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Das geht besser · Feb 18, 2026

Anleitung zum Trauern

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Clara Vuillemin · Das geht besser

Ich mache seit ein paar Wochen einen Kurs, um ehrenamtliche Sterbebegleiterin zu werden. Ich dachte schon vorher, dass das eine gute Sache sei, aber ich kann kaum fassen, wie gut es mir nach jedem Termin geht. Die Auseinandersetzung mit dem Tod beruhigt und belebt mich zugleich. Und obwohl (oder weil?) das Thema traurig ist, macht es mich glücklich. Ich habe den Verdacht, dass es etwas mit der Zeitwahrnehmung macht und wahrscheinlich ist es auch befreiend, der allmächtigen Endlichkeit in die Augen zu schauen. Falls ich es irgendwann besser verstehe, werde ich es euch wissen lassen.

Wenn alles gut geht, werde ich den Kurs im Sommer abschließen und anschließend sterbenskranke Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten. Die Organisation, für die ich das mache, betreibt auch ein stationäres Hospiz, aber ich werde mit Menschen arbeiten, die zuhause oder im Pflegeheim leben. Auf dem Kursprogramm stehen viele Themen, von Schmerzen und Demenz über Rollstühle, Kommunikation und Abgrenzung bis zu Suizidwünschen und Bestattung. Einen Abend ging es um Trauer.

Trauer ist die normale Reaktion von Menschen auf einen bedeutsamen Verlust. Trauer ist ein Prozess und individuell: Menschen trauern unterschiedlich. Weil das nicht allen klar ist, verschwenden trauernde Menschen oft einen Teil ihrer Energie darauf, ihr Umfeld davon zu überzeugen, dass sie trauern. Diese Energie bräuchten sie aber eigentlich zum Trauern, denn Trauer ist anstrengend.

Die Symptome von Trauer sind vielfältig. Typisch sind Müdigkeit, Schlafstörungen, Verwirrung, Unfähigkeit zu funktionieren, Überaktivität, Rückzug, Appetitlosigkeit, Frustessen, Überempfindlichkeit und Desinteresse.

Ich habe einmal einer sehr guten Freundin auf der Beerdigung ihres Vaters gesagt: Wenigstens ...” Das ist bald zehn Jahre her, aber das unangenehme Gefühl, etwas wirklich Dummes gesagt zu haben, spüre ich noch immer. Denn “Wenigstens” ist der Regel zwar tröstlich gemeint, doch letztlich ist es eine Relativierung, und Trauer kann nicht relativiert werden. Trost kann nicht hergestellt werden. Trost entsteht. Durch Präsenz und Akzeptanz und Zeit.

Das Wissen um Trauer ist in unserer Gesellschaft leider gering (sagte der Dozent, ein Trauerbegleiter). Dabei wäre es wirklich nicht schwierig, sie zu verstehen (sage ich). In den drei vorangegangenen Absätzen steht eigentlich schon das Wichtigste.

Es würde auch nicht schaden, der Trauer einen Platz im Leben zu geben, weil selbst das beste Leben voller Verluste ist: Wer intensive Beziehungen führt, wird immer wieder bedeutsame Verluste erleben. Alle Eltern verlieren ihre kleinen Kinder, weil sie groß werden. Wer seiner Leidenschaft folgt und dafür das eigene Leben auf den Kopf stellt, erlebt dabei bedeutsame Verluste. Und wer das Glück hat, ein gewisses Alter zu erreichen, verliert mit der Zeit körperliche Fertigkeiten. All das ist ein Grund zu trauern.

(Anmerkung des Redakteurs (Peter): Ich habe viel verloren, zum Beispiel den unbegrenzten Glauben an das Gute im Menschen, was mich immer noch traurig macht, auch wenn ich inzwischen weiß, dass dafür zu einem erheblichen Teil die Psychopathen verantwortlich sind. Es macht mich aber auch wütend. Und damit stehe ich, glaube ich, nicht alleine. Viele Menschen reagieren auf Verluste wütend. Was also ist mit der Wut? Ist das auch eine Form von Trauer? Oder ist es verdrängte Trauer?)

Meine größte Erkenntnis des Abends über Trauer gehört zu dem Wissen, das sofort einleuchtet und selbstverständlich wirkt, aber trotzdem erstaunlich wenig verbreitet ist: Die Alltagserfahrungen trauernder Menschen oszillieren zwischen zwei Polen:

  • Verlust-orientiert: Trauerarbeit, Wellen von Schmerz, Transformieren der Bindung zum Verstorbenen, Veränderung im Leben vermeiden, verdrängen.

  • Wiederherstellungs-orientiert: Sich den Veränderungen im Leben stellen, neue Dinge unternehmen, Ablenken von der Trauer, Leugnung, Vermeidung des Schmerzes, neue Rollen, Identitäten und Beziehungen aufnehmen.

(Das habe ich nicht selbst formuliert, sondern von einem Arbeitsblatt abgeschrieben)

So individuell Trauerprozesse auch sind: Wenn eine Person sich ausschließlich an einem der Pole befindet, läuft etwas nicht gut. Ein häufiges Wechseln zwischen den Polen hingegen ist ein gutes Zeichen!

Am Anfang des Abends sollten wir von einem für uns bedeutenden Verlust erzählen. Ich habe über den Tod eines geliebten Menschen gesprochen, aber eigentlich hätte ich über etwas ganz anderes sprechen sollen: den Verlust der Welt, wie wir sie kennen.

Unsere Welt stirbt. Am besten wissen das die Menschen im Amazonas, auf den Fiji-Inseln, in der Sahel-Zone, im Himalaja. Menschen, die enger mit der Natur leben als wir in Deutschland, Menschen in trockenen Regionen, in feucht-heißen Regionen, an erodierenden Küsten, in Urwäldern. Menschen, die ihre Heimat schon verloren haben oder gerade dazu gezwungen sind, Migrationspläne zu schmieden. Am allerbesten wissen es die Tiere und Pflanzen, von denen täglich Dutzende Arten aussterben.

Die Klimawissenschaftler:innen wissen: Das sind erst die leisen Anfänge. Auch wir in Europa und ganz sicher unsere Kinder werden unmittelbare Verluste erleben, die wir uns noch nicht vorstellen können.

Ich hatte früher die Hoffnung, dass wir als Menschheit noch die Kurve kriegen und das Schlimmste verhindern, dass wir nicht ignorant und ohnmächtig unsere eigenen Lebensgrundlage zerstören. Doch diese Hoffnung habe ich verloren.

(A.D.R.: Ich auch! Und das macht mich ebenfalls wütend.)

Dieser Verlust unseres ökologischen Paradieses (auch der antizipierte) führt mich in eine Trauer, die komplexer, tiefer und ausdauernder ist als alle anderen Verluste, die ich je erlebt habe. Und ich bin damit nicht alleine, das Phänomen hat einen Namen: Ecological Grief – Ökotrauer.

Für diejenigen, die jetzt Mühe haben, das ernst zu nehmen, und vielleicht denken, dass junge Menschen, die zu viel lesen, schon immer seltsame Neurosen entwickelt haben, möchte ich das Wort an den Schauspieler William Shatner (Captain Kirk) geben, der mit 90 Jahren ins Weltall geflogen ist:

„Es war eines der stärksten Gefühle der Trauer, die ich je erlebt habe. Der Kontrast zwischen der gnadenlosen Kälte des Weltraums und der Wärme und Geborgenheit der Erde unter mir erfüllte mich mit überwältigender Traurigkeit. Jeden Tag werden wir mit dem Wissen konfrontiert, dass wir die Erde weiter zerstören: das Aussterben von Tierarten, von Flora und Fauna... Dinge, deren Entwicklung fünf Milliarden Jahre gedauert hat und die wir aufgrund des Eingreifens der Menschheit plötzlich nie wieder sehen werden. Das erfüllte mich mit Schrecken. Meine Reise ins All sollte eigentlich ein Fest sein, stattdessen fühlte sie sich an wie eine Beerdigung.“

Nicht alle Menschen haben eine so bewusste Wahrnehmung von ökologischen Vorgängen wie ich oder können ins Weltall reisen wie William Shatner. Aber der Verlust unserer Welt ist nicht auf die ökologische Perspektive beschränkt. Wenn ich den Menschen um mich herum zuhöre, höre ich viele Geschichten von großen, kollektiven Verlusten: Der Verlust des Glaubens an den Fortschritt. Oder an den Westen. Oder an den Sozialstaat. An die USA. Oder die EU. Der Verlust eines grundlegenden Gefühls von Sicherheit in Europa (das natürlich nur diejenigen verlieren können, die genug reich, weiß und normkonform waren, um es überhaupt einmal gehabt zu haben). Und es braucht kein Genie, um zu verstehen, dass das alles miteinander zusammenhängt.

Wenn wir diese Verluste ernst nehmen, sollten wir uns auch ernsthaft mit der daraus folgenden Trauer befassen. Das ist nicht einfach, denn es gibt ein paar fundamentale Unterschiede zwischen der Erfahrung des Todes eines geliebten Menschen und dem Erleben eines globalen Kollapses.

Toter-Mensch-Trauer vs. Sterbende-Welt-Trauer:

1. Erstere teilt die Zeit sehr präzise in vorher und nachher, außerdem gibt es eine Reihenfolge: Erst der Verlust, dann die Trauer. Letzteres hingegen ist ein laufender Prozess, der je nach Betrachtung seinen Anfang schon vor Hunderten (oder gar Tausenden) von Jahren hatte und nie zu einem klaren Ende kommen wird.

2. Wer um einen geliebten Menschen trauert, ist umgeben von Menschen, die gerade nicht trauern. Die können die Trauer stören mit ihrem lauten Leben, als wäre nichts passiert, aber sie können auch helfen. Unsere Welt verlieren wir hingegen alle zusammen.

3. Die allermeisten Menschen akzeptieren den Tod eines Menschen als Fakt. Sie tun es ungern und manchmal erst, nachdem sie den Leichnam gesehen haben, vielleicht brauchen sie auch eine tröstliche Geschichte vom Himmel oder der Wiedergeburt, aber dann tun sie es. Den Kollaps hingegen leugnen viele Menschen komplett (was angesichts der Komplexität der Sache, der Größe der Trauer und taktischen Überlegungen à la “es ist besser, wenn ich Hoffnung kultiviere” auch nicht erstaunt).

(A.d.R.: Eben! Ich habe nicht den Eindruck, dass es uns, wie du in Punkt 2 behauptest, an Menschen mangelt, die gerade nicht trauern. Im Gegenteil: Je offensichtlicher das Desaster wird, umso offensiver vertreten viele ein “Ist doch alles tippitoppi”. Aber ist das wirklich nur Verdrängung? Ich glaube, viele Menschen wissen wirklich nicht, was los ist, und ich verstehe es sogar: Wer gerade noch seinen Alltag bewältigt, hat keine Kraft, sich wirklich umfassend zu informieren, ganz zu schweigen von konsequenten Schlussfolgerungen. Und die Medien, deren Aufgabe die nachhaltige Information wäre, bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Was mich schon wieder wütend macht. Vielleicht sollte ich mal über meine Wut nachdenken?)

Das sind große Unterschiede. Kann uns das Wissen über Toter-Mensch-Trauer also überhaupt weiterhelfen bei der Sterbende-Welt-Trauer? Ich glaube schon.

Witwen haben früher ein Jahr schwarz getragen, dann war die Zeit der Trauer vorbei. Heute wissen wir zwar, dass Trauerprozess durchaus länger dauern können, aber sie klingen in der Regel nach einer gewissen Zeit ab. (Wenn nicht, ist es ratsam, medizinisch abklären zu lassen, ob sich hinter der Trauer eine Krankheit versteckt, zum Beispiel eine Depression.)

Doch die Welt kollabiert immer weiter: Müssen wir also für immer trauern? Ich glaube: Ja, das müssen wir. Ist das traurig? Ja, das ist traurig. Aber es nicht so traurig, wie es vielleicht gerade scheint.

Lange dachte ich, die Alternative zur Trauer sei die Verdrängung. Die hielt ich für falsch, weil die daraus resultierende kognitive Dissonanz ein Energiefresser ist und die Verdrängung zudem eine saubere Analyse der Lage verhindert und damit auch die Entwicklung sinnvoller Strategien und Handlungen.

Doch jetzt habe ich gelernt, dass Verdrängung ein Teil der Trauer ist. Trauernde oszillieren, wie gesagt, zwischen den Polen “Verlust-orientiert” und “Wiederherstellungs-orientiert”, und zu beidem gehört eine Form der Verdrängung. Wer sich mit seinen Verlusten befasst, verdrängt die Notwendigkeiten des Alltags, verdrängt, dass die Welt sich weiter dreht und dass jeder, der selbst noch nicht tot ist, eine Zukunft hat. Wer sich gerade dem Leben zuwendet, lenkt sich von dem Verlust und der Trauer ab, leugnet sie vielleicht gar und vermeidet den Schmerz.

Aber das ist alles ganz normal und überhaupt kein Problem, solange wir ab und zu hin und her wechseln. In unserer Gesellschaft gibt es aktuell allerdings kaum einen Platz für den “Verlust-orientierten” Teil der Sterbende-Welt-Trauer. Das sollten wir ändern. Vielleicht braucht es dafür gar nicht viel? Ich weiß es (noch) nicht. Wenn ihr Ideen dazu habt, schreibt sie gerne in die Kommentare oder schickt sie mir per Mail.

Sicher ist: Es ist gut, die Menschen in ihrer Trauer ernst nehmen (auch uns selbst), ganz egal, welche Verluste sie gerade betrauern. Zum Glück bringen wir in der Regel für die Bedürfnisse trauernder Menschen eine hohe Akzeptanz auf: “Du magst nicht rausgehen? Du glaubst, du wirst nie mehr jemanden lieben können? Du kannst nicht arbeiten? Nicht schlimm, das ist jetzt halt so.” Sollten wir so auch auf die Sterbende-Welt-Trauer reagieren? Können wir das? Was würde das bedeuten?

Grundsätzlich sollten wir ohnehin mehr auf unsere Bedürfnisse hören: schlafen, wenn wir müde sind, weinen, wenn wir traurig sind, uns zurückziehen, wenn uns die Welt zu viel wird. Und andererseits natürlich auch unbedingt tanzen und küssen und lachen, wann immer uns der Sinn danach steht.

Trauert ihr um großen Verluste in unserer Welt? Habt ihr Rituale, die ihr empfehlen könnt? Oder kennt ihr andere Wege, mit den realen und den antizipierten Verlusten umzugehen? Schreibt es mir:

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Fröhliche Grüße aus dem noch immer weißen Berlin,
Clara

Cool
Die Welt, meint Adam Mastroianni, braucht keine Superhelden, die den Tag retten, sondern viele Alltagshelden, die gemeinsam Stück für Stück die Welt verbessern. Ich finde seine 10 Ideen dazu großartig und empfehle sie allen, die spüren, dass es an der Zeit ist, etwas zu tun, aber nicht genau wissen, wo anfangen, und außerdem kein Bock auf ein Cape haben.
www.experimental-history.com/p/underrated-ways-to-change-the-world-b64

Chill
Leute, macht mal wieder ein Bananenbrot. So einfach, so lecker und genau richtig für den Februar. Hier mein Rezept für absolute Backbanausen (wie mich). Es ist so robust, dass ich die Mengen normalerweise nicht abmesse, sondern nach Gefühl mische. Je nach Lust und Laune könnt ihr andere Gewürze oder Nüsse nehmen oder gar keine.

Zutaten:

  • 160 g Mehl

  • 50 g Zucker

  • 2 TL Backpulver

  • 1 Prise Salz

  • 1/2 TL Zimt

  • 1/2 TL Muskat

  • Schale einer halben Bio-Orange (oder Zitrone)

  • 3 große Datteln

  • 1 Vanillestange

  • 5 Bananen

  • 70 flüssige (vegane) Butter (oder neutrales Pflanzenöl)

  • 140 ml Hafermilch (oder irgendeine Milch)

  • 100 g Pekannüsse

Tools: Ofen, Backform, Schüssel, Waage, Messer, Brett, ev. Backpapier

1 – Ofen auf 200 Grad vorheizen.

2 – Mehl, Zucker, Backpulver, Salz und Gewürze in einer großen Schüssel vermischen

3 – Orangenschale abreiben, Datteln klein schneiden, Vanillestange auskratzen, 4 Bananen mit der Gabel zerdrücken und alles dazugeben

4 – Hafermilch und flüssige Butter dazugeben und alles gut vermischen

5 – Backform mit Backpapier ausschlagen (oder einfetten), die Hälfte der Nüsse auf dem Boden verteilen, den dickflüssigen Teig in die Form geben.

6 – Die übrige Banane längs halbieren und zusammen mit den übrigen Nüssen auf dem Teig verteilen

7 – Eine Stunde backen, danach mindestens 30 Minuten auskühlen lassen (wenn ihr das aushaltet).

Far Out
Es gibt jetzt einen Empathie-Superhelden: Der Außerirdische Martian Manhunter spürt die Menschen, er sieht ihre schönen wie ihre traumatischen Erinnerungen, und kämpft in einer Welt voller Angst, Hass und Wut für Verständnis und bessere Gefühle. Und das alles sieht auch noch fantastisch aus, wie eine gute Reise mit Pilzen. Dopamin als Comic. (Ich verlinke zu Amazon, weil ich sonst nirgends eine Leseprobe gefunden habe, aber bitte kauft nicht bei dem weltzerstörenden Ultramilliardär Jeff Bezos).
https://www.amazon.de/Absolute-Martian-Manhunter-Wahrheit-gegen/dp/3741648442

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