erlebt haben:
Die Zögerlichen: Menschen mit teuren Uhren und maßgeschneiderten Schuhen, die minutenlang mit sich haderten: „Soll ich? Darf ich?“
Die Redseligen: Menschen, die 40 Minuten lang alles „frei von der Leber“ redeten, was sich im Job oder Alltag angestaut hatte.
Die Unsichtbaren: Viele Menschen im „Kaufrausch“, die völlig abwesend wirken und zu denen man kaum eine Verbindung spürt.
Als ehemaliger Richter betonte Geko, dass wir zwar einen Grundkonsens für das Zusammenleben brauchen. Aber der schwerste Weg ist oft der vom Verstand ins Herz – diese 30 Zentimeter entscheiden alles. Wenn wir wieder lernen, einander als Menschen zu sehen und nicht als Nummern oder Kontostände, brauchen wir weniger starre Regeln.
Dieses Event hat uns nichts gekostet außer ein bisschen Zeit. Aber was wir zurückbekommen haben, ist unbezahlbar. Es ist ein Stück Eigenermächtigung. Wir sind nicht nur Maschinen in einem System. Wir sind Menschen, die die Wahl haben, die Tür zu ihrem „vorgefertigten Kasten“ aufzumachen.
Mein Call to Action an euch: Ihr müsst nicht gleich mit einem Plakat auf die Mariahilfer Straße gehen. Fangt klein an. Fragt euren Nachbarn, mit dem ihr seit zwei Jahren nur ein murriges „Guten Morgen“ austauscht, wie es ihm wirklich geht. Hört einfach nur zu. Ohne „Warum“, ohne Ratschlag.
Das, was uns gemeinsam gehört – diese Verbundenheit – kann uns niemand wegnehmen. Lasst es uns teilen. 🤝

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