Beim Blick in die Zeitungen denke ich: Immer mehr Journalisten erzählen liberale Demokratie, als stünde ihr Ende kurz bevor. Als bliebe nur noch zu entscheiden, mit welchem Kommentar, welcher Musikauswahl sie die Beerdigung begleiten werden, um alle Trauernden darauf zu stoßen, dass sie als erste das Ende kommen sahen; dass sie als erste die Sinnlosigkeit jedes Widerstands verstanden haben. Und demokratische Politiker*innen? Verharren im Warnen, im Abgrenzen, in moralischer Empörung. Aber Abgrenzung ist keine Vision, Empörung ist kein Programm und „gegen rechts sein” allein mobilisiert nicht.
Wir verbinden uns mit Geschichten, wenn wir uns von ihnen gemeint fühlen, und Demokratie ist eine Geschichte, die uns alle meint.
Ich bin in einer Sekte aufgewachsen, umgeben von Menschen, die – ähnlich wie viele Rechtsradikale – überzeugt waren, in einer Welt zu leben, die es nicht wert war, geschützt oder gar erhalten zu werden. Sie glaubten, dass die Welt eine lichtvolle Führergestalt bräuchte, einen Reset, einen Neuanfang, in dem nur die Starken Platz hätten – nicht ein zweifelnder, queerer, chronisch kranker Mensch wie ich.
Gerettet haben mich Bücher, heimlich, nachts, mit der Taschenlampe unter meinem Bett verschlungen. Geschichten haben mich gelehrt, dass es manchmal nur einen guten Satz braucht, um nicht zu verzweifeln, und dass wir Normen nicht hinnehmen müssen, die uns brechen wollen. Lange bevor ich einen Begriff für sie hatte, war die liberale Demokratie mein Sehnsuchtsort: Eine Welt, in der gezweifelt, widersprochen, frei entschieden werden darf.
Demokratie ist eine Geschichte, die so viel mehr ist als unsere aktuelle Regierung. Eine Geschichte, die wir jetzt erzählen müssen, damit uns die Deutungshoheit nicht genommen werden kann. Und es gibt viele Wege, sie zu erzählen. Wir können beispielsweise Akteure unterstützen, die Menschenrechte mit rechtlichen Mitteln verteidigen – auf der Basis eines der mächtigsten Texte: unseres Grundgesetzes. Wir können uns im Haustürwahlkampf schulen lassen, um effektive Überzeugungsarbeit für demokratische Parteien zu leisten. Wir können Aktivist*innen unterstützen, damit sie laut bleiben, wenn wir es gerade nicht sein können. Wir können entscheiden, AfD-Sympathisant*innen in unserem Umfeld nicht fallen zu lassen, sondern – gut vorbereitet – auch herausfordernde Gespräche zu führen. Wir können in unserer Community, online wie offline, teilen, wann uns zum ersten Mal klar geworden ist, dass wir in einer Demokratie leben. Wofür wir dankbar sind. Was uns zuletzt Mut gemacht hat, politisch aktiv zu werden oder zu bleiben – trotz und wegen allem.
Die AfD und ihre Gefühlsgemeinschaft sind nicht die einzigen, die Geschichten erzählen können. Wir haben sie noch: die Wärme auf unserer Seite. Die Fähigkeit, Brücken zu bauen. Den Mut, den Trotz, auf ein besseres System und funktionierende Institutionen zu bestehen.
Demokratie braucht jetzt mehr denn je Menschen, die sie sehen – mit allem, was sie schon verändert hat; mit allem, was sie noch sein und werden kann. Mit aller Freude, aller Sicherheit und Stabilität, die sie schon in unser Leben gebracht hat; mit aller Kraft, die sie auch weiterhin in sich trägt.

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