Heute beginne ich eine neue Rubrik, deren Ausgangspunkt fast immer ein Gespräch ist — mit anderen oder, ebenso oft, mit mir selbst —fast immer beim Gehen. (Denn ich denke am besten unterwegs; gute Einfälle kommen oft zwischen zwei Schritten.)
Anders als in meiner Hauptserie über »Die größten Probleme der Menschheit und ihre Lösungen« geht es hier nicht ums Lösen, sondern ums Nachdenken: einem Gedanken nachgehen, bis er irgendwo ankommt. Zeitpunkt der Veröffentlichung: unregelmäßig, aber immer sonntags.
Zum heutigen Thema: Mein 15-jähriger Sohn hat die weit verbreitete Ansicht vertreten, dass Dummheit darin bestehe, Fragen nicht beantworten zu können. Mein Sohn hat also Dummheit mit Unwissenheit verwechselt. Ich habe ihm geantwortet, dass zu den meisten Themen selbst die gelehrtesten Menschen wenig zu sagen haben, denn es ist nicht möglich, alles zu wissen.
Dieser Einwand hat dazu geführt, dass wir uns gemeinsam auf die Suche nach einer Definition von Intelligenz begeben haben. Ich habe Intelligenz dabei zunächst grob als Mustererkennung definiert. Als intelligenter Mensch weiß ich, welche Informationen, bezogen auf ein Ziel, relevant sind, welche Informationen ich also beschaffen muss. Danach erkenne ich die darin enthaltenen Muster. Ich berechne das beste Resultat. (Bis zu diesem Punkt ein rein kognitiver Erkenntnisprozess.) Ihm folgt, in einem zweiten Schritt, der praktische Prozess der Umsetzung: die Handlung.
Diesem praktischen Prozess steht allerdings die Trägheit des Körpers entgegen, der Energie sparen will, die Trägheit des Körpers, der seine Gewohnheiten nicht ändern will. (Und diese Trägheit steht wohl auch bereits zuvor dem Versuch, ein Problem systematisch zu durchdringen, im Weg. Denn auch kognitiver Aufwand ist ein Aufwand.)
Zwischenbilanz: Wer seinen Körper zweimal überwindet – einmal, um zu erkennen, und einmal, um zu handeln –, um ein gestecktes Ziel zu erreichen (oder ‚besser‘ zu erreichen), den nannte ich intelligent.
Zusammen mit meinem Sohn haben wir nach einer Illustration dieses Sachverhalts, nach einem Beispiel gesucht: Wer von Málagas Zentrum schnellstmöglich zum Strand El Palo fahren will, der muss, falls es sich um eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln handelt, die Busfahrpläne kennen, die Intervalle und die Routen der Busse. Und es gibt vielleicht noch ein paar andere Faktoren wie Verkehrshindernisse, Staus und Ähnliches, die er einkalkulieren könnte. Danach kann er verschiedene Routen vergleichen und berechnen, welche ihn schnellstmöglich nach El Palo bringt.
Natürlich kann das Ziel dabei auch komplexer sein. Es könnte lauten: „Ich will schnellstmöglich nach El Palo, aber ich will möglichst selten umsteigen.“ Oder: „Ich will während der Fahrt eine möglichst schöne Aussicht genießen.“ Oder: „Ich will in einem möglichst leeren Bus sitzen” – und so weiter. Dann haben wir es mit einem Ziele-Mix zu tun. Die Busfahrt ist daher ein gutes Beispiel und wird uns noch eine Zeit lang begleiten.
Zuvor jedoch ein zweites Beispiel: Schlank werden oder bleiben! Erstens Informationsbeschaffung: Worum geht es hier? Es geht darum, wie viel ich esse und welche Zusammensetzung diese Gerichte haben – das Wieviel und das Wasmeiner Nahrung. Und es geht auch um das Wieviel und das Was meiner sportlichen Betätigung. Nach der Erkenntnis folgt die Umsetzung, und zack, ich bleibe schlank und gesund und lebe hundert Jahre.
Diese intelligenten Verhaltensweisen haben eine Gemeinsamkeit: Es gibt keinen Gegner (außer vielleicht der eigenen Trägheit). Ein Schachspiel – im Gegensatz dazu – hat einen Gegner. Aber auch viele Projekte, die wir mit anderen gemeinsam umsetzen wollen oder müssen, erzeugen Konstellationen, in denen unterschiedliche Ziele verfolgt werden. Es könnte zum Beispiel sein – und hier wende ich mich wieder dem Beispiel der Busfahrt zu –, dass zwei Menschen zwar beide nach El Palo wollen, aber der eine den zusätzlichen Parameter definiert hat, dass er nicht umsteigen will, und der andere den zusätzlichen Parameter, dass die Busse möglichst leer sein sollen. Er mag eben keine vollen Busse. Beide wollen möglichst schnell nach El Palo, haben aber einen unterschiedlichen Zusatzparameter.
In solchen Fällen ist es intelligent, eine Lösung zu finden, die für beide die beste ist. Es muss also verhandelt werden, es müssen Kompromisse geschlossen werden: auf der Hinfahrt der leere Bus, auf der Rückfahrt niemals umsteigen.
Freilich gibt es auch Menschen, die ihre eigenen Weltsichten und die daraus abgeleiteten Ziele absolut setzen. Sie sagen: „Jeder Mensch muss doch verstehen, dass es darum geht, dass kein normaler Mensch umsteigen will.” Sie versuchen also, die anderen Menschen und ihre Ziele abzuwerten, indem sie ihre eigenen Ziele absolut setzen, sie versuchen, ihre Ziele (koste es, was es wolle) durchzusetzen – d.h. nicht umsteigen, weder bei der Hinfahrt noch bei der Rückfahrt.
Ich behaupte nun, dass die soziale Instabilität, die daraus entsteht, dass man seine Ziele nicht abgleicht, dass man andere Stakeholder nicht ernst nimmt, ihre Ziele nicht nachvollzieht, nicht mit ihnen verhandelt, keine Kompromisse findet, ich behaupte, dass dies eine Art von Dummheit ist. Denn es zeigt sich, dass du auf diese Weise Ziele zwar kurzfristig erreichst, indem du sie, womöglich mit Gewalt- oder Machtmitteln durchsetzt, dabei jedoch ein System entsteht, das langfristig an seinen inneren Widersprüchen scheitert. Das tausendjährige Reich von Herrn Hitler hat, wenn ich mich recht erinnere, zwölf Jahre gehalten. So ist es mit allen Systemen, in denen das Wohl der Einzelnen über das Wohl der Reisegruppe gestellt wird. Ich behaupte also, dass Intelligenz auch Nachhaltigkeit notwendig einschließt. Ein intelligenter Mensch will seine Ziele nicht nur jetzt erreichen, sondern er will Systeme der Zielerreichung gestalten, die nicht auf Sand gebaut sind, die nicht nur kurzfristig funktionieren, die nicht die Totalkatastrophen von Bürgerkrieg, Krieg, Mord und Totschlag im Schlepptau haben.
Man könnte also, um zu meiner ursprünglichen Definition der Intelligenz zurückzukehren, sagen: Wer in Bezug auf ein Ziel weiß, welche Informationen er sich beschaffen muss, und diese Informationen sinnvoll verarbeitet, um Muster zu erkennen, die es ihm ermöglichen, dieses Ziel optimal zu erreichen; wer zweitens danach handelt; und wer drittens in einer Weise danach handelt, die die Interessen aller bestmöglich berücksichtigt – wer also zusätzlich moralisch handelt und damit nachhaltig –, den wollen wir intelligent nennen.
Jenen Menschen, der zwar intelligent, aber egoistisch handelt, wollen wir instrumentelle Intelligenz nicht absprechen. Doch es ist eine mindere, kurzsichtige und nur kurzfristig zum Erfolg führende Form von Intelligenz.
Danach habe ich mit meinem Sohn zusammen überprüft, wie diese Definition, auf die wir uns geeinigt hatten, von jenen Definitionen abweicht, die in Schulen und Universitäten besprochen werden.
Intelligenztests, die den Intelligenzquotienten messen, fokussieren sehr oft auf Mustererkennung: Setze die Zahlenreihe fort, ergänze das fehlende Glied, finde die Regel hinter den Figuren. Insofern treffen diese Tests genau unseren ersten Schritt, den kognitiven. Klassische Intelligenztests messen jedoch nicht, ob du auch dazu fähig bist, intelligent zu handeln. Sie sagen auch nichts darüber aus, welches Ziel du verfolgst.
Es gibt aber auch bessere Definitionen von Intelligenz, und diese rücken näher an unsere Definition heran. David Wechsler, dessen Tests bis heute verwendet werden, nannte Intelligenz die Fähigkeit, zielgerichtet zu handeln, vernünftig zu denken und sich mit seiner Umwelt wirksam auseinanderzusetzen. Hier ist die Handlung enthalten, das Zielgerichtete, das Wirksame – nicht mehr bloß das Wissen, sondern auch das Tun.
In der Debatte um künstliche Intelligenz kursiert schließlich eine Formel, die man aus Dutzenden vorgefundener Definitionen herausdestilliert hat, weil sie kurz und bündig ist: Intelligenz ist die Fähigkeit eines Akteurs, Ziele in möglichst vielen und möglichst verschiedenen Umgebungen zu erreichen. Das entspricht beinahe Wort für Wort den ersten beiden Schritten unseres Dreischritts – erkennen, was das Ziel verlangt, und danach handeln, und zwar nicht nur in Bezug auf eine einzige Buslinie, sondern in möglichst vielen unterschiedlichen Umgebungen und Situationen.
Und doch teilen alle diese Definitionen – die schlichte des IQ-Tests ebenso wie die subtileren von Wechsler oder den KI-Theoretikern – eine stillschweigende Voraussetzung. Diese Definitionen sind gleichgültig gegenüber dem Ziel. Sie messen die Kunst, Ziele zu erreichen, ganz gleich, welche Ziele es sind. Aus dieser Sicht ist der Betrüger, der seine Opfer bis in die Windungen ihrer Eitelkeit durchschaut, hochintelligent. Der Tyrann, der seinen Staatsstreich fehlerlos plant, ist hochintelligent. Und auch der Attentäter, der seinen Anschlag bis auf die Sekunde berechnet, gilt ebenfalls als hochintelligent. Sie alle erkennen Muster, sie alle handeln, sie alle erreichen ihre Ziele – nur sind es eben böse Ziele. Intelligenz, so diese Sicht, ist der Motor; die Moral ist ein Lenkrad, das man anschrauben kann oder eben nicht. Man könne, heißt es, jede Höhe der Intelligenz mit jedem beliebigen Ziel verbinden; der schärfste Verstand und die niederträchtigste Absicht schließen einander nicht aus.
Genau das jedoch bestreite ich. Oder, um genauer zu sein: Ich bestreite, dass es die ganze Wahrheit ist. Ich habe ja diese Form von Intelligenz zuvor ‚instrumentelle Intelligenz‘ genannt und ihr ihren Rang nicht ganz abgesprochen. Aber ich behaupte, dass solche amoralischen Definitionen einen Teil für das Ganze nehmen. Denn kein Ziel wird im luftleeren Raum erreicht. Es wird erreicht in einer Welt voller anderer Wesen, die ebenfalls Ziele haben, und es wird erreicht über die Zeit hinweg. Und sobald du diese beiden Dinge ernst nimmst – die anderen und die Zeit –, (und ernst nehmen musst du sie, wenn deine ‚intelligente‘ Lösung kein Selbstbetrug sein soll,) verwandelt sich die unmoralische Lösung vor deinen Augen von einer klugen Lösung in eine dumme Lösung. Der Mann, der niemals umsteigen will und dies den anderen aufzwingt, hat nicht etwa ein moralisches Defizit bei ansonsten intakter Intelligenz. Er hat schlicht das Muster falsch gelesen. Er hat nur die Hälfte des Spielbrettes gesehen (seine Hälfte) und sie für das ganze Brett gehalten. Und das ist, mit Verlaub, ein Erkenntnisfehler – genau jene Sorte von Fehler, die jeder Intelligenztest ihm ankreiden würde, wäre das Brett dort vollständig eingezeichnet.
Wir sind viele mit vielen Interessen – das ist die räumliche Seite. Nach mir kommen viele mit vielen Interessen – das ist die zeitliche Seite. Meine Kinder, ihre Kinder, Menschen, deren Namen ich nie hören werde und die dennoch in derselben Welt aufwachen, die ich ihnen hinterlasse.
Und nun der schwindelerregendste Punkt: Ich selbst bin morgen nicht mehr ganz derselbe, dem ich heute alles unterordne. Mein Ich ist kein Fels, es ist ein Fluss. Der, der ich in vielen Jahren sein werde, ist mit dem, der ich heute bin, nicht enger verbunden als ich mit einem nahen Freund – durch Erinnerung, durch Absicht, durch einen dünnen Faden der Kontinuität, aber nicht durch dieselbe, unteilbare Identität. Wenn das aber so ist, dann bricht der Egoismus schon in sich zusammen, bevor es überhaupt zu den Fragen der Moral kommt. Denn wen genau bevorzuge ich, wenn ich mich bevorzuge? Ein Phantom der Gegenwart, das es morgen so nicht mehr gibt. Der Egoist hat sich nicht nur in Bezug auf seine Mitmenschen geirrt. Er hat sich auch in Bezug auf sich selbst geirrt.
Es geht nicht um mich. Es geht um uns – und dieses Uns schließt die Fremden von morgen und mein eigenes künftiges Selbst mit ein.
Eine bittere Wahrheit habe ich meinem Sohn jedoch nicht vorenthalten: Kurzfristig siegt die instrumentelle, die egoistische Intelligenz sehr oft. Der Skrupellose kommt schneller ans Ziel, weil keine Rücksicht ihn bremst. Die fürsorgliche, die altruistische Intelligenz hingegen bringt ihre Protagonisten nicht selten ans Kreuz – im Wortsinn, wie wir aus der bekanntesten Geschichte des Abendlandes wissen, und im übertragenen, wie jeder weiß, der je den Mund aufgemacht hat, während die anderen schwiegen. Wer hier stehen bliebe, müsste dem Egoisten recht geben. Aber stehen zu bleiben ist genau der Fehler. Auf den Gekreuzigten zu zeigen und zu sagen „siehst du, der Altruismus verliert”, heißt, den Film an seinem dunkelsten Bild anzuhalten und dieses Bild für das Ende zu halten. Man verwechselt den Augenblick mit der Geschichte.
Denn was geschieht, wenn der Film weiterläuft? Wir haben es schon besprochen: Skrupellose Systeme scheitern an ihren eigenen Widersprüchen. Jedes System, das die Interessen aller anderen und aller künftigen Wesen mit Füßen tritt, entzieht sich selbst den Boden, auf dem es steht. Was Zukunft hat, was sich über die Generationen hinweg tatsächlich durchsetzt, ist immer und notwendig jene Variante, die auf Nachhaltigkeit setzt – in sozialer und in ökologischer Hinsicht.
Daher hatte ich mit meinem Sohn zusammen Intelligenz als die Fähigkeit bezeichnet, ein Ziel nicht nur optimal, sondern auch dauerhaft zu erreichen. Wer „optimal und dauerhaft” ernst nimmt, für den ist „intelligent, aber nicht nachhaltig” ein Widerspruch in sich. Die Rücksicht auf die anderen ist keine moralische Fessel, die man der Intelligenz von außen anlegt. Moral ist vielmehr die Gestalt, die intelligentes Handeln annimmt, sobald man das ganze Spielbrett und den ganzen Spielverlauf in den Blick nimmt.
Deshalb behaupte ich, und damit schließe ich: Moralisches Verhalten und intelligentes Verhalten sind ein und dasselbe. Der Weiseste und der Fürsorglichste sind am Ende dieselbe Person, nur von zwei Seiten betrachtet. Und wenn das schon für uns gilt, für uns kleine, kurzlebige, halb blinde Wesen – dann gilt es erst recht für jeden Verstand, der klarer sähe als wir, weiter hinaus auf das gesamte Spielbrett und tiefer hinein in die Zeit. Wer alles zu Ende denken kann, so behaupte ich, der denkt sich nicht aus der Moral heraus. Er denkt sich in sie hinein.
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