Diesen Sommer habe ich eine neue Angst entwickelt. Dazu musst du wissen: Ich liebe die Sonne. Ich liebe den Sommer. Mein Ziel ist es, nie wieder im Winter leben zu müssen. Doch nun treibt mich folgende Sorge um: Was, wenn ich, die ich die Sonne so sehr liebe, in den kommenden Jahrzehnten lernen werde, sie zu hassen?
Was, wenn die Sonne von der Freundin zur Feindin wird? Die ich fürchte, aussperre, meide?
Rebecca Solnit schrieb kürzlich im Guardian darüber, wie die Klimakrise uns nicht nicht nur Schlimmes aufbürdet, sondern auch Schönes nimmt. Schönes, wie die Freuden des Sommers:
«We often talk about what climate change has wrecked in terms of what’s material, tangible, structures lost to fire, flood, or sea level rise, trees dying, species threatened, glaciers melting in warmer weather. But summer was an immaterial treasure and joy that belonged to all of us.»
Dazu kommt, dass die Hitzewellen der vergangenen Monate sich offenbar auch auf meinen Zyklus ausgewirkt haben. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich unregelmässige Zyklen. Einer war fast 50 Tage lang. Der letzte über 35. Dann kommt die Blutung endlich (heute ist Zyklustag 2), aber dafür blute ich gefühlt das Doppelte als normalerweise. In diesem Zustand bei über 35 Grad draussen unterwegs zu sein, fühlt sich an, als könnte der Kreislauf jederzeit entscheiden: danke, ciao, ich pack das nicht mehr.
Und ich denke mir: Ich bin eine einigermassen junge, fitte Frau – wie geht es dann den Alten, (chronisch) Kranken, Schwangeren, Babys?
Eine Perspektive, die mich beschäftigt hat, will ich nachfolgend teilen:
Stefanie Sargnagel ist die lustigste Österreicherin, die ich (nicht persönlich) kenne. Sie ist Autorin, Zeichnerin (hier meine Lieblingsillustration von ihr), Kabarettistin und seit einigen Monaten auch Mutter.
Ihre Alltagsbeobachtungen auf Instagram sind ein Highlight meines Social-Media-Lebens, weil sie treffsicher sind und trocken und mich immer wieder laut zum lachen bringen.
In den letzten Wochen jedoch hat Stefanie Sargnagel ziemlich ernste Töne angeschlagen. Der Grund: die Hitzewellen in ihrer Heimatstadt Wien und die damit verbundene Sorge um ihr Baby.
Folgendes schrieb sie in ihre Instagram-Story:
«Ich fühle mich teilweise ur nicht ernst genommen von meinem Umfeld. Ich bin kein Angsthasi, aber es sind arge Tage und Babies sind eine vulnerable Gruppe. Freunde machen sich lustig, weil ich die Nachrichten aktualisiere, während alle die ein Baby haben, gerade meine Verunsicherung teilen. Wohin wenn die Wohnung über 30 Grad hat? Übertreibe ich oder es ist gruselig wenn der Säugling plötzlich doppelt so viel schläft und scheißt und einem alle andere Ratschläge geben? Klar, wenn man nicht zu einer vulnerablen Gruppe gehört, findets man unnötig, aber wenn man sich als solidarisch versteht, versetzt man sich auch in die anderen. Wenn ihr Zugang zu gekühlten Räumen, Schwimmorten usw. habt, bietet sie in eurem Umfeld an und redet die Ängste von gefährdeten Gruppen nicht klein. Fragt lieber wie's den alten, kranken und kleinen Leuten in eurem Umfeld geht und wie man helfen kann. Peace out!
(…)
Ich möchte alle Leute, die diese Hitze kleinreden wollen, die nicht wissen was es bedeutet als Kranker, alter, schwangerer oder Baby betreuender Mensch keinen Raum in der Stadt unter 32 Grad mehr zu finden, höflich dazu aufrufen ihre dummen Goschen zu halten.»
Das war Ende Juni. Jetzt ist August, mehrere Hitzewellen später. Stefanie Sargnagel ist mittlerweile auf Tour. Nicht auf Lesetour, wie früher, sondern mit Reiserucksack und Kinderwagen unterwegs – auf dem Land und in Hotels. Man könnte sagen: Sie ist auf der Flucht.
In einer ihrer jüngsten Stories schrieb Stefanie Sargnagel Folgendes:
«Ich sitze seit ein paar Tagen in einem Hotel
Ich habe sofort gebucht als es diese 40 Grad Vorschau gab
Zu Hause ohne Klima würde ich so verzweifeln
Hitze ist so arg für die Nerven
Wie machen das grad alle?»
Auf ihre Frage meldeten sich mehrere Menschen bei ihr. Nachrichten, die sie teilte, um die Öffentlichkeit auf darauf aufmerksam zu machen.
Jemand schrieb:
Dass Stefanie Sargnagel und ihre Follower:innen mit ihren Schilderungen und Ängsten nicht übertreiben, zeigen u.a. folgende Studien.
Frühgeburten: Hitze kann sowohl Frühgeburten als auch termingerechte Geburten auslösen. Mit einem erhöhten Risiko für sozioökonomisch benachteiligte Mütter. (Studie)
Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen: Sowohl langfristige als auch kurzfristige Hitze erhöht das Risiko schwerer Erkrankungen der Mutter rund um Schwangerschaft und Geburt. Darunter fallen schwere, teils lebensbedrohliche Komplikationen wie Sepsis, Nierenversagen oder schwere Blutungen. Besonders betroffen sind auch hier Mütter mit geringerer Bildung bzw. aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen. (Studie)
Hirnentwicklung von Babys: Kinder, die während der Schwangerschaft und Säuglingszeit vermehrt Hitze ausgesetzt sind, zeigen später ein verlangsamtes Wachstum des Thalamus (eine Hirnregion, die u.a. für die Reizverarbeitung zuständig ist). Bei Kälte oder anderen Hirnregionen zeigte sich dieser Effekt nicht. (Studie)
Atmung von Babys: An Hitzetagen steigt bei Neugeborenen und Säuglingen das Risiko, wegen gestörter Atmung ärztlich behandelt zu werden. (Report)
Das ganze Spektrum: Eine Übersichtsstudie fasst zusammen: Hitze schadet der Gesundheit von Schwangeren und Kindern auf vielfältige Weise: Bei Müttern begünstigt sie Komplikationen wie Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes und Bluthochdruck sowie Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht, Fehlbildungen und Totgeburt. Bei Kindern kann sie für Hitzeschläge, Dehydration, Nieren-, Atemwegs- und Magen-Darm-Erkrankungen, Schlafstörungen, kognitive und psychische Beeinträchtigungen sorgen. (Studie)
PS: Das mit dem Hitze-Special in der Headline ist natürlich sarkastisch gemeint! <3
PPS: Wie geht es dir mit der Hitze? Kommt dir das eine oder andere aus dem Text bekannt vor? Du kannst gerne auf diese Nachricht antworten oder auf Substack kommentieren.
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