Im folgenden versuche ich, eine Kernthese aus Rodrigo Nunes’ Neither Vertical Nor Horizontal: A Theory of Political Organisation wiederzugeben. Einige prägende Auszüge daraus finden sich in den Fußnoten.
Streng genommen ist jede Ordnung – jede Organisierung – selbstorganisiert, wenn man sie nur von weit genug außen betrachtet. Selbstorganisierung ist somit kein Sonderfall bewusster Organisierung, sondern umgekehrt ist bewusste Organisierung ein Sonderfall der allgemeinen Selbstorganisierung. Wenn in politischen Debatten von „Selbstorganisierung“ die Rede ist, ist damit jedoch in der Regel horizontale Selbstorganisierung gemeint – also jene ohne nennenswerte Machtgefälle.
Doch auch in solchen Gebilden tritt in der Regel Führung auf. Führung bedeutet hier schlicht das Anstoßen neuen kollektiven Verhaltens. Ein anschauliches Beispiel dafür bietet die Natur: Eine Schar Vögel ist (horizontal) selbstorganisiert, aber nicht selbstverwaltet, denn es werden in ihr keine bewussten, kollektiven Entscheidungen getroffen. Obwohl keine nennenswerten Machtgefälle vorliegen, ist Führung dennoch permanent vorhanden. Individuen schlagen ohne die Einwilligung ihrer Nachbarn oder der Gesamtheit neue Richtungen ein, denen sich die anderen Individuen anschließen1.
Auf menschliche Organisierung übertragen, zeigt sich somit ein politischer Fallstrick: Ein Horizontalismus, der die Selbstverwaltung fetischisiert, kann lähmend wirken, indem er das Kollektiv zur absoluten Autorität erhebt. Diese Autorität wird dann fälschlicherweise durch jede eigene oder andere Initiative bedroht gesehen, da diese ohne Mandat – ohne Segen des Souveräns – Einfluss zugunsten des individuellen Vorhabens ausübt2.
Führung, verstanden als Initiative, ist für das politische Handeln aber völlig unverzichtbar – ganz gleich, ob ein Gebilde selbstverwaltet oder anderweitig selbstorganisiert ist. Die entscheidende Frage für eine emanzipatorische Politik ist daher nicht, wie Führung verhindert werden kann, sondern inwiefern diese Führungsfunktion auf einem Machtgefälle beruht und vom Zirkulieren innerhalb der Gruppe abgehalten wird34.
Herrscht ein ganz Großer,
so weiß das Volk kaum, dass er da ist. ...
Sein Werk ist vollendet
und die Geschäfte gehen ihren Lauf.
Die Menschen denken:
es geschah wie von selbst.
– Laozi, Daodejing Vers 17
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Was passiert jedoch, wenn wir die Idee der Avantgarde von ihrer Verbindung mit historischer Notwendigkeit und dem Wissen darum trennen? In diesem Fall wird eine Avantgarde-Initiative nicht als die Handlung verstanden, die die richtige Verbindung zwischen dem gegenwärtigen Moment und der Zukunft, nach der man strebt, herstellen soll. Stattdessen erscheint sie als ein Bemühen, das ‚benachbarte Mögliche‘ einer Situation zu erkunden – die virtuellen Pfade, die sie eröffnet – mit dem Ziel, diejenigen zu finden, die sowohl tragfähig sind als auch am weitesten in die gewünschte Richtung führen könnten. Es geht nicht darum, eine zugrunde liegende Notwendigkeit zu entdecken, sondern etwas ins Leben zu rufen, das vorher nicht da war: eine Richtung zu eröffnen.
Die schlimmste Wirkung des Horizontalismus könnte in der Tat sehr wohl sein, dass er ein Misstrauen gegenüber der Initiative kultiviert, das sich nach innen als Selbstüberwachung und nach außen als Paranoia richtet und letztendlich zu Lähmung führt. Wenn alles, was man beginnt, Spaltungen schafft, einige Möglichkeiten ausschließt, Einfluss zugunsten der eigenen Ideen ausübt; und wenn man dies ohne Mandat oder Präzedenzfall tut, bedeutet dies, illegitim zu handeln und die Autorität eines (noch nicht existierenden) Souveräns zu usurpieren; dann muss Initiative zwangsläufig zu einer inhärent verdächtigen Sache werden, unabhängig davon, wie relevant oder nützlich sie sein mag. Das Kollektiv wird in diesem Fall eher zu einem Wesen, das von den Individuen losgelöst ist, als zu einem Raum, in dem Individuen ihre Handlungsfähigkeit durch Kooperation erweitern: eine absolute Autorität, die alles besser weiß als diejenigen, die es bilden, eine unteilbare Einheit, die ständig von ihren eigenen Bestandteilen bedroht wird.
Eine Führungsposition könnte sich aus öffentlich manifestierten persönlichen Qualitäten, der Einhaltung von Traditionen oder expliziten, formell bindenden Verfahren ergeben – was grob Max Webers dreiteiliges Schema von charismatischer, traditioneller und legaler Autorität abbildet, wobei (wie er es tut) eine gewisse Kombination zwischen den dreien möglich ist. Je weniger solche konsolidierten Positionen jedoch existieren, desto freier kann die Führungsfunktion zirkulieren. Das ist die Realität des Rudels, in dem jedes Individuum auf Veränderungen in einer gemeinsamen Umwelt reagiert, anstatt kollektiv zu beraten oder einem einzigen Anführer zu folgen.
„Die Pole des [Lehrer-Schüler-]Widerspruchs zu versöhnen“, indem man sie „gleichzeitig zu Lehrenden und Lernenden macht“, bedeutet nicht zu verkünden, dass jeder alles weiß, oder dass alles, was Menschen über dieselbe Sache glauben, denselben Wert hat. Die grundlegende Bedingung dafür, dass es überhaupt Lernen geben kann, ist, dass Wissensgefälle existieren (in Theorie, Fertigkeit, praktischer Erfahrung, Wahrnehmung). Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass dieses Gefälle immer lokal ist – es bezieht sich auf ein bestimmtes Problem oder eine Situation und betrifft revidierbare Überzeugungen – statt Teil einer globalen Unterscheidung zu sein zwischen denen, die über alles wahre Wissen verfügen, und denen, die es nicht tun.

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