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Alliteratus | Ihr Onlinemagazin rund um Literatur & Medien · Jan 17, 2026

Nasrin Siege: Vor mir die Reise. Leben zwischen Iran, Deutschland und Afrika

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Moseron · Alliteratus | Ihr Onlinemagazin rund um Literatur & Medien

Ich hatte das große Glück, Nasrin Siege schon vor vielen Jahren kennenzulernen; erst ihre Bücher und dann sie selbst, als vor Jahren mein Kollege Bernhard Hubner und ich auf der Frankfurter Buchmesse eine Dokumentation zu ihren Veröffentlichungen und ihrem Leben machen durften.

Der Razamba Verlag, der eine Reihe ihrer Bücher veröffentlicht hat, bezeichnet sie als „Kinder- und Jugendbuchautorin, Lyrikerin, Märchensammlerin, Psychologin, Entwicklungshelferin“. Im Gegensatz zu anderen Autoren musste sie sich das Wissen zu den gesellschaftlichen Themen nicht erst über Sekundärliteratur oder kurze Besuche in den verschiedenen Ländern aneignen, sondern konnte aus ihren eigenen Erfahrungen schöpfen. Das gelang ihr so gut, dass sie – hoch verdient – 2022 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland erhielt, dem bereits 2006 der Two Wings Award (Österreich) und noch früher, 1993, der Kinderbuch-Preis der Ausländerbeauftragten des Berliner Senats vorausgegangen war. Auf der Webseite des Razamba Verlags findet man zu ihr diese Informationen:

„Geboren 1950 in Teheran/Iran, wuchs sie in Hamburg und Flensburg auf. Sie studierte in Kiel und arbeitete als Psychotherapeutin in Friedrichsdorf/Taunus. Von 1983 bis 2016 lebte sie, unterbrochen von kurzen Aufenthalten in Deutschland, in Tansania, Sambia, Tansania, Madagaskar und Äthiopien. Seit Oktober 2016 lebt Nasrin Siege in Deutschland. Viele ihrer Bücher handeln von Kindern und Kindheit in Afrika.“ Das sind mehr als 30 Jahre, die sie als außerordentliche Kennerin des Kontinents ausweisen. In diesen afrikanischen Zeiten gründete sie 1996 den Verein Hilfe für Afrika e.V., mit dem sie bis heute Bildungsprojekte in verschiedenen afrikanischen Ländern unterstützt.

Nasrin Siege ist Mitglied im PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland und Mitglied im Netzwerk „Die Mainautoren“. Und tatsächlich spiegeln das auch die grundlegenden Themen ihrer vielfältigen Veröffentlichungen, Romane und Geschichten wider, die in den unterschiedlichen Ländern spielen.

Auf ihrer eigenen Webseite kann man dem schon mal grob folgen. Da heißt es: „Ich lade Sie zu einer kleinen Entdeckungsreise auf meiner Homepage ein. Bitte schauen Sie sich die verschiedenen Einträge zu den zugehörigen Kategorien an. Folgen Sie mir mit meinen Büchern, meinen Gedichten, meinen Veranstaltungen und meinen Projekten nach Tansania, Madagaskar, Sambia, Äthiopien; und nach Persien und Deutschland. Das sind die Länder, in denen ich gelebt habe und bis heute noch lebe ...“.

Man kann nicht anders, als Nasrin Sieges ganzes Leben als eine „unendliche Reise“ zu bezeichnen, eine Reise zu anderen Menschen, anderen Völkern, einem anderen Kontinent. So liest sich das Buch in weiten Teilen wie ein spannender ausführlicher Reiseführer, der aber einem „normalen“ gegenüber einen ganz großen Vorteil hat. In der Regel sind Reiseführer nicht von „Einheimischen“ geschrieben, sondern von Ausländern, die aus ihrer eigenen Kultur kommen; also schreiben Deutsche Reiseführer zu anderen Ländern für Deutsche, die in dem Land vielleicht Urlaub machen wollen. Das macht vielleicht keinen großen Unterschied, wenn man an europäische Länder denkt, deren Kultur doch sehr verbindend ist, auch wenn in Einzelheiten Unterschiede bestehen. Diese Sichtweise ist ja auch berechtigt und interessant, denn der Nutzer eines solchen Reiseführers kann ziemlich sicher sein, das zu finden, was er sucht.

Das ist bei Vor mir die Reise ganz anders. Hier spricht, erzählt, wertet, beschreibt eine Autorin, die sozusagen zu beiden Teilen gehört, eine Autorin, die für dieses Buch, für uns Leser mit „unseren“ Augen sieht und berichtet, aber mit ihren eigenen Augen verstehend wahrnimmt, was dahinter steht. So werden Fakten, Ereignisse, Gesellschaft, Zusammenleben, Lebensgewohnheiten nicht einfach für den Leser aufgezählt, sondern sie treten bildhaft vor Augen, weil es eben „echte“ Menschen sind, von denen die Rede ist, und vor allem von Frauen, die oftmals in aller Armut ohne jede Perspektive in ihrer Kultur und Gesellschaft leben, ohne eine Chance zu sehen, dies jemals zu ändern, wenn ihnen dieser Gedanke denn überhaupt käme.

Das ist dann genau der Punkt, an dem Nasrin Siege ansetzt, und dies zieht sich methodisch durch das ganze Buch, „Sie erzählt von Ausgrenzung und Freundschaft, von Begegnungen mit traditionellen HeilerInnen, Straßenkindern und den Massai ebenso wie mit Jane Goodall und Henning Mankell“, heißt es auf dem Cover. Und das Buch ist noch viel mehr, weil sie es eben nicht bei den Beschreibungen belässt, sondern bei all diesen Themen konkret ansetzt, um zu verändern, um neue Perspektiven zu schaffen für die einheimischen Frauen und zugleich in den Köpfen der Männer zu verankern, damit beiden Teilen klar wird, dass und wo Veränderungen nötig sind. Und auch darüber geht das Buch weit hinaus, denn es bleibt nicht bei Ideen. Nasrin Siege hat mehrere großangelegte Projekte in verschiedenen Ländern ins Leben gerufen mit großartigen Geldgebern, die verstanden haben, dass sich etwas ändern und etwas getan werden muss, um die deprimierende Situation der Hoffnungslosigkeit zu aufzubrechen. Dass die Betroffenen dabei selbst tätig werden, ist ein Kernpunkt, damit es nach möglicher Einstellung von Geldern nicht zur Rückkehr in die Vergangenheit kommt, sondern vielmehr Ideen gesucht werden, um gezielt weiterzumachen. Dabei gefällt besonders, dass die Ideen aus dem jeweiligen Landesbereich kommen, sodass ferne Länder zwar Gelder geben, dies aber mit und von den Einheimischen umgesetzt wird. Und hinter allem steht der große Gedanke, dass all dies nur möglich ist, wenn auch Frauen eine Chance erhalten auf Bildung und Selbstständigkeit.

Man könnte endlos erzählen über dieses Buch, und es wäre doch nur ein lauer Abklatsch dessen, was mit Nasrin Sieges Hilfe und der ihrer direkten Mitstreiter in den afrikanischen Ländern wirklich passiert ist und hoffentlich weiter passieren wird.

Ein grandioses Buch, ein höchst informatives „Geschichtsbuch“, ein (aber nicht touristischer) „Reiseführer“, der zugleich dem deutschen Leser alle Möglichkeiten an die Hand gibt, sich selbst gezielt zu engagieren und gezielt Projekte zu unterstützen. So, wie es bereits auch eine Reihe von Organisationen und Regierungen macht.

Danke, Nasrin, für alles, danke, dass es dich gibt!

Astrid van Nahl, Dezember 2025: Siege, Vor mir die Reise

Read the original on alliteratus.substack.com

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