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Claudia Shkatov⎮UNITY LEADERSHIP™ · Jul 29, 2026

Lebensmitte oder was?

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Claudia Shkatov · Claudia Shkatov⎮UNITY LEADERSHIP™

Foto: Tatyana Kronbichler

Vor einigen Tagen las ich den Briefwechsel zweier Autoren auf Substack, Linda Cooper und Marc Dupont.

Die zugleich erdenden und beflügelnden Gedanken der beiden lieferten mir die Vorlage für tiefere Erkenntnisgewinnung in einem Thema, das ich seit einigen Jahren als Frage in mir bewege:

Was ist das, was wir seit 210 Jahren Menopause nennen, wirklich, wirklich?

Dieser Text stellt noch viele weitere Fragen. Und vielleicht können wir mit diesen Fragen langsam aber sicher in für uns stimmige Antworten hineinleben.

Nur vordergründig geht es in diesem Essay um die Wechseljahre und sogenannte Frauenthemen. Tatsächlich geht es um Zusammenhänge, die unsere Kultur und damit all unsere Beziehungen, unser Handeln und die Bedeutung unserer gesellschaftlichen Phänomene und Systeme von Grund auf verändern können.

Und aus meiner Sicht stehen wir schon mitten drin.

Let’s begin.

In der Antike glaubte man, dass der menschliche Körper im Laufe des Lebens alle sieben oder neun Jahre einen radikalen biologischen Umbruch durchläuft. Diese Übergangsjahre wurden als klimakterische Jahre (von griechisch klimaktér = Sprosse einer Leiter, kritischer Punkt) bezeichnet.

Sie galten als kritisch, weil sich an diesen Wendepunkten entschied, ob der Körper sich erneuert oder in den Verfall gleitet. Bemerkenswert.

Die alten Griechen bezogen unsere Übergänge also keinesfalls allein auf Frauenkörper, sondern auf die Entwicklung jedes Menschen.

Diese Vorstellung blieb im Mittelalter über den Einfluss der europäischen Klöster und Universitäten unangetastet. Erst ab dem 17. Jahrhundert endete die uneingeschränkte Autorität dieser Lehre. Und die Medizin der frühen Neuzeit verengte den Begriff auf die Entwicklung der Frau. Seitdem wurde die Lebensmitte einer Frau als kritische im Sinne einer gefährlichen Zeit der weiblichen Entwicklung und als Krankheit gesehen.

Im Jahr 1816 prägte der Pariser Arzt, Charles Pierre Louis de Gardanne, schließlich den Begriff Menopause und sorgte damit für eine Entschärfung der Gefahrenvorstellung.

Aus heutiger Sicht ging es vermutlich weniger um die Gefährdung der Gesundheit einer Frau als um die Gefährdung gesellschaftlicher Vorstellungen in Bezug darauf, wie eine Frau in ihrer zweiten Lebenshälfte idealerweise sein sollte.

Erst in den 1970er Jahren fanden Frauen selbst zum Thema Midlife, wie ich diese Zeit am liebsten nenne, eine offizielle, gesellschaftliche Stimme. Möglich wurde dies über die Jahrhunderte, weil Universitäten in Europa Frauen offiziell den Zugang zum Medizinstudium und damit die gesellschaftliche Legitimierung für eine Teilnahme am öffentlichen, medizinischen Diskurs gewährten.

Eine deutsche Frau ebnete 1754 den Weg dafür. Sie studierte inoffiziell Medizin an der Universität Halle und promovierte mit Sondergenehmigung des preußischen Königs. 1865 öffnete die Universität Zürich als erste europäische Universität ihre medizinische Fakultät für Frauen. Die erste Studentin, die hier 1867 offiziell an einer modernen, europäischen Universität einen medizinischen Doktorgrad erlangte, war eine Russin. Und im Thema Frauenheilkunde und Klimakterium wurden Schritt für Schritt neue Fragestellungen und Perspektiven möglich.

Heute sind immer weniger Frauen bereit, ihre zweite Lebenshälfte als das Ende weiblicher Lebendigkeit, Schönheit und Schaffenskraft zu betrachten. Bisher richtet sich in dieser Bewegung die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Weigerung, sich alt, nicht mehr begehrenswert und kraftlos zu fühlen.

Was jedoch, wenn die alten Griechen recht hatten, und die Lebensmitte einer Frau – und auch eines Menschen per se - schon immer von der Natur als eine Schwellenzeit gedacht war, in der wir die Möglichkeit erhalten, uns von Grunde auf zu erneuern?

Was wenn uns alle Symptome in der Übergangszeit der weiblichen Lebensmitte nur dafür dienen, uns dieser Entscheidung bewusst zu stellen?

Denn offenbar sind sich sowohl Männer und Frauen aller Zeiten einig darin, dass das Klimakterium einer Frau ihr gewohntes Leben und damit auch das Leben der Männer, die mit ihr verbunden sind, vollkommen auf den Kopf stellen kann.

Wir Frauen jedenfalls können an diesem Punkt nicht mehr so funktionieren, wie wir es vorher noch oft über Jahrzehnte konnten. Wir können nicht mehr getrennt von uns selbst leben. Und wir sind nicht mehr in der Lage oder willens, die Verantwortung für ganze Beziehungssysteme allein zu tragen.

Doch wenn wir keine Vorstellung von einer Möglichkeit der Erneuerung haben, bleibt uns dann vielleicht nur, uns irgendwann laut oder still der Überforderung und der Trennung von uns selbst durch Scheidung, Krankheit oder Demenz zu entziehen.

Die Tatsache, dass wir bisher für das, was in uns geschieht, weder ein klares, eigenes Verständnis noch eine echte Sprache gefunden haben, macht den Prozess für alle Beteiligten herausfordernder. Denn es existiert in den weiblichen Ahnenreihen unserer Kultur kaum noch jemand, der uns hier Orientierung geben könnte. Die einen Frauen wurden für ihr Wissen getötet. Die meisten anderen wählten das Schweigen.

Meine Mutter konnte mir ein Vorbild darin sein, dass die Lebensmitte eine Zeit ist, die auch ohne große körperliche Beschwerden durchlebt werden kann. Und auch im Thema Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit, folgte sie beständig ihrer eigenen Intuition, was mein glückliches Erleben dieser Phasen entscheidend mit formte. Gleichzeitig sagt sie noch heute mit 86 Jahren, dass man über das Klimakterium nicht spricht. Und auf all das, was emotional und energetisch in dieser Zeit passiert, insbesondere wenn wir Ehefrauen und Mütter sind, konnte sie mich weder vorbereiten, noch mir eine echte Orientierung geben.

Und vielleicht fehlten uns schlicht Bewusstsein, Räume und Traditionen für einen solch tiefen Austausch von Wissen unter Frauen.

Interessanterweise wurde nicht überall auf der Welt der Übergang der Lebensmitte als Defekt oder Degenerationspunkt verstanden.

Bis heute gibt es indigene Kulturen, in denen Frauen in ihrer zweiten Lebenshälfte besonders geehrt werden.

Sie gelten als Weisheitsträgerinnen, kulturelles Gedächtnis, Verbindung zum Land und zu den Ahnen, und als Autorität, wenn es um Entscheidungen geht, die Gegenwart und Zukunft ihrer Communities betreffen.

Sie sind da, um den jüngeren Generationen Orientierung zu geben und wesentliche Veränderungen und Übergänge in Familien und Gesellschaft integrierend zu begleiten.

Wie wir das Leben und seine Entwicklung betrachten, ist somit auch immer eine Frage der Verbundenheit zwischen den Generationen und somit eine Frage der Geschichten, die bewahrt, erzählt und überliefert werden.

Der grundsätzliche Unterschied betrifft die Wahl zwischen einer Geschichte des Verlustes und einer Geschichte des Gewinnens neuer Aufgaben.

Was geschieht also mit einer Gesellschaft, wenn Frauen ab der Lebensmitte entweder als Trägerinnen von Weisheit aufsteigen oder gesellschaftlich unsichtbar werden?

Was geschieht, wenn eine Gesellschaft die Möglichkeit nutzt, dass Frauen ihre über Jahrzehnte gewachsene Beziehungs-, Körper- und Lebenserfahrung in kulturelle Gestaltung verwandeln?

Nicht um neues Leben, sondern Sinn, Orientierung und tragfähigere Beziehungen hervorzubringen.

Frauen in ihrer Lebensmitte stellen in diesem Zusammenhang wesentliche Fragen:

· Was stimmt in dieser Beziehung nicht?

· Was stimmt in dieser Ordnung nicht?

· Wo ist die Verbundenheit verloren gegangen?

· Was will durch mich integriert werden?

· Welche größere Form des Lebens will entstehen?

· Was dient dem Ganzen?

· Welche scheinbaren Gegensätze gehören zusammen in eine größere Ordnung?

Ich blicke auf meine letzten 15 Jahre zurück.

Und ich erkenne, dass viele Bewegungen in meiner insgesamt 30-jährigen Ehe, einschließlich derer, die schließlich zu unserer Scheidung führten, durchaus in Verbindung standen mit dem inneren Festplattenwechsel, den ich als Frau im Alter von 45-60 erlebte.

Denn Midlife ist in ihrer wilden Transformationskraft ganz ähnlich der,
die wir als Jugendliche in dem, was wir Pubertät nennen, erleben.

Was also, wenn die Erfahrung der Lebensmitte einer Frau ganz bewusst einer systemischen Neuordnung dient?

Wenn der Körper nämlich zunehmend die Mitarbeit an Ordnungen verweigert, die Ganzheit und Balance nur durch Trennung und Selbstabspaltung ermöglichen, müssen wir irgendwann innehalten und uns selbst zuhören.

Und dann ist die sogenannte Menopause kein individuelles und auch kein rein weibliches Phänomen mehr, sondern ein gesellschaftliches, politisches und beziehungskulturelles Thema, das in alle Bereiche unseres Lebens hineinwirkt und alle Geschlechter und Generationen berührt.

Das wäre ein gewaltiger Perspektivenwechsel. Und eine immense Chance für uns Menschen, deren Grundlage und Souverän jeder gesellschaftlichen Ordnung unsere Beziehungen sind.

Und Männer stehen ganz offensichtlich alles andere als außerhalb davon.
Sie sind unmittelbar betroffen und beteiligt.

Weil Beziehungssysteme sich immer gemeinsam organisieren.

Denn wenn Frauen nicht mehr wie bisher funktionieren, wird auch für Männer offenbar, wo sie mit sich selbst nicht mehr verbunden sind.

Dann erst können verborgene Dynamiken auch auf ihrer Seite sichtbar werden.
Zum Beispiel:

· Abhängigkeiten von der Verfügbarkeit ihrer Frau

· Ängste vor ihrer Unabhängigkeit

· Unsicherheiten gegenüber ihrer neuen Autorität

· Fehlender Zugang zum eigenen Körper und Gefühl

· Erwartungen, dass Frau Beziehung weiterhin für beide organisiert

Die Bewegung von Frauen in ihrer Lebensmitte verursacht das nicht. Sie beendet nur die bisherige Verdeckung dieser Themen.

Und damit wird eine grundsätzliche Veränderung und Neuorganisation von Beziehung erst möglich.

Nicht mehr durch Anpassung, sondern durch Menschen, die ihre innere Verbundenheit
selbst verantworten.

Hierin liegt das Potential einer neuen, menschlichen Midlife-Power, die zur segensreichen, evolutionären Bewegung für Familien und Gesellschaft werden kann.

Indem wir die Bedeutung dessen, was wir erleben, hinterfragen. Und neu wählen.

Aus meiner Sicht hat dieser Prozess bereits begonnen.

Denn weibliche Schöpferkraft in der Zweiten Lebenshälfte macht sichtbar,
wo innerhalb von Kulturen Trennung existiert.

Und sie kann daraus eine verbundenere Ordnung schaffen.

Wir gebären die Menschen für die Zukunft unserer Welt.

Anschließend können wir durch die Integration der Erfahrungen unserer ersten Lebenshälften, der Geburt von Ordnungen dienen, in denen unsere Kinder und Kindeskinder sicherer und würdevoller mit einander aufwachsen und leben können.

Frauen in ihrer zweiten Lebenshälfte haben die Möglichkeit, eine Bewegung von der biologischen Schöpfung zur kulturellen Schöpfung zu vollziehen.

Im Grunde haben wir das vermutlich immer irgendwie getan. Nur weniger offensichtlich. Weniger direkt. Ohne viel Sichtbarkeit.

Und mit weniger Bewusstsein für den Wert, den wir damit für Generationen verkörpern und schöpfen.

Bewusstsein macht nämlich den Unterschied. Unser Bewusstsein entscheidet darüber, mit wieviel Integrität wir unsere wesentlichen Schwellen im Leben durchschreiten.

Und Integrität verstehe ich hier nicht im Sinne von Moral, Anstand oder Charakter.

Ich verwende Integrität als die Fähigkeit eines lebendigen Systems, seine Ganzheit auf immer höheren Ebenen wieder herzustellen. Und zwar über Kohärenz – Stimmigkeit – statt über Dominanz.

Denn Integrität bedeutet in seinem Wortursprung Ganzheit und Unversehrtheit. Nicht Perfektion, sondern Vollständigkeit.

Wir glauben immer, es ginge in all unseren großen Themen um Symptome, Konflikte, Polarisierung, Dominanz und Verlust.

Die Wahrheit ist, es geht immer und überall um die Bewegung von der Trennung zur Ganzheit …

  • Unser Körper zeigt Symptome, integriert sie und ordnet sich neu.

  • Unsere Beziehungen geraten in Konflikte, wir nehmen unsere Projektionen zurück, und neue Verbundenheit wird möglich.

  • Unsere Gesellschaft polarisiert, übernimmt Verantwortung und erschafft Integrität.

  • Unsere Wirtschaft und Politik führen über Dominanz, lernen Kohärenz und schöpfen echte Werte.

  • Frauen in ihrer Lebensmitte erleben einen inneren Festplattenwechsel, wählen bewusst eine neue Aufgabe und schöpfen eine neue Kultur.

Überall dieselbe Bewegung.

Und sie kann sich elegant vollziehen, wenn wir bewusst Bedingungen schaffen, unter denen wir sie nicht mehr behindern.

Wie kehrt ein System aus der Trennung in die Integrität zurück?

Stimmige Antworten auf diese Frage dürfen wir jetzt entwickeln.

Ich lade dazu ein, dies gemeinsam zu tun, und freue mich auf Eure Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren.

Außerdem denke ich über einen Raum für ein Live Gespräch dazu nach. In den kommenden Tagen erfahrt Ihr hierzu mehr.

Und zur Reflexion meiner Frage gebe ich hier noch ein paar Notizen mit:

  • Projektion bindet Lebensenergie.

  • Projektion ist die Verlegung eines Teils meiner Erfahrung nach außen und bedeutet Verlust von Energie, Autorität, Klarheit.

  • Wenn ich die Projektion zurücknehme, bekomme ich nicht Recht. Ich bekomme mich.

  • Verantwortung (die Fähigkeit, zu antworten, statt zu reagieren) setzt Lebensenergie frei.

  • Schuld trennt.

  • Wahrnehmung verbindet.

  • Ohnmacht entsteht nicht durch fehlende Macht, sondern durch Abgabe der eigenen Wahrnehmungsautorität.

  • Wert entsteht nicht durch Anerkennung. Wert ist ontologisch – im Sein – vorhanden. Daher liegt hier auch die Quelle jeder Wertschöpfung.

P.S. Frauen, die keine physischen Kinder haben, weil sie sich bewusst oder unbewusst anders entscheiden, sind ebenso selbstverständlich Teil des Gesprächs. Denn oft sind diese Frauen einfach nur nicht so biologisch blind, wie zB ich, als ich mit Ende 20 den unwiderstehlichen, inneren Druck verspürte, Kinder gebären und eine Familie gründen zu wollen. Beides gehört für mich immer noch zu den besten Erfahrungen meines bisherigen Lebens, die ich niemals missen will.

Gleichzeitig kann es innerhalb unserer Systeme, in denen Schwangerschaft, Geburt, Mutterschaft, Elternschaft, Ehe, die Verbundenheit mit den Rhythmen und Zyklen der Natur und nicht zu letzte Midlife oft nichts natürlich Heiliges mehr sind, eine schmerzhafte, erschöpfende und sogar traumatisierende Erfahrung sein, sich darauf einzulassen. Daher gibt es Frauen und Frauenkörper, die sich unter diesen Bedingungen schlicht anders entscheiden. Und das ist gut so. Sie gebären und nähren in unseren Gesellschaften auf andere, wesentliche Weisen. Und ihre Erfahrungen werden in diesem Gespräch ebenso gebraucht, wie die aller Männer und Menschen anderer Geschlechter.

Jede Kultur wird von der Art geprägt, wie sie ihre Schwellen versteht.
Vielleicht ist es Zeit, dass wir eine andere Geschichte wählen.

Zu diesem Text habe ich auch eine englische Version Midlife … or something else?veröffentlicht.

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Claudia Shkatov
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Ich begleite Menschen in Machtpositionen,
die Entscheidungen aus der Realität der Verbundenheit treffen wollen.

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