„Wealth is what you have minus what you want.“
Morgan Hounsel
Liebe Abonnenten,
Boris Becker hat in seiner Karriere rund 50 Millionen Dollar an Preisgeldern und Werbeverträgen verdient (in heutiger Kaufkraft deutlich mehr.) Trotzdem wurde er 2017 in London für zahlungsunfähig erklärt mit Schulden in Höhe von 55 Millionen Euro .
Den allermeisten BlingBling-Lesern dürfte eine solche Achterbahnfahrt unglaubwürdiges Kopfschütteln hervorrufen. Doch Boris Becker ist nicht alleine. Laut der legendären Sports-Illustrated-Studie von 2009 haben 78 Prozent aller NFL-Player innerhalb von nur zwei Jahren nach Karriereende finanzielle Probleme oder sind pleite.
Viele Lotto-Millionäre verlieren einen großen Teil oder sogar fast alles innerhalb weniger Jahre – Schätzungen sprechen von bis zu 30–70 Prozent, je nach Studie.
So weit diese Zahlen von uns Normal-Investoren entfernt sind - die Erklärung dieses Phänomens betrifft uns alle. Wer schon mehrere Bitcoin-Zyklen durchlebt hat, kennt den Effekt. Man checkt sein Depot - in Boom-Phasen gerne jeden Morgen gleich nach dem Aufwachen - und man ist wieder reicher geworden. Dopamin flutet den Körper. Man fühlt sich genial. Man glaubt, den Dreh rauszuhaben. Der Spruch „When Lambo?“ Aus der Bitcoin-Subkultur steht sinnbildlich dafür. Auf einmal rückt es in den Bereich des Wahrscheinlichen, sich einen Lamborghini kaufen zu können. Viele Youtuber und X-Accounts locken mit diesem schnellen Versprechen auf Reichtum. Es hat nur einen Haken.
In der Psychologie spricht man vom „Sudden Wealth Syndrome“. Der Begriff wurde von Dr. Stephen Goldbart geprägt. Er hat beobachtet, wie Klienten mit plötzlichem Reichtum (Lotterie, Erbschaft, IPO, Unternehmensverkauf oder Krypto-Gewinne) in eine Art Identitätskrise geraten.
Wir haben kein mentales Modell für „genug“ oder „reich“. Deswegen greifen so viele von uns auf Statussymbole zurück, um sich in der eigenen Peer-Group zu verorten.
Ein Freund von mir, der in Berlin lebt, machte kürzlich folgende Beobachtung: Während es in der Großstadt geradezu verpönt ist, Geld zu haben und zu investieren, sind seine Freunde in der Provinz vor allem verschuldet: Sie kaufen sich teure Autos, Rasenmäher und Indoor-Saunen. Nicht weil sie sich das immer gewünscht haben, sondern weil es alle haben.
Viele Menschen brauchen Gegenstände, um sich zu einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Ob sie sich das leisten können, rückt in den Hintergrund.
Nicht anders geht es Superreichen: Ein millionenschwerer Fußballspieler misst sich in seiner In-Group, sprich andere superreiche Fußballspieler. Hier zählt dann nicht mehr der neue Rasenmäher, sondern die Immobilie in Dubai oder der Ferrari. Der psychologische Mechanismus ist derselbe: Zugehörigkeit ist wichtiger als alles andere. Hinzu kommt die kurzfristige, narzisstische Befriedigung, sich etwas kaufen zu können.
Konsum ist immer nur ein kurzfristiger Dopamin-Kick. Das Gehirn gewöhnt sich schnell an das Erreichte. Eine Luxus-Reise oder ein neues Auto verpuffen, sofern sie nicht mit positiven Erinnerungen an besondere Menschen verknüpft sind. „Hedonic Treadmill“ lautet dafür der Fachbegriff. Für schöne Momente mit wichtigen Menschen aber braucht man nicht besonders viel Geld.
Ein weiterer Effekt kommt hinzu:
Ein Spekulationsgewinn, ein Lottogewinn oder eine supersteile Karriere als Spitzensportler fühlt sich irgendwie „unverdient“ an. Das Geld ist unbewusst mit Schuldgefühlen verknüpft, oder kann schlicht nur schwer verarbeitet werden.
Die allermeisten von uns sind daran gewöhnt, monatlich ein Gehalt von 2.000, 3.000 oder 8.000 Euro zu erhalten. Was passiert, wenn eine Aktie oder ein Altcoin plötzlich um 1.500% steigt und auf dem Konto oder Wallet 150.000 Euro stehen? Unser Gehirn kann keinen Bezug zu der Summe herstellen. Es wirkt wie Spielgeld, irgendwie irreal. Und wenn etwas nicht echt ist und nicht direkt mit Arbeit gekoppelt ist, verliert es an Wert. Wir gehen damit viel unverantwortlicher um, als wenn wir es uns über Jahre erspart hätten.
Gerade viele Bitcoin- und Crypto-Millionäre gehen dann noch riskantere Wetten ein. Sie würden zwar nie ihre Ersparnisse aus 20 Jahren in einen riskanten Altcoin oder eine KI-Aktie stecken, aber ihre Spekulationsgewinne - why not?
Deshalb machen so viele Anleger die Erfahrung eines Round Trips: Einmal von 20.000 Euro hoch auf 800.000 Euro und wieder zurück. Nur die wenigsten schaffen es, einen kühlen Kopf zu behalten und im richtigen Moment, zumindest einen Teil zu verkaufen.
Was also kann man tun, um beim nächsten Hype, nicht wieder denselben Fehler zu machen?
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Zunächst einmal kann sich fragen, was Reichtum für einen selbst bedeutet. Der Autor Morgan Hounsel hat das Buch „The Art of Spending Money“ geschrieben, was ich sehr empfehlen kann. Hounsel bringt es auf eine simple Formel:
„Enduring happiness is found in contentment, so those happiest with money tend to be those who have found a way to stop thinking about it.“
Oder noch simpler:
„Wealth is what you have minus what you want.“
Sinngemäß übersetzt bedeutet das:
Reichtum ist nicht, was du hast. Reichtum ist, was du nicht mehr brauchst, um glücklich zu sein.
Dieses Mantra funktioniert nur für den, der seine Peer-Group unabhängig von Status-Symbolen macht. Es ist eine höchstpersönliche Entscheidung und für jeden Menschen anders.
Eine Gruppe, die als Preis der Zugehörigkeit bestimmte materielle Dinge erfordert, ist vielleicht nicht die richtige. Wirklichen Freunden ist es egal, welches Auto man fährt, oder wie man seinen Rasen mäht.
Was kann man ganz praktisch daraus lernen?
Tipps für den nächsten BullRun:
Beim nächsten Bullrun sich selbstkritisch zu fragen, was würde mein Ich von vor 5 oder 10 Jahren zu dieser Summe sagen? Und: Wie würde ich mich fühlen, wenn ich in einem Jahr wieder alles verloren habe? Die Konsequenz muss nicht sein, sofort alles zu verkaufen. Aber im richtigen Moment, mindestens den Einsatz vom Tisch zu nehmen, erspart einem schlaflose Nächte.
Sich selbstkritisch hinterfragen: Wieviel möchte ich besitzen und warum?
Tagebuch führen
FOMO aushalten. Jeder von uns spürt während einer Rally die „Fear of Missing Out“. Aber man kann und muss nicht überall dabei sein.
Konsumentscheidungen vertagen, bis der erste Schock verdaut ist.
Geld gegen Zeit tauschen, und sich fragen, wie man diese Zeit nutzen möchte. Viele von uns stecken in Jobs, die sie nicht erfüllen. Schnell kommt das Bedürfnis auf, „auszusteigen“. Das Ziel aber ist nicht, nichts mehr zu tun. Das Ziel ist etwas zu tun, was einem sinnvoll erscheint.
Wer es gelernt hat, in guten Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren, lässt sich auch in schlechteren Zeiten, wie sie viele Bitcoin-Investoren diese Woche erfahren haben, aus dem Konzept bringen.
PS: Boris Becker ist seit 2024 übrigens wieder schuldenfrei. Zum Sudden Wealth Effect kamen bei ihm noch einige Scheidungen hinzu. Außerdem ist er einigen schlechten Vermögensberatern aufgesessen.
„Du bist nicht reich, wenn du viel hast. Du bist reich, wenn du aufhörst, mehr zu wollen.” Schreib mir: Wann hast du das letzte Mal gemerkt, dass du genug hast – und wie hat sich das angefühlt?

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