Soll man es wie Kap Verde versuchen und mit 26 Prozent Ballbesitz hinten einigeln - oder doch ein wenig mit Österreich-DNA versuchen, sich dem spanischen Ballbesitzspiel zu erwehren? Der Europameister zeigte bei diesem Turnier wieder einmal Probleme, einen tiefen Block zu bespielen. Allerdings nur, wenn Yamal nicht am Feld war.
Gegen Österreich war Yamal aber am Feld.
Und so richtig komplett einigeln wollte sich das ÖFB-Team auch nicht. Österreich versuchte, schnell Überzahl in Ballnähe zu kreieren, wenn Spanien am Ball war. Aber Yamal von Beginn an ein ständiger Gefahrenherd: Laimer klebte an ihm dran und Marcel Sabitzer rückte sehr konsequent nach hinten, um Laimer gegen Yamal zu unterstützen. Zu zweit schafften sie es, den oft angespielten Jungstar einigermaßen zu isolieren - auch, weil dieser immer selbst die Lösung suchte, anstatt Porro zu involvieren.
Im Mittelfeld liefen die Österreicher die Gegenspieler zu Beginn mannorientiert an. So ab der 5. Minute stellte sich dann das Spiel ein, das man erwarten durfte: Spanien drückte Österreich hinten rein und das ÖFB-Team versuchte, irgendwie den Strafraum sauber zu halten. Man sah dem Team an, dass das ein Spiel ist, in dem man sich nicht sehr wohl fühlt. Es war immer alles an der Grenze zum Hektischen, zuweilen darüber.
Wenn aber Spanien von etwas weiter hinten aufzubauen versuchte, so um den Mittelkreis herum, schob Österreich sofort nach vorne und lief die Ballführenden an. In den seltenen Situationen, in denen in dieser Zone ein Ballgewinn gelang, griff das spanische Gegenpressing sehr schnell. Ein Umschaltmoment für Österreich ging sich nicht aus - wenn man in Ballbesitz blieb, dann über einen sichernden Pass nach hinten. In den allermeisten Fällen war ein gewonnener Ball aber binnen Sekunden wieder bei Spanien.
Und wenn Österreich doch im Angriffsdrittel war (wie in den letzten paar Minuten der ersten Halbzeit) war da sehr viel Improvisation und einiges an Hudelei, aber wenig Durchdachtes zu sehen - ebenso wie technische Mängel in der Ballbehandlung, die rasche Abschlüsse verhinderten.
In der allerersten Aktion nach der Trinkpause lief Porro tatsächlich einmal durch und er bekam im Rücken von Laimer und Sabitzer auch prompt den Ball von Yamal, seine Flanke landete im Irgendwo - der Move selbst blieb zwarr ein Einzelfall, aber Spaniens Teamchef Luis de la Fuente hatte bei seinem Team in der Werbepause sehr wohl adaptiert.
Zum einen wartete Spanien nun zunächst mehr mit dem Ball in der eigenen Abwehr, wollte österreichisches Aufrücken provozieren und damit Räume hinter dem Ball schaffen.
Zum anderen richtete Spanien den Fokus nun extrem auf die Halbräume. Rechts rückte Yamal etwas weiter ein und ließ sich von Porro hinterlaufen, um einen aus dem Duo Sabitzer/Laimer rauszuziehen. Auf der linken Seite blieb Cucurella ganz weit außen, um Schmid bzw. Posch zu binden - und somit Raum zu schaffen, durch den Baena im Halbraum nach vorne dribbeln konnte.
Genau mit diesen beiden Dingen baute Spanien das eh schon längst überfällige 1:0 in der 36. Minute ein. Ein paar Minuten zuvor war Österreich nochmal davon gekommen, weil Laporte und Cubarsí bei einem Eckball Alex Schlager, wie es Refere Nyberg befand, regelwidrig blockten. Zur Halbzeit stand es 1,3 zu 0,1 an Expected Goals, Spanien hatte 63 Prozent Ballbesitz.
Ralf Rangnick nahm für die zweite Halbzeit Xaver Schlager und Nicolas Seiwald vom Feld, Grillitsch und Wanner übernehmen die Doppel-Sechs, Chukwuemeka die linke Mittelfeld-Seite und Sabitzer ging ins Zentrum. Im tiefen Block verteidigen kann dieses österreichische Team in Wahrheit nicht, darum war die Intention nun sichtbar eine andere.
Nämlich jene, dass die Mittelfeld-Kette im 4-4-1-1 auf die spanischen Ballführenden lief, um sie möglichst Schritt für Schritt nach weiter hinten zu drängen und sie zum Handeln zu zwingen, anstatt einfach nur gemütlich die Führung über die Zeit zu ballbesitzen. Der Effekt war aber, dass man selbst im Zwischenlinienraum Räume aufmachte und durch die Mannorientierungen keine strukturierte Abdeckung da war, wenn Spanien durch die Mittelfeld-Kette durchkam.
Wie eben auch in der 66. Minute, als eine Kombination über Olmo, Cucurella und Baena zum 2:0 durch Porro führte.
Wenn man sich bis dahin so etwas wie Spannung einreden wollte, war diese damit endgültig dahin. Kurz zuvor waren bereits Arnautovic und Kalajdzic gekommen, zwei Große, die vorne auch mal Bälle festmachen können sollen. Daran hatte es bis dahin schwer gefehlt und viel besser wurde das mit den beiden auch nicht. Der einzige wirklich schön vorgetragene Angriff über Alaba und Arnautovic schickte Chukwuemeka in einen zu spitzen Winkel, einmal bekam Kalajdzic und einmal Posch eine Sabitzer-Flanke nicht ganz richtig platziert. Mehr war nicht.
Und doch blieb Österreich konsequent dabei, die Spanier im Mittelfeld anzulaufen, man ergab sich nie vollends in eine Situation, in welcher der Gegner (wie Algerien, ähem) einfach die Uhr runterspielen kann. Auch wenn die Präzision und die Konsequenz nicht mehr da waren - Grillitsch holte sich von Alaba einen kräftigen Anschiss, weil er einfach im Mittelfeld stehen geblieben war, als Oyarzabal einen Sprint anzog und Alaba auf der Linie retten musste.
Drei Minuten später war es just Alaba, der nach dem Aufrücken nicht rechtzeitig zurück war, womit Oyarzabal in aller Seelenruhe zum 3:0 einschieben konnte.
Man muss nicht drumrum reden, Österreich warchancenlos. Das ist gegen ein spanisches Team, das als Einheit sehr gut funktioniert und nach einer holprigen Vorrunde nun im Turnier angekommen zu sein scheint, keine Schande. Man wollte den spanischen Ballbesitz nicht ganz wehrlos über sich ergehen lassen, schon alleine das versöhnt ein wenig mit dem, Zitat Sabitzer, unseriösen Auftritt gegen Algerien. Immerhin.
Tief im Block verteidigen kann Österreich nicht. Rangnick probierte verschiedene Besetzungen im Zentrum, auf den Flügeln, in der Spitze, letztlich bleibt die Diagnose: Was immer dieser Kader und dieser Trainer aus dem Hut gezaubert hätten, nichts hätte den individuellen Klassenunterschied wettmachen können. Wenn der Europameister einen halbwegs seriösen Auftritt hinlegt, wie das an diesem Donnerstagmittag in Los Angeles der Fall war, kommst du als Österreich ganz einfach nicht hin.
Vor allem, wenn man als Österreich von der Topform ein schönes Stück entfernt ist.
Nachdem der erste Sieg bei einem WM-Spiel nach 36 Jahren gelungen ist und nach dem dramatischen Finish gegen Algerien wird dieses K.o.-Spiel eine Fußnote in der Erinnerung bleiben. Ah, genau, 0:3 gegen Spanien, jo eh. Das war auch. Zu analysieren gilt es für Rangnick, Schöttel und Co. in den kommenden Tagen und Wochen eher die Spiele in der Vorrunde, nicht dieses Sechzehntelfinale.
Denn hier konnten sie einfach beim besten Willen nicht viel ausrichten.
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