In der Nacht auf den 31. Juli wurden innerhalb von 25 Minuten rund 594 Bitcoin aus etwa 500 Wallets abgeräumt. Kein Phishing. Kein gehacktes Handy. Keine unvorsichtigen Nutzer, die irgendwo ihre Wörter eingetippt haben.
Der Angreifer musste die Seed-Phrasen gar nicht stehlen. Er konnte sie ausrechnen.
Schuld ist ein Programmierfehler in der Firmware der Coldcard – einer Hardware-Wallet, die viele von uns jahrelang als Goldstandard empfohlen haben. Deshalb schreibe ich dir außer der Reihe: Wenn dein Seed auf einer Coldcard entstanden ist, ist das hier keine Nachricht zum Zurücklehnen.
Betroffen ist, wer seinen Seed auf einer Coldcard erzeugt hat:
GerätBetroffene FirmwareVerbleibender SuchraumColdcard Mk3ab 4.0.1 (März 2021)ca. 40 Bit – praktisch vorhersehbarColdcard Mk4 / Mk5alle Versionen bis 5.5.xca. 72 BitColdcard Qalle Versionen bis 1.4.xca. 72 BitMk1, Mk2/Mk3 bis 3.2.2nicht betroffen–TAPSIGNER, OPENDIME, SATSCARDnicht betroffen–
Zur Einordnung: Eine 12-Wort-Seed soll 128 Bit Entropie haben, eine 24-Wort-Seed 256 Bit. 40 Bit sind mit normaler Hardware in kurzer Zeit durchsuchbar – daher der Angriff. Die 72 Bit bei Mk4, Mk5 und Q klingen beruhigender, aber beide Analysen sind ausdrücklich als vorläufig gekennzeichnet. Sicherheitsmargen, über die man diskutieren muss, sind keine.
Zwei Punkte, die fast immer falsch verstanden werden:
Erstens: Entscheidend ist die Firmware zu dem Zeitpunkt, als deine Wörter entstanden sind – nicht die, die heute auf dem Gerät läuft. Ein Update repariert keinen Seed, der bereits existiert.
Zweitens: Coinkites erste Warnung nannte nur die Mk3. Erst der technische Hintergrundbericht Stunden später schloss Mk4, Mk5 und Q ein. Wer nur die erste Meldung gelesen hat, hält sich womöglich zu Unrecht für sicher.
Jede Bitcoin-Wallet beginnt mit einer Zufallszahl. Aus ihr werden deine 12 oder 24 Wörter und daraus alle privaten Schlüssel. Diese Zahl ist das Fundament – und wenn sie nicht echt zufällig ist, ist alles darüber wertlos. Egal wie gut das Gehäuse, wie sicher der Secure-Element-Chip, wie sauber die Verschlüsselung.
Die Coldcard hat einen echten Hardware-Zufallsgenerator an Bord. Bei einer Umstellung im März 2021 wechselte die Seed-Erzeugung auf eine andere Funktionsbibliothek – und die prüfte lediglich, ob ein bestimmtes Konfigurations-Flag definiert war, nicht ob es auch eingeschaltet war. Auf der Coldcard war es definiert, aber bewusst auf Null gesetzt.
Ergebnis: Statt des Hardware-Generators lief still ein simpler Software-Generator. Sein Startwert kam aus der Seriennummer des Chips und aus Zeitgeber-Registern – Werte, die weder geheim noch schwer zu erraten sind.
Warum das fünf Jahre unentdeckt blieb: Ein kaputter Zufallsgenerator sieht von außen aus wie ein funktionierender. Die Wörter wirken zufällig, die Wallet funktioniert, Transaktionen gehen durch, nichts stürzt ab. Der Unterschied zwischen „zufällig“ und „sieht zufällig aus“ zeigt sich erst, wenn jemand systematisch danach sucht. Der Angreifer war vor den Verteidigern da.
Du hast gewürfelt. Wer bei der Erstellung mindestens 50 eigene, unabhängige Würfelwürfe eingegeben hat, hat die Entropie selbst beigesteuert. Der kaputte Generator spielt dann keine Rolle. Falls du dir bei der Anzahl unsicher bist oder die Würfel nur zusätzlich zum Gerätezufall genutzt hast: behandle den Seed sicherheitshalber als gefährdet.
Du hast eine starke BIP39-Passphrase. Eine echte, einzigartige Passphrase erzeugt eine komplett eigene Wallet; nach Coinkites früher Analyse sind diese Bestände nur minimal gefährdet. Das ist ein Rettungsanker, keine Reparatur – dein Schutz hängt dann komplett an dieser einen Zeichenkette. Geht sie verloren, sind die Bitcoin weg.
1. Klär, wo dein Seed herkommt. Wurden die Wörter auf einer Coldcard erzeugt? Welches Modell, ungefähr wann, hast du gewürfelt? Wenn du es nicht mehr sicher weißt, geh vom schlechteren Fall aus. Seeds von BitBox02, Trezor, Specter, Jade, Passport oder aus Software-Wallets sind von diesem Fehler nicht betroffen.
2. Sofortmaßnahme, falls kein Ersatzgerät da ist: eine starke, einzigartige BIP39-Passphrase einrichten und die Bitcoin in die dadurch entstehende Wallet bewegen. Vorher den Wallet-Fingerprint prüfen – jeder Tippfehler ergibt eine gültige, aber andere Wallet. Notbremse, kein Ziel.
3. Neuen Seed erzeugen, auf einem einwandfreien Gerät. Mk4, Mk5, Q: erst Firmware auf 5.6.0 bzw. 1.5.0Q oder neuer, dann einen komplett neuen Seed. Für die Mk3 hat Coinkite kein Update angekündigt – hier führt der Weg über ein anderes Gerät. Wer sichergehen will, gibt zusätzlich eigene Würfelwürfe ein.
4. Backup anlegen und testen. Neue Wörter auf Papier oder Stahl, an einem anderen Ort als das Gerät. Danach einmal wiederherstellen und prüfen, ob dieselben Adressen herauskommen.
5. Erst klein testen, dann alles umziehen. Eine kleine Testtransaktion, Empfang bestätigen, dann der Rest. Denk an die On-chain-Gebühren und dokumentiere den Vorgang sauber – die Spekulationsfrist beginnt bei einem Umzug zwischen eigenen Wallets zwar nicht neu, aber nachvollziehbar sollte es bleiben.
6. Alten Seed als verbrannt behandeln. Nie wieder nutzen – auch nicht für kleine Beträge, auch nicht für ein anderes Konto. Und nie wieder Bitcoin an eine seiner Adressen schicken.
Alle Schritte ausführlich, mit FAQ und Quellen:
https://bitcoinlighthouse.de/blog/coldcard-sicherheitsluecke-seed-was-tun
Der bequeme Reflex wäre: „Coldcard ist unsicher, kauf was anderes.“ Das greift zu kurz. Der Fehler war ein einzeiliges Missverständnis in einer Konfigurationsabfrage. So etwas kann jedem Hersteller passieren, und es wird wieder passieren. Die interessantere Frage ist, wie man einen Aufbau baut, der einen solchen Fehler übersteht.
Eigene Entropie beisteuern. Würfel sind kein Nerd-Ritual, sondern die einzige Methode, bei der du dich nicht auf den Zufallsgenerator eines Herstellers verlassen musst. Mindestens 50 Würfe, selbst geworfen, unbeobachtet. Hier eine genaue Anleitung dazu:
https://bitcoinlighthouse.de/blog/seed-selbst-wuerfeln-hardware-wallet
Passphrase. Es dient dir um Zeit zu gewinnen. In diesem Fall hat jemand deinen Seedphrase mit 24 Wörtern, aber die Passphrase ist vielleicht noch sicher und kann einen entscheidenden Vorteil bieten. Hier eine Anleitung dazu:
https://bitcoinlighthouse.de/blog/optionale-passphrase
Multisig statt Single-Sig. Alle geleerten Wallets waren Single-Sig. Bei einem 2-von-3-Setup mit Geräten verschiedener Hersteller hätte der berechnete Coldcard-Schlüssel allein nicht gereicht, um auch nur eine Transaktion zu signieren. Genau dafür ist Multisig gedacht: Es überlebt den Ausfall einer einzelnen Komponente.
Hersteller nicht doppeln. Drei Geräte derselben Marke sind drei Kopien desselben Risikos. Vielfalt bei Herstellern und Firmware ist der eigentliche Sinn eines Multisig-Setups.
Prüfbarkeit zählt. Gefunden wurde der Fehler, weil Externe den Code lesen konnten. Offener Code garantiert keine Fehlerfreiheit – er ist die Voraussetzung dafür, dass Fehler überhaupt auffallen.
Und ein Wort zum Hersteller: Coinkite hat den Fehler öffentlich gemacht und technisch detailliert dokumentiert, das ist mehr, als manche in vergleichbaren Lagen liefern. Für die Mk3 – das am stärksten betroffene Gerät – gibt es bislang trotzdem kein Firmware-Update. Betroffene müssen neue Hardware kaufen. Bei einem Fehler aus dem eigenen Haus ist das eine unbefriedigende Antwort.
Selbstverwahrung heißt, dass niemand dir deine Bitcoin wegnehmen kann. Sie heißt aber auch, dass niemand für dich haftet, wenn etwas schiefgeht. Der falsche Schluss aus dieser Nacht wäre, die Coins zurück auf eine Börse zu schieben. Dort hast du kein kleineres Risiko, sondern ein dauerhaftes: Sie gehören dir rechtlich nicht, du hast nur einen Anspruch gegen ein Unternehmen.
Der richtige Schluss ist unbequemer. Selbstverwahrung ist kein Kaufakt, sondern eine Praxis: eigene Entropie, geprüfte Backups, mehrere Schlüssel – und die Bereitschaft, bei einer Meldung wie dieser innerhalb weniger Tage zu handeln statt zu hoffen.
Wenn du unsicher bist, ob dein Setup betroffen ist, oder Begleitung beim Umzug auf einen neuen Seed brauchst: Melde dich. Wir gehen das im kostenlosen Erstgespräch oder in einer 1:1-Beratung in Ruhe durch. Lieber einmal zu viel nachgefragt als einmal zu spät.
Sonntag, 16. August, 10 bis 16 Uhr – Bitcoin-Workshop in München. Wallet einrichten, Seed sauber erzeugen, Backup testen – genau die Handgriffe, um die es hier geht:
https://bitcoinlighthouse.de/event/bitcoin-workshop-muenchen-16-08-2026
Samstag, 15. August, 10 bis 16 Uhr – Handy-Workshop: entgoogeltes Smartphone, du gehst mit einem fertigen Gerät nach Hause:
https://bitcoinlighthouse.de/event/handy-workshop-muenchen-15-08-2026
Alle weiteren Termine: https://bitcoinlighthouse.de/events
Bis bald,
Michael
Bitcoinlighthouse
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