“Man is the creature who does not know what to desire, and he turns to others in order to make up his mind. We desire what others desire because we imitate their desires.“
René Girard
Liebe Abonnenten,
ich habe seit einigen Jahren schon eine Zusatz-App vor meinem Instagram-Account geschaltet. Sie heißt „one sec“ und verlangsamt das Öffnen der App um zehn Sekunden. Anschließend fragt sie mich, ob ich Instagram wirklich öffnen möchte. Ich mag instagram als persönliches Fototagebuch und um mit Freunden auf der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben. Ich mag es nicht, weil es letztlich nichts anderes tut, als die Eigenschaft Neid zu fördern. Ich sehe dort die Urlaube anderer, die Autos anderer, die Uhren anderer, das Leben anderer. Die kleine Zeitsperre ist ein guter Kompromiss, die App nicht ganz zu löschen, aber sie auch etwas dosierter zu verwenden.
Als Geschäftsmodell ist instagram genial. Neben Facebook ist die App die Haupteinnahmequelle für den Konzern Meta. 2025 waren das annähernd 200 Milliarden US-Dollar.
Die negativen Effekte sind dabei erwünscht. Neid ist eines der stärksten Motive menschlichen Handelns. Social Media ist Neid auf Steroiden.
Anfang der 2000er Jahre entdeckte der Paypal-Gründer und frühe Investor in Facebook, Peter Thiel, die Werke eines Nischenphilosophen wieder. René Girard (1923-2015), ein französischer Denker, entwickelte das Konzept des „mimetic desires“, des mimetischen Begehrens. Es besagt knapp: Wir wollen weniger das, was uns in der Tiefe unseres Wesens bewegt. Wir wollen das, was andere haben.
Thiel studierte Ende der 1980er-Jahre Philosophie an der Stanford University und besuchte dort Girards Seminare. Er soll ausgehend von diesem Konzept früh die Macht von Facebook verstanden haben.
Social Media ist der größte Verstärker mimetischer Begierde, den die Menschheit je hatte. Die Algorithmen zeigen uns nicht nur permanent, was andere besitzen, und feuern so unsere Begierde an. Likes und Kommentare verstärken diesen Prozess nochmals. Mehr User imitieren das Verhalten, die Begierde wächst nochmals mehr. Man spricht von einer „mimetischen Maschine“.
“Man is the creature who does not know what to desire, and he turns to others in order to make up his mind. We desire what others desire because we imitate their desires.“
Rene Girard
Morgan Housel, dessen Bücher ich wirklich jedem empfehlen kann, der sich für Investieren interessiert, beschreibt einen ähnlichen Prozess im „Man in the Car Paradox.“ Wir sehen jemanden in einem teuren Auto. Derjenige, der das Auto fährt, hat es vermutlich gekauft, um bewundert zu werden. Doch wir bewundern nicht die Person - die halten wir gar nicht so selten für einen eitlen Idioten. Wir glauben, wenn ich in diesem Auto säße, würde ich zu einer cooleren Person werden und bewundert werden.
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Housel weist darauf hin, dass Neid zwar ein starker Antrieb ist. Bei der Schaffung von Reichtum sind Neid und mimetische Begierde dagegen eines der größten Hindernisse.
Warren Buffett, der wohl erfolgreichste Investor aller Zeiten, gilt als immun gegen „mimetic desire“. Buffett lebt seit 1958 im selben Haus, fährt einfache Autos, isst bei McDonald’s. Sein kürzlich verstorbener Kollege Charlie Munger fuhr bis ins hohe Alter einen alten Toyota Camry. Buffett betonte immer wieder: „Ich wollte nie Ferraris, ich wollte Unabhängigkeit.”
Buffett startete seine Investment-Karriere 1956 mit 100.500 US-Dollar (nach heutiger Kaufkraft 1,3 Millionen US-Dollar). Seine annualisierte Performance liegt bei 20 Prozent im Jahr.
20 Prozent klingt wenig für viele, die über Bitcoin oder Tech-Aktien zum Investieren gekommen sind. Viele sind weitaus größere Schwankungen – und erheblich höhere Gewinne – gewohnt. Aber 20 Prozent pro Jahr über einen langen Zeitraum, sind eben enorm. Aus diesen 100.000 US-Dollar sind heute 150 Milliarden geworden.
Klar, aber ab einer gewissen Summe kann man sich mit geringerer Rendite zufrieden geben. 20 Prozent bei einer Million sind 200.000. Aber 20 Prozent bei 10.000 Euro sind nicht der Rede wert.
Weswegen Buffetts Kollege Charlie Munger sagte:
„The first $100,000 is a bitch, but you gotta do it. (…) After that, you can ease off the gas a little bit.“
Das Zitat stammt aus den 1990ern. Heute wären 100.000 US-Dollar kaufkraftbereinigt etwas über 200.000 US-Dollar. Doch die Grundaussage bleibt: Ab einer gewissen Schwelle greifen Compounding-Effekte immer stärker bei der Vermögensbildung. Von 200.000 braucht man noch 17 Jahre bis zur Million – bei einer durchschnittlichen Wertsteigerung von 10%. Schafft man Buffetts Performance von 20% im Jahr, dauert es nur neun Jahre.
Gerade für junge Bitcoin-Investoren ist es auch attraktiv, stärker ins Risiko zu gehen. Wer 25 Jahre alt ist, und 10.000 EUR gespart hat, kann nicht nur auf riskante Assets setzen – vielleicht muss er es auch.
Nur einmal muss der Fokus von maximalem Risiko auf Kapitalerhalt umgestellt und der Macht des Zinseszins vertraut werden. Wer zu früh den mimetischen Begierden erliegt, verpasst die Chance auf Unabhängigkeit und Freiheit.
Das aber geht nur, wer sich von mimetischen Begierden abschirmt. Ein paar praktische Tipps:
Frage Dich bei jeder Status-Ausgabe ehrlich: Für wen kaufe ich das eigentlich?
Mache Dir klar, warum Du Reichtum anstrebst: Wegen Bewunderung anderer oder aus dem Wunsch nach Unabhängigkeit?
Fokussiere Dich auf unsichtbaren Reichtum: Hohe Sparquote, Investments, Notfallreserve, Fähigkeiten und Beziehungen.
Vergleiche Dich so wenig wie möglich.
Lösche instagram oder installiere Apps wie One-Sec (kein affiliate).
Übrigens führt die mimetische Begierde laut Girard unweigerlich zu Konflikten, welche über den „Sündenbock-Mechanismus“ gelöst werden. Ein Mitglied der Gesellschaft oder eine Gruppe wird verfolgt oder bestraft, um die Spannungen wieder etwas zu glätten.
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