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Ann Cathrin's Digital Digest · Jan 12, 2025

Hört auf über Desinformationen zu reden!

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Beobachtungen im Urlaub und die Ursachen politischer Krisen: Warum wir Desinformationen nicht überschätzen sollten.

Ich wünsche ein frohes Neues Jahr! Ich hoffe, Ihr seid gut gestartet. Ich bin wieder mit einer kleinen Biblothek in den Urlaub geflogen und habe mir über die Welt und diesen Newsletter Gedanken gemacht. Ich versuche es also mit einer neuen Struktur – einem Text mit Gedanken von mir, die in Arbeit sind, gepcikt mit weiterführenden Links und dann einer Sammlung von spannenden Dingen, die ich im Themenkomplex Digitalisierung, Demokratie und Geopolitik gelesen habe und gerne empfehle. Ich hoffe, die neue Struktur gefällt Euch und bin gespannt auf Euer Feedback!

In meinem Urlaub sitze oder liege ich überall mit einem meiner Bücher: am Pool, im Restaurant, in der Bar. Nur beim Frühstück, da ist die Zeitung auf dem Tisch. Und da las ich in einer Kolumne von Rainer Hank in der FAS über die Beobachtung und Feststellung, dass Leute heutzutage immer mehr hören als lesen: seien es Podcasts, Videos oder TikToks. Mir fällt das nicht wie ihm im ÖPNV so besonders auf, sondern in meinen Urlauben im All-inclusive Traum. Ich sah dort gerade bei Kindern mehr digitale Endgeräte (unzählige) als Kinderbücher (keine). Ab und an ein Malbuch. Als Kinderlose will ich hier gar nicht arg darüber urteilen, wieviel, was und ab wann ein Kind mit YouTube Videos beschallt werden sollte. Was mich allerdings erschrickt, sind die Intensität und die Rücksichtslosigkeit dabei.

Es war bisher wirklich in allen Urlauben so, dass zahlreiche Kinder beim Essen in den Hochstuhl gesetzt wurden und in der nächsten Handlung das Handy im Querformat mit einem Video vor das Kind gestellt wurde. Dann ging es darum das Essen ins Kind zu schaufeln – das übrigens nie quängelig war, sodass man sagen konnte: “okay, das ist jetzt wirkich das letzte Mittel der Wahl um Essen in das Kind zu bekommen”.

Am Abend in der Bar dann das gleiche Bild: Kind, schon größer, daher mit Kopfhörern, sitzt vorm iPad in Kindervorrichtung am Bartisch, nebendran die Eltern, ins Handy starrend und ab und an bekommt das Kind Chips in Mund geschoben, während es weiter ungerührt auf den Bildschirm starrt. Kleinere Kinder bekamen in der Bar das Tablet auf den Stuhl gestellt. Ton aufgedreht und dann mal gucken, ob es so beschäftigt ist, dass Mama und Papa in Ruhe auf ihr Handy starren können. Das Video (mit wirklich schrecklichen Songs) plärrte also durch die Bar, während das Kind es ignorierte, lieber frei durch den Raum tanzte (was Kinder in Familienhotels auch sehr gerne machen dürfen). Ein Blick in den Buggy erschreckte mich dann: der kleine Junge von vielleicht zwei Jahren hatte nichts anderes dabei um sich zu beschäftigen. Nun kenne ich das ein bisschen von Freund:innen, da ist im Buggy immer irgendwas. Plüschtier, Buch, irgendwas. Aber da war nichts. Es gab für das Kind nur das Tablet zur Beschäftigung. Und seine Wolldecke. Als ich darum bat das Video auszumachen, da es ja eh niemand sieht, wurde ich mit großen Augen gefragt, ob es mich nerve.

Ich habe wirklich nichts gegen Kinderkrach. Ganz und gar nicht. Und ich habe auch kein Problem damit dass ein Kind mal beim Essen ein Video gucken darf, weil es echt schlecht gelaunt ist. Aber es schockiert mich mit welcher Selbstverständlichkeit eine Dauerbeschallung stattfindet und es keine Alternativen gibt (das sind zwei Beobachtungen, die ich ähnlich in den letzten drei Urlauben zigfach gesehen habe). Mit welcher Schamlosigkeit die gesamte Umgebung beschallt wird. Übrigens auch von Erwachsenen und ihren Inhalten und Telefonaten. Das Vorbeirauschen der Reels und TikTok’s darf jeder Umstehende mitannören - es ist, als wären Kopfhörer noch nicht erfunden. Es wurde sogar auf dem Hinflug bei der Durchsage der Sicherheitsanweisungen daraufhingewiesen, dass bitte Kopfhörer zu verwenden sind.

Erzählen tue ich das alles, als Überleitung für mein heutiges Thema Desinformation. Denn auch im Urlaub diskutierte ich mit einem Freund über das Thema TikTok. Er sagte, Küchentischgespräche verlagerten sich zunehmend ins Digitale. Ich stockte in dem Moment und dachte an diese ganzen Erlebnisse. “Nein”, sagte ich, “es gibt gar keine Küchentischgespräche mehr. Ich glaube, dass ist etwas, was zunehmend zu einer Ausnahme, vielleicht sogar zu einem Prvileg wird.” Und dann noch, dass auf Plattformen wie TikTok und auch Instagram ja noch weniger “Gespräche” stattfinden, denn auf Twitter oder Facebook, denn dort habe ich vornehmen Zweiergespräche bzw. “Reactions”.

Ohne das Reden, Zuhören, Verstehen, Miteinander-Denken und das Aushalten anderer Positionen verlieren wir die Grundlage für echte Gespräche. Gespräche, die nicht nur dazu dienen, einander zu verstehen, sondern auch uns selbst. Denn wie sollen wir eine eigene Meinung entwickeln, wenn wir kaum noch die Gelegenheit haben, unsere Gedanken im Dialog zu formen und zu hinterfragen?

Diese Entwicklung, die sich in digitalen Räumen wie TikTok, Instagram oder auch in den Alltagsszenen meines Urlaubs zeigt, bereitet mir Sorgen. Sie macht den Boden für populistische und rechtsextreme Narrative nur noch fruchtbarer. Im heutigen Essay hinterfrage ich, warum Desinformationen so oft als Ursache für den Erfolg dieser Narrative genannt werden, und lade Euch ein, mit mir über die tieferliegenden Probleme nachzudenken.

Ich bin gespannt, wie Ihr darüber denkt – viel Spaß beim Lesen!

Ann Cathrin

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Thoughts in Progress

Hört auf über Desinformationen zu reden!

Ich habe mich selbst jahrelang intensiv mit Desinformationen beschäftigt. Und keine Sorge, ich will das Problem nicht negieren. Ich will mit ein bisschen Provokation zum Nachdenken anregen.

Wissen wir, in welchem Ausmaß Desinformationen Wahlergebnisse beeinflussen? Nein. Ehrlich gesagt, habe ich immer stärker das Gefühl, dass wir – die Guten – uns das einreden, um Ursachen dafür zu externalisieren. Und zwar an Big Tech und Algorithmen. Die Forschung zum Thema exisitiert nun schon eine ganze Weile, schließlich war das Thema bereits bei der ersten Wahl Trumps prominent und auch beim Brexit. Bisher konnten Studien lediglich zeigen, dass eine kleine Gruppe von Menschen durch Desinformation beeinflusst werden, diese neigten aber ohnehin zu Verschwörungstheorien. Dass lediglich eine kleine Gruppe beeinflusst wurde, kann daher nicht die Wahlsiege Trumps oder das Brexit-Votum erklären.

Eigentlich wissen wir aus der politischen Soziologie, dass es unfassbar schwer ist, das Wahlverhalten von Menschen vorherzusehen bzw. zu erforschen, was sie genau dazu bewegt, jemanden zu wählen. Daher ist es umso interessanter, welche enorme Bedeutung Desinformationen zugeschrieben wird. Auch hier erkennen immer mehr Forscher:innen an, dass – oh Wunder – doch mehr Faktoren, vor allem soziale und wirtschaftliche, Einfluss auf die Wahlentscheidung haben.

Desinformationen fallen ja nicht vom Bildschirm in einen luftleeren Raum, sondern scheinbar auf ziemlich fruchtbaren Boden, wenn wir annehmen, dass sie eventuell bestimmte Einstellungen verfestigen und verstärken. Will sagen: Wenn ich schon das Gefühl habe, “die da oben werden privilegiert” behandelt und ich bekomme das durch Falsch- oder Desinformationen (die Definitionen von beidem verschwimmen arg) bestätigt, dann verfestigt sich meine eh schon vorhandene Einstellung nur. Warum fragen wir uns aber nicht, woher kommen solche Einstellungen, wie “die da oben werden privilegiert” und andere? Denn tun wir das nicht, nehmen wir ja an, dass diese Einstellung, dieser Eindruck, dieses Gefühl grundfalsch wäre.

Aber ist es das? Eine kurze Anekdote: Kürzlich erzählte mir eine Freundin, dass sie einen Anruf von einem beauftragten Dienstleister bekam. Der war entrüstet, dass er nun im Jahr 2025, wo es Pflicht geworden ist, die xRechnung für seine einzureichende Rechnung verwenden muss. Sie kamen im Gespräch darauf, warum das so ist – um Steuerhinterziehung vorzubeugen. Dass wir diese nicht wollen, war allen Beteiligten klar. Aber dann sagte er: “Weil es so große Skandale um Cum-Ex gegeben hat, werden wir Kleinen jetzt dafür gegängelt und die Verursacher und die dicken Fische kommen davon.” Hat er unrecht?

Ich glaube, dieses Gefühl der Ungerechtigkeit ist bedeutend größer, als wir meinen. Und es hat einen Ursprung: die Finanzkrise. Insbesondere in den USA konnten wir sehen, wie die großen Banken gerettet wurden. Kein Banker wurde gerichtlich zur Verantwortung gezogen. Ja, es gab ein paar mehr Regularien – aber wirkliche Konsequenzen? Gleichzeitig verloren unfassbar viele Menschen ihr Zuhause. Auch wenn sie einen Kredit bekamen, den sie hätten gar nicht kriegen dürfen, um ein Haus zu kaufen, bleibt dennoch die Erfahrung, dass man selbst alles verliert, erarbeiteter Wohlstand dahin ist und die, die dafür verantwortlich sind, ungeschoren davon kommen. Das macht etwas mit einem.

Aber damit endeten ja nicht die Auswirkungen der Finanzkrise. Die Märkte rappelten sich wenige Jahre später wieder auf, die Börsenkurse stabilisierten sich. Wer Aktien hatte, dem ging es wieder sehr gut – allen anderen nicht. Jobs gingen verloren, gerade in den USA, neue Jobs brachten weniger Einkommen als der davor. Das alles hatte krasse Auswirkungen, insbesondere auf mittelalte weiße Männer der Arbeiterklasse der USA. Die Fälle an Selbstverletzungen und Tod nahmen in dieser Gruppe rasanter zu als in anderen Gruppen. Tod durch Alkohol- oder Drogenmissbrauch vervierfachte sich zwischen 1999 und 2013. Ein Anstieg der Todesrate in diesem Ausmaß hat man sonst in entwickelten Nationen nur in Zeiten von Krieg oder Pandemien gesehen (mehr dazu in The Rise and Fall of The Neoliberal Order).

Selbstverständlich gab es noch weitaus mehr Auswirkungen der Finanzkrise, auch auf andere Gruppen. Und in Europa sahen und sehen wir eher Ableitungen dieser Auswirkungen und nicht exakt die Gleichen, insbesondere dank der Politik, die hier mit Maßnahmen versucht hat gegenzuhalten. Und doch: die westlichen Industrienationen sind nicht ohne Blessuren aus der Finanzkrise herausgekommen. Insbesondere die Menschen nicht, die eher in der unteren Mittelschicht und Arbeiterklasse zu verorten sind.

Parallel zur Finanzkrise kamen weitere neue Dinge hinzu: Das erste iPhone (2007), Facebook, das 2004 gegründet wurde und Twitter, das zwei Jahre später kam, hatten erst in den Jahren nach der Finanzkrise ihren globalen Durchbruch. Es kam also eine neue Möglichkeit, Informationen zu konsumieren. Insbesondere eine, die auf einen persönlich zugeschnitten wurde. Eine, die uns nicht mehr allen das Gleiche zeigte, wie die Abendnachrichten im Fernsehen oder die gedruckten Informationen in der Zeitung.

Wenn also etwas eine Gesellschaft so erschüttert, wie die Finanzkrise und gleichzeitig etwas Neues, wie die Algorithmen der sozialen Medien aufkommen, ist es nicht überraschend, dass dieses “Neue”, für die Eruption der politischen Landschaft und den Rechtsrutsch ursächlich sein muss. Doch ich glaube immer mehr, dass hier viel zu vorschnell eine kausale Verbindung hergestellt wurde. Mit Sicherheit korreliert beides, aber ich glaube immer stärker, dass wir uns in eine Sackgasse begeben, wenn wir die aktuelle Lage und vor allem Wahlergebnisse rechtsextremer Kandidat:innen vornehmlich mit der Wirkung von Desinformationen über soziale Medien erklären wollen.

Für mich wird das immer mehr zu einem Techsolutionism – Algorithmen stärker regulieren und dann hört das mit den Desinformationen auf (keine Sorge, ich plädiere nicht dafür, deren Regulierung aufzugeben). Daher wird in der Debatte aber vollkommen übersehen, warum denn Des- und Falschinformationen, so gut fruchten. Die Beschäftigung mit dem Warum würde nämlich bedeuten, dass wir uns viel stärker mit dem evtl. auch eigenen Handeln, z.B. als politisch Verantwortlicher, und dem Ignorieren der Auswirkungen dieser Finanzkrise auf unsere Mitmenschen, denen es weniger gut als uns geht, hätten beschäftigen müssen. Das ist ganz schön anstrengend und kann eben nicht externalisiert werden.

Es ist eben nicht alles gut gelaufen. Jüngst hat das Pew Research Insitute eine neuste Studie zur weltweiten Ungleichheit veröffentlicht. Darin heißt es, dass Menschen weltweit wirtschaftliche Ungleichheit als herausragendes Problem ansehen. 54 Prozent der Erwachsenen stimmen der Aussage zu, dass die Kluft zwischen Arm und Reich ein “sehr großes Problem” ist. In Deutschland übrgens, war die Anzahl derjenigen, die es als “einigermaßen großes Problem” an sehen, mit 91 Prozent weltweit am höchsten. 61 Prozent sehen das Problem hierzulande als sehr groß an. Hinzu kommt, dass gerade gerade in reichen Ländern die Zukunftangst ebenfalls groß ist. Die Mehrheit der Befragten, glaubt nicht mehr an das Wohlstandsversprechen, dass es den Kindern mal besser geht (hierzu auch: Andreas Reckwitz: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne).

Passend dazu las ich heute in der Zeit von Bernd Ulrich:

Gefangen in ihrem Normalismus, vermögen die Parteien der Mitte nicht zu sehen, dass der disruptive Zeitgeist zwei sehr verschiedene Quellen hat: Die Disruption der Rechten zielt darauf, die Wohlstandskrise des Westens zu lindern, indem man sich demokratischer, rechtsstaatlicher und moralischer Bindungen entledigt und den Egoismus entfesselt. Disruptionsdruck kommt aber auch aus den Problemen selbst, die eben mit gewöhnlicher Politik meist nicht mehr zu bewältigen sind. Darum kann es nicht funktionieren, der dunklen Disruption der Rechten eine verlorene Normalität entgegenzusetzen, vielmehr müsste eine helle Disruption entworfen werden.

Hier liegt meines Erachtens der Kern: die Rechten versprechen ihren Wähler:innen, dass sie wieder zu ihrem Wohlstand kommen werden, den “die da oben”, die Banker, die Politiker ihnen in ihren Augen weggenommen haben bzw. sich selbst bereichert haben, während das “eigene Volk” leiden musste. Und im Populisten Playbook ist es natürlich einfacher, “die da oben” pauschal zu verurteilen, “woke” und Migrant:innen für die Misere verantwortlich zu machen, anstatt über notwendige wirtschafts- und finanzpolitische Reformen zu diskutieren. Vergessen darf man natürlich auch nicht: diese Rechte benutzen nicht nur ihren Rassimsus zum Gewinnen von Wahlen, sie stehen wie Trump und seine MAGA-Anhänger auch voll und ganz dahinter, denn es sind Rassisten. Es passt aber leider auch unglaublich gut, um zu Recht von der Politik frustrierte Menschen für sich zu gewinnen.

Ricarda Lang hat in der aktuellen Ausgabe der “Blätter” einen exzellenten Text geschrieben, der hoffentlich auch bald digital verfübar ist. Seit ihren Rücktritt als Parteivorsitzende reflektiert sie auch öffentlich viel über ihre Zeit als Vorsitzende einer Partei, ihre Sprache und wie Politik ganz allgmein spricht und handelt. Insbesondere ihre eigene. In ihrem Text führt sie hervorragend aus, warum das abstrakte Beschwören der Demokratie zu wenig ist. Jemand, das muss man zur Kenntnis nehmen, dem Zuversicht für die Zukunft fehelt, dem es wirtschaftlich nicht gut geht, jemand, der sich von “dieser Demokratie” betrogen fühlt, insbesondere durch die Auswirkungen der Finanzkrise, die er oder sie zu spüren bekam, der wird sich nicht durch Beschwörungen der Demokratie als System zur Wahl einer demokratischen Partei bewegen lassen. So moralisch richtig das auch wäre – aber Moral funktioniert auf dem Wahlzettel eher weniger, das mussten wir die letzten Jahre erleben und erkennen.

Sie plädiert daher für drei Dinge:

  1. Besser machen schlägt besser erklären. Sie sagt richtigerweise, dass Aussagen wie “wir müssen aktiver auf TikTok sein” impliziert, dass man selber meint, man mache alles richtig, die Leute es nur nicht verstehen würden, daher erklärt man es einfach nochmal und auf einem weiteren Kanal. Dabei geht es nicht ums besser erklären: die Leute fühlen sich mit ihren Alltagssorgen, z.B. finanzielle, nicht abgeholt.

  2. Sagen, was ist: Auch hier sagt sie richtigerweise, dass die Menschen ein Gespür dafür haben, dass ihnen etwas vorgehalten wird (und ich meine, auch daher fruchten Falsch- und Desinformationen so gut). Sie sagt, dass das deutsche Wirtschaftssystem sich viel zu lange auf die eigene Stärke verlassen habe, die nun zurückerkämpft werden müsse. Außerdem müssen wir durch Anpassungen an die Klimakrise und bezüglich der Sicherheitspolitik mehr Geld für diese Bereiche ausgeben. Es wird also Anpassungen brauchen – das dürfen Parteien nicht weiterhin leugnen (übrigens wünschen sich in Deutschland 68 Prozent eine große Anpassung des Wirtschaftssystems (keine Sorge, das bedeutet nicht gleich Kommunismus oder Sozialismus)).

  3. Raus aus der Berliner Blase: Selbstkritisch sagt sie hier, dass sie Nebensätze als Vorsitzende so formuliert hat, um nicht direkt sagen zu müssen, was sie eigentlich sagen sollte, aber wusste, dass die Berliner Blase, inklusive der Medien, hoffentlich verstehen würde, was sie eigentlich sagen wollte. Es ging also vielmehr darum, für diese Gruppe an Menschen zu sprechen und nicht die Bevölkerung in Gänze. Hinzu komme, dass sich Mediendiskurse auf Nebensächlichkeiten fokussieren würden, aber auch hier die Alltagsprobleme der Menschen zu wenig Berücksichtigung fänden.

Um zum Ende zu kommen: Desinformationen sind ein Problem – nicht, dass mir jemand etwas anderes unterstellt. Aber es wird meiner Ansicht nach zu einem weitaus größeren Problem, wenn Desinformationen vorgeschoben werden, um sich mit eigentlichen und grunsätzlichen Problemen zu befassen. Das gilt auch für russische Desinformationen, die scheinbar nur ein Vorwand in Rumänen waren, um die Wahl zu annulieren.

Auch Fact-Checking wird uns nicht retten. Man weiß nicht mal, ob es überhaupt etwas bringt. Es hilft vielleicht für Diskussionen am Esstisch – sofern es diese denn noch gibt. Nils Kumkar weist in seinem lesenswerten Buch “Alternative Fakten” daher darauf hin, dass es in der Posulierung von Alternativen Fakten (eben Falsch- oder Desinformationen) nicht um die Wahrheit geht, daher sei das Einfordern von Wahrheit auch fruchtlos:

Alternative Fakten, blenden nicht primär dadurch, dass sie bestimmte Menschen von falschen Tatsachen überzeugen, sondern dadurch, dass sie kommunizieren, jemand glauben nicht an eine bestimmte Tatsache, und damit in der Kommunikation eine Themenverlagerung nach sich ziehen, die politische Entscheidungen und Konflikte hinauszuzögern hilft.

Es geht also darum, uns davon abzulenken, Lösungen für real existierende Probleme von Menschen zu finden. Denn statt diese zu suchen, beschäftigen wir uns damit, dass jemand wieder den Klimawandel leugnet oder eben eine Person angeblich vornehmlich durch Desinformation gewählt wurde. Das können wichtige Diskussionen sein. Aber unsere Prioritäten sollten andere sein.

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