Alle Modelle sind falsch, aber manche sind nützlich.
– George Box
Die Karte ist nicht das Territorium.
– Alfred Korzybski
George Box’ Aphorismus weist auf ein grundlegend unbegreifbares Reales hin. Es ist nicht so, dass die Realität tatsächlich wie ein Modell funktioniert, das wir bloß noch nicht gefunden haben, sondern dass keine Modelle – keine Konzepte – jemals das, was ist, mit totaler Genauigkeit beschreiben werden. Wenn wir nicht glauben, dass Konzepte kategorisch wahre Beschreibungen erzeugen können, wie können wir dann glauben, dass sie kategorisch wahre Vorschriften erzeugen können? Diese Möglichkeit zu verneinen, ist der Kern der negativen Ethik.
Sich einer negativen Ethik zu verschreiben bedeutet, niemals die Karte mit dem Territorium zu verwechseln. Es bedeutet anzuerkennen, dass die einzige Karte, die nicht lügt, das Territorium selbst ist. Man mag eine Karte für den Pfad, den man gerade beschreitet, als angemessen erachten, aber zu diesem Schluss kann man nur kommen, weil man das Territorium sehen kann und somit die Karte verifiziert. Man „weiß“, dass ein ethisches System gut ist, weil es mit dem übereinstimmt, was man unmittelbar als moralisch wahrnimmt – d. h. intuiert – und das öfter als nicht.
Diese Karten – ethische Modelle – eignen sich vor allem für einen Zweck: Um sie Leuten zu geben, die ihrer Karte mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Territorium selbst. Der beste Weg, nicht von einer Klippe zu stürzen, besteht darin, darauf zu achten, wohin man geht; aber die nächstbeste Lösung ist eine Karte, die für die aktuelle Lage genau genug ist. Man mag jemandem eine andere Karte vorschlagen, von der man weiß, dass sie lokal genauer ist, aber man kann diese Garantie niemals global ausweiten.
Die negative Ethik zu ihrem Schluss zu folgen bedeutet, Karten persönlich ganz beiseite zu lassen, um sich stattdessen darauf zu konzentrieren, das Territorium selbst so klar wie möglich wahrzunehmen.
Der Weg, von dem gesprochen werden kann, ist nicht der ewige Weg.
– Laozi, Daodejing, Vers 1
Im Alltag scannen wir unsere Optionen nicht vorher ab, um dann diejenige auszuführen, die am besten ist. Wir gehen einfach mit dem um, was gerade ansteht. Wir stehen morgens auf und ziehen uns an, ohne es absichtlich zu planen. Auf die gleiche Weise helfen wir einem Freund. . . . Außerhalb der westlichen Tradition sahen die Daoisten des alten Chinas keine Kluft zwischen dem Ist und dem Soll. Richtiges Handeln war das, was aus einer klaren Sicht auf die Situation hervorging. Sie folgten nicht den Moralisten – zu ihrer Zeit die Konfuzianer –, die den Menschen mit Regeln oder Prinzipien bändigen wollten. Für Daoisten ist das gute Leben nur das natürlich gelebte Leben, das mit Geschick geführt wird. Es hat keinen praktischen Zweck. Es hat nichts mit dem Willen zu tun, und es besteht nicht darin, irgendein Ideal verwirklichen zu wollen.
Dies ist, meines Erachtens, das Nächste, was man in der zeitgenössischen Theorie zur negativen Ethik des daoistischen moralischen Narren finden kann.
– John Gray, Straw Dogs, zitiert nach HG Moeller, The Moral Fool
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