Liebe Abonnenten,
ich hatte das Glück, vier Jahre in Istanbul zu leben. Und bis heute finde ich: Istanbul ist die vielleicht schönste, auf jeden Fall aber magischste, lebendigste und vielleicht großartigste Stadt der Welt. Das Licht kann golden sein, die Möglichkeiten unbegrenzt und eine Fahrt über den Bosphorus kann einen mit allem versöhnen, wenn sonst nichts klappt. Die Stadt Ende 2019 zu verlassen, war eine reine Kopf-, keine Bauchentscheidung.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Ich konnte Istanbul so genießen, weil ich in einer privilegierten Situation war. Mein Gehalt bekam ich in Euro. Wenn die türkische Lira mal wieder abstürzte, gehörte ich zu den Krisengewinnern. Eine Wohnung mit Blick auf den Bosphorus samt Dachterrasse? Gab es für 700 Euro im Monat. Ein Drei-Gänge-Mittagsmenu des begnadeten Kochs Cem, in türkisch-deutsch-französischer Fusion-Küche? 12 Euro.
Mit der Zeit holte die Inflation dann wieder auf. Die Miete kostete umgerechnet dann 900 Euro, der Mittagstisch bei Cem 15 Euro. Günstig war das noch immer - nicht für Einheimische, die ihr Gehalt in Lira erhielten, aber sehr wohl für Geo-Arbitrageure, wie ich einer war.
Wer vor Kurzem in Istanbul war, weiß, dass die Stadt für niemanden mehr günstig ist: Nicht für Einheimische und auch nicht für Expat. Ein Espresso kostet umgerechnet 2,50 Euro. Nur noch ein paar Touristen und sehr reiche Türken können das bezahlen. Das Durchschnittseinkommen in Istanbul beträgt etwa 1000 Euro, der Mindestlohn 530 Euro.
Nach den Ereignissen von vergangener Woche dreht sich die Spirale nochmals schneller abwärts. Aber warum ist das eigentlich so? Wirft man einen Blick auf die einzelnen Elemente kann man einiges darüber lernen, was nicht nur in Schwellenländern, sondern auch in Deutschland bald falsch läuft. Vor allem kann lernen, wie man selbst sein Vermögen schützt.
Das Grundproblem in der Türkei liegt in der sogenannten Leistungsbilanz. Ganz einfach gesagt: Das Land importiert mehr, als es exportiert. Wann immer ein Land mehr konsumiert, als es produziert, fällt der Wert der Währung. Das Wichtigste Importgut ist Energie: Öl und Gas.
Die Preise dafür sind durch den Krieg im Iran stark gestiegen. Unternehmen müssen also mehr Geld für Energie bezahlen, das macht Druck auf die Preise von allen anderen Gütern. Die Inflation steigt. Wenn jetzt die Zentralbank nicht mit sehr starken Zinserhöhungen dagegenarbeitet, schmiert die Währung ab. 2021 bekam man für einen Euro noch 10 türkische Lira. Jetzt sind es 50 Lira. Irgendwann verselbstständigt sich das dann: Die Preise steigen, das Vertrauen in die Währung schwindet weiter. Und die Gesellschaft polarisiert sich, weil die Unzufriedenheit im Land wächst. Die Regierung reagiert mit autoritären Maßnahmen. Die Demokratie wird ausgehöhlt. Ausländisches Kapital zieht sich zurück.
Vor drei Jahren ließ sich übrigens Mehmet Simsek nochmals von Erdogan überzeugen, Finanzminister zu werden. Simsek ist Kurde und ein ehemaliger Investmentbanker - also jemand, der sein Handwerk versteht. Er weiß, wie man die internationalen Kapitalmärkte beruhigt und man eine solche Spirale langsam stabilisiert. Das war auch erfolgreich. Die Inflation ging auf immerhin 30 Prozent zurück und der Fall der türkischen Lira verlangsamte sich.
Mit der politischen Aktion vom vergangenen Wochenende ist die mühevolle Arbeit von Simsek mal passé. Er kann quasi von vorne anfangen.
Vielleicht klingt das eine oder andere bekannt - oder zumindest bekannter als noch vor sieben Jahren. Sicherlich, Deutschland ist weit entfernt von türkischen Zuständen. Aber man muss auch konstatieren: Die Elemente dieser Abwärtsspirale, die sind in den vergangenen Jahren in Deutschland mehr geworden:
Wir müssen wesentlich mehr für Energie bezahlen.
Wir exportieren weniger.
Wir machen mehr Schulden.
Die Inflation steigt.
Polarisierung der Gesellschaft nimmt zu.
Die Regierung reagiert autoritärer.
Man hat also in den vergangenen Jahren genau die Schrauben in Gang gesetzt, die - wenn man sie nicht einbremst rechtzeitig - zu einer Abwärtsspirale wie in der Türkei führen können.
Jetzt fragt man sich oft, wie die normalen türkischen Bürger damit umgehen. Es gibt nichts zu beschönigen. Man findet kaum einen Istanbuler, der sich positiv über die wirtschaftliche Entwicklung äußert. Aber viele türkischen Familien sind tatsächlich erstaunlich resilient gegenüber den Problemen. Der Grund: Fast jede türkische Familie besitzt Gold und oft auch Land. Auch Bitcoin ist in der Türkei sehr populär. Warum? Die Menschen dort müssen seit Jahrzehnten mit der Entwertung des Geldes durch die Regierung leben und schützen sich dagegen.
Das geht auch mit Aktien: Der türkische Leitindex BIST100, der hat seit 2022 sagenhafte 600% gemacht. Natürlich in türkischen Lira. Rechnet man den Währungsverlust mit ein, dann landet man immerhin noch bei einem Plus von 104 Prozent.
Und auch das kann man eben von der Türkei bzw. den Türken lernen: Regierungen tendieren eben immer dazu, die Wirtschaft heiß laufen zu lassen, um Wahlen zu gewinnen und scheren sich wenig um die langfristige Kaufkraft des Geldes. Als Bürger oder Investor muss man deswegen investieren. Damit ist man zumindest Immer etwas schneller.
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Allen, die sich mehr für die türkische Wirtschaft interessieren, kann ich übrigens den Newsletter von Ozan empfehlen.

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