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Die Eskapade · Nov 17, 2024

MÄCHTIGES Vermächtnis

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Die Eskapade · Die Eskapade

Liebe Eskapistinnen, liebe Eskapisten,

fünf Minuten, eine Zigarettenlänge, mehr habe ich nie verlangt vom Schicksal! Aber vermutlich war das der Fehler. Denn nicht das Schicksal war schuld, sondern mein Vater. Der fuhr mich jeden Tag mit dem Auto zur Schule. Wir lebten auf dem Land, ganz weit draußen. Seinetwegen kam ich jeden Tag erst auf den letzten Drücker an. Aber eigentlich zwei Minuten zu spät.

Weil ich nichts anderes kannte, dachte ich, es sei das Natürlichste der Welt, zehn Minuten im Auto zu sitzen und darauf zu warten, dass Papa mit wehendem Mantel aus dem Haus kommt. Die väterliche Autorität hielt mich vielleicht davon ab, das infrage zu stellen. Mit „Ich fänd es cool, wenn ich vor der Schule noch auf den Raucherhof könnte“ hatte ich allerdings auch kein stichhaltiges Argument im Köcher.

Und so ließ ich mich vom Muster gefangen halten – aus Bequemlichkeit, aus Lethargie oder aus Unkenntnis einer Alternative, das Ergebnis war dasselbe: nichts zu verändern, bis das Schicksal die Sache in die Hand nimmt. In meinem Fall musste die Weltenlenkerin die Angelegenheit nur aussitzen, bis ich einen eigenen Führerschein hatte.

Meine Superkraft: zehn Minuten warten

Das Leben ist gespickt mit legacy issues. Mit vermachten Unzulänglichkeiten, die uns das Leben schwer machen. Das Schema mag damals, als es in unser Leben trat, Sinn ergeben haben. Sich seiner zu entledigen, wäre vielleicht nicht einmal schwer. Wir haben nur vergessen, die Frage zu stellen: Warum eigentlich?

Die zwei kleinen Zweifelworte sollte jede und jeder stets bei sich tragen. Das skeptische Innehalten funktioniert in Beziehungen, im Beruf, beim Speiseplan ... überall dort, wo Trott das schöne Leben bedroht. Ich habe diese Woche ein paarmal skeptisch um mich geblickt. Und weil ja gerade alles so politisch ist, hab ich vor allem Politik infrage gestellt.

Die FDP nimmt in unserer Parteienlandschaft das Label „liberal“ in Beschlag. Wer liberal denkt und fühlt und dem politisch Ausdruck verleihen will, wird von der legacy unseres politischen Systems gestupst in Richtung Freidemokraten. Warum eigentlich?

Mich selbst stellt dieser Umstand vor ein Dilemma. Ich würde mich im Wortsinne als Liberal-Ultra bezeichnen, bin aber noch nie auf die Idee gekommen, mein Kreuz zu machen bei der liberalen FDP (und das als jemand, der Mitglied in gleich zwei Parteien war und im Grunde jede Partei schon einmal gewählt hat, die nicht in einem Verfassungsschutzbericht aufgetaucht ist).

Liberale Bromantik

Ende der Woche wurde eine Recherche der „Zeit“ als eilmeldungswürdig erachtet, in der Christian Lindners Skript fürs Platzen der Koalition aufgeschrieben war. So viel Zyniker bin ich, dass mich der Krach vom Reißbrett nicht aus der Fassung brachte. Was Lindners Laienspieltruppe aufgeführt hat, fügt sich nahtlos ein in eine Gesamtgemengelage, für die Lindner nicht allein verantwortlich ist.

Als die Ampel geplatzt war, wurde von allen Seiten gemahnt, der Hauruck-Wahlkampf, der jetzt anstehe, solle doch bitte mit Anstand vonstattengehen, der lieben politischen Kultur wegen. Gleich danach wurde so erbittert wie inhaltsfrei über Papiervorräte gestritten. Merz und Lindner flegelten feixend im Bundestagsplenum wie die zwei Jungs, die den Zweitklässlern gleich das Milchgeld abnehmen.

Und was haben eigentlich alle mit Wirtschaftsminister Habeck? Für die einen ist er der Antichrist, die anderen tun, als könnte er Lastenräder in Ferienhäuser an der Côte d’Azur verwandeln. Wie die großen Medien den jeweils anderen Spin weitertrompeten, grenzt inzwischen an Satire.

Die Bekenntnisse zur hochheilgen politischen Kultur waren nichts als Lippenbekenntnisse. Und doch ist nichts von der vermeintlichen Kulturlosigkeit unserer Tage wirklich neu. Persönliche Machtinteressen im Konflikt mit dem Gemeinwohl gab es schon immer. Botschaften, die gepresst werden in mediengefällige Formate, erst recht. Steile Tweets waren früher Zitate im „Bild“-Aufmacher. Der „politische Heiratsschwindler“ war die „fünfte Kolonne Moskaus“.

“Die politische Kultur war früher viel besser!” (jemand mit schlechtem Gedächtnis)

Eine wirklich neue Qualität verkörpert nicht einmal Investor Christian Reber, der sich in dieser Woche mit einem kruden und geschichtsblinden Vorschlag1 unfreiwillig zum „Peter Thiel, auf Wish bestellt“ aufschwang. Vom meschuggen Inhalt abgesehen, spricht allerdings gar nichts gegen prominente Einmischung in die Politik. Zum Initiationsritual deutscher Liedermacher gehörte es schließlich jahrzehntelang, mindestens einmal auf einer Bühne gesehen zu werden mit Willy Brandt.

Immer gleiche Routinen haben ihren Sinn. Unser Gehirn würde sehr schnell an seine Grenzen stoßen, wenn es jedes Problem ganz von Neuem betrachten müsste. Ein wiederkehrendes Muster spart Kräfte für die wirklich wichtigen Aufgaben. Die Kunst liegt darin zu erkennen, wann das Festhalten am Immergleichen Neues verhindert anstatt es zu ermöglichen. Für unsere politische Kultur sehen die, die sie machen, diesen Punkt offenbar noch nicht gekommen. Warum eigentlich?

Bis nächsten Sonntag!

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Einfach mal googeln, Herr Reber: Papen Hitler Zitat Ecke quietschen.

Read the original on andreaslaux.substack.com

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